Videospiele für Erwachsene Mehr als Blei und Blut

Im Rennauto immer der Schnellste sein, im Kugelhagel überleben - und auch mal eine Prinzessin retten: Können Videospiele erwachsenen Spielern nicht mehr bieten? "Heavy Rain" ist eine Ausnahme - und womöglich ein Wegbereiter.

Von Gregor Wildermann


Ein Wochenabend Ende Februar in Paris. Ein großes Kino an den Champs-Elysées, Bodyguards und eine Menschenmenge, neugierige Blicke. Auf dem roten Teppich stehen an diesem Abend eher unbekannte Schauspieler wie Jaqui Ainsley, Pascal Langdale und Sam Douglas. Was auf den ersten Blick wie eine Filmpremiere aussieht, ist in Wahrheit die Präsentation des in Frankreich entwickelten Videospiels "Heavy Rain", das die Maßstäbe für eine spannend erzählte Geschichte mit den Möglichkeiten eines modernen Computerspiels neu definieren soll.

Im Saal sind nicht nur Spiele-, sondern auch Filmemacher: der 46-jährigen Hollywood-Regisseur Neil LaBute ("Lakeview Terrace"), der mit Samuel L. Jackson oder Renée Zellweger Filme drehte. Und der 69-jährige Brite Terry Gilliam, bekannt als Mitglied von Monty Python, als Regisseur zuletzt mit dem Fantasyfilm "Das Kabinett des Doktor Parnassus" in deutschen Kinos vertreten. Beide haben weder am Spiel mitgearbeitet, noch gelten sie als Game-Fachleute. Aber "Heavy Rain"-Entwickler David Cage hatte im Vorfeld diversen Regisseure Testexemplare geschickt und sie um ihre Meinung gebeten.

"Natürlich gibt es Abende, an denen ich mit meinem Sohn einfach nur auf der Couch sitzen will", sagt LaBute. "Und dann können wir auch ein ganz einfaches Ballerspiel in der Konsole anwerfen. Aber wenn ich als Erwachsener mir selbst ein Spiel kaufe, will ich in erster Linie von der Geschichte angesprochen werden. Erst wenn die mich emotional anspricht, kann ich doch wirklich in die Handlung eintauchen und muss nicht immer denken, dass man mich für blöd verkauft."

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"Heavy Rain": Killer-Thriller in Hochglanzoptik
Gilliam merkt man im Gespräch sofort an, das es ihn in den Fingern kitzeln würde, gleich selbst ein eigenes Videospiel zu entwickeln. "Als Regisseur verbringe ich einen guten Teil meiner Zeit damit, die Schauspieler am Set und alle engeren Mitarbeiter zu dirigieren. Viele Szenen muss man oft wiederholen. Wenn ich dann sehe, welche Möglichkeiten ich beim Erzählen einer Geschichte in einem Videospiel hätte, finde ich das einfach nur faszinierend." Er hab sich "immer wieder dabei ertappt, selbst ganz banale Dinge auf der Konsole gern zu tun", "verrückt" sei das.

Selbst wenn beide Regisseure an diesem Abend nicht ganz ohne Gage auftreten, bilden ihre Einschätzungen doch ein neues Branchen-Credo ab: Nicht nur Optik und Effekte zählen bei einem Spiel, auch die Geschichte muss endlich mit anspruchsvollen Fernsehserien oder Kinofilmen mithalten können.

"Was bisher geschah..."

Einige aktuelle Titel zeigen, wohin die Reise gehen könnte. Die Fortsetzungen von "Uncharted", "Bioshock" oder "Mass Effect" erhielten fast überall in der Fachpresse Höchstwertungen und würden vom Plot her fast ins Abendprogramm passen. Zwar spielen auch in diesen Spielen immer noch sehr viel Blei und Blut eine Rolle, doch Handlung, Animationen und Erzählbogen liegen deutlich über dem Durchschnitt früherer Spiele.

Das für Ende Mai erwartete Action-Adventure "Alan Wake" des eher kleinen finnischen Entwicklers Remedy Entertainment verschlang beinahe sechs Jahre Produktionszeit. Man selbst spielt Alan Wake, einen Buchautor, der wegen einer Schreibblockade in ein verlassenes Bergdorf zieht, dort jedoch seine Frau verliert und allerlei übernatürliche Dinge erlebt. Die Level des Action-Adventures sind ähnlich wie einer Fernsehserie in Episoden unterteilt und werden mit dem typischen Satz "Previously on Alan Wake" (was bisher geschah) immer wieder zusammengefasst.

