Eltern und Videospiele Erst die Gute-Nacht-Geschichte, dann »Doom«

Kinder verändern das Leben vieler Menschen massiv: Gerade fürs Hobby Videospielen bleibt Neueltern oft nur wenig Zeit. Staub fangen muss der Controller deshalb nicht.
»