"'Twin Peaks' war wichtiger für uns als manches Videospiel"

Die Kamera trennt sich selbst bei Dialogszenen mit anderen Personen fast nie ganz von Hauptcharakter. Durch die Off-Texte, gesprochen vom US-Schauspieler Matthew Porretta, erlebt man die Ereignisse sehr intensiv. Der 40-jährige Sam Lake, der bei Remedy Entertainment für die Handlung und alle Dialoge des Spiels verantwortlich war, betont den Wert solcher Stilmittel: "Alan Wake ist in erster Linie ein Spiel, das durch die Handlung angetrieben wird", sagt der gebürtige Finne. "Erst wenn diese Story überzeugt, kann es in Kombination mit dem Gameplay auch den Spieler überzeugen. Wir haben uns bei den Einflüssen auch tatsächlich eher von Büchern und Fernsehserien sowie generell von der Popkultur leiten lassen. Da war eine Serie wie 'Twin Peaks' wichtiger als manches Videospiel!"

Während kleinere Budgets und technische Beschränkungen oft nur sehr lineare Geschichten in Videospielen ermöglichen, dürften sich in Zukunft nicht zuletzt sogenannte Sandbox-Games im Stile der "Grand Theft Auto"-Reihe (GTA) von normaler Kinofilmunterhaltung abheben. Ein aktuelles Beispiel ist "Red Dead Redemption", das ab Ende April Spieler in die Rolle des Wildwest-Helden John Marston versetzen soll.

Der Spieler entscheidet selbst, ob er oder sie nur einfach mit dem Pferd durch die Prärie reitet, auf Viehdiebe schießt oder sich mit einem General der mexikanischen Armee verbündet. Aufträge und Nebenmissionen vermischen sich. Ähnlich wird das für Ende des Jahres erwartete "L.A. Noire" funktionieren, das von einem australischen Entwicklerstudio umgesetzt wird. Statt der sonst üblichen bunten Videospielkulissen ist die Handlung im eher düsteren Stadtbild des Los Angeles von 1947 angesiedelt - ein Spiel für Fans von Raymond Chandler oder James Ellroy.

Die Branche, so scheint es, beginnt endlich, Spiele zu entwickeln, die nicht nur wegen ihrer gewalttätigen Inhalte das Prädikat "für Erwachsene" verdienen.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
testthewest 13.03.2010
1. könnt ihr nicht einmal orginell sein?
Zitat von sysopIm Rennauto immer der Schnellste sein, im Kugelhagel überleben - und auch mal eine Prinzessin retten: Können Videospiele erwachsenen Spielern nicht mehr bieten? "Heavy Rain" ist eine Ausnahme - und womöglich ein Wegbereiter. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,683286,00.html
Was heisst hier noch mehr? Computerspiele lassen einen Dinge tun, die sonst unmöglich sind oder mit dem sicheren Tod einhergehen (Raserei auf der Autobahn oder alleine gegen eine Armee an Gegnern). Irgendeinen lauwarmen Krimi nachzuspielen interessiert doch kein Mensch. Also, lieber Spiegeljournalisten: Könnt ihr nicht einmal orginell sein? Einmal gegen den Medien-strom schwimmen? Einmal sowas wie Rückrat haben?
sozialminister 13.03.2010
2. Prädikat "für Erwachsene"?
Ich finde dies über die Handlung eines Spieles zu definieren äußerst unpassend. Ein gutes, erwachsenes Spiel braucht nicht zwangsläufig eine adäquate Erzählung. Ein Spiel ist kein Film. Das wichtigste an einem Spiel ist immer noch das Gameplay. Wer lieber auf Erzählungen steht, der sollte nicht unbedingt mit Videospielen anfangen, denn dort sind die Geschichten meist bestenfalls Durchschnitt. Selbst bei den hier angesprochenen Beispielen darf man nicht zuviel erwarten. "Heavy Rain" ist zwar ein interessantes Projekt und auch mal eine willkommene Abwechslung, aber erzählerisch ist das Spiel auch wie sein geistiger Vorgänger "Fahrenheit" (auch von David Cage geschrieben) nicht das Beste vom Besten. Spielerisch bringen diese Spiele auch nur wegen ihrer Einzigartigkeit Spaß. Sollten in Zukunft mehr dieser Spiele gemacht werden, wird sich das ganz schnell abnutzen. Ansonsten sollte man sich wirklich mehr auf die spielerischen Aspekte konzentrieren, wenn man das "Erwachsen Sein" von Videospielen feststellen möchte. Wer anders denkt, der sollte wirklich lieber Filme und Serien schauen, oder Bücher lesen. Spiele sind nunmal Spiele. Und sowas wie Tetris, was überhaupt keine Geschichte erzählt, ist für mich auch geweisserweise erwachsen. Erwachsen sollte doch sein, wenn es von Jüngeren nicht verstanden werden kann. Beim Spielen definiert sich das aber nunmal durch die Vielschichtigkeit des Spiels. Ein Spiel sollte gewisse spielerische Tiefen aufweisen. Es sollte komplex sein. Man sollte sich in die spielerischen Elemente hineindenken müssen. Das ist für mich der Anspruch, den ich als Erwachsener an ein Spiel stelle. Heavy Rain hingegen ist nur noch grenzwertig als Spiel zu betrachten. Es ist mehr ein interaktiver Film. Ich glaube wohl kaum, daß dies der Spieleweisheit letzter Schluss sein soll, liebe Erwachsene :)
LudwigN 13.03.2010
3. Ein Spiel ist kein Film
Schach kommt auch ohne jegliche Story aus, und ist trotzdem ein sehr erwachsenes Spiel. Spiele wie Heavy Rain sind für mich trotz der tollen Story wesentlich uninteressanter als viele simpler erzählte Spiele die den Fokus aufs Gameplay richten. Genau wie beim Schach sind z.B. die Gegner in einem Egoshooter auch nur Platzhalter an denen ich mich zum Ziel, dem Sieg, abarbeiten muss. Und je nach Gestaltung mit mal mehr oder mal weniger Taktik. Geniale Spielideen wie Tetris, Sudoku, Schach, Flugsimulationen, Egoshooter, etc. muss man nicht mit Geschichten unterfüttern damit sie funktionieren. Das wäre sogar eine Spielspassbremse.
tetaro 13.03.2010
4. Vorschläge
Zitat von sysopIm Rennauto immer der Schnellste sein, im Kugelhagel überleben - und auch mal eine Prinzessin retten: Können Videospiele erwachsenen Spielern nicht mehr bieten? "Heavy Rain" ist eine Ausnahme - und womöglich ein Wegbereiter. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,683286,00.html
Eigentlich finde ich es angenehmer einen Film passiv zu sehen (auf DVD etc.) Aber es könnte in der Tat ganz andere oder mehr Spiele für Erwachsene geben, Lebenssimulationen machen mir Freude, sozusagen der kleine Baukasten für verhinderte Sozio- oder Biologen. Oder reine Entdeckungsspiele, gebt mir einen virtuellen Planeten zum Erkunden, und das ohne Aliens die ich bekämpfen muss.
Kai Frederking 13.03.2010
5. Fragwürdige Vorschusslorbeeren
Gregor Wildermann scheint ja noch nicht lange am Computer zu spielen. Heute ist zwar die Grafik besser und es wird motion capture für die Darstellung von Bewegungsabläufen genutzt, gute (und schlechte) Stories hat es aber schon vor langer Zeit gegeben. Wer noch Infocom Textadventures kennt (z.B. "A Mind Forever Voyaging von 1985) oder mal "System Shock" (1994) gespielt hat, der weiß was ich meine. Damals wurden allerdings keine Promi-Empfänge zur Veröffentlichung gegeben, mit denen man Rezensoren beeindrucken konnte. Ob "Heavy Rain" tatsächlich etwas taugt, oder wie sein Vorgänger aus gleichem Haus, "Fahrenheit", nach interessantem Anfang in eine Wirre Geschichte abgleitet, durchwandert im ständigen Kampf mit unzulänglicher Steuerung, das bleibt noch abzuwarten.
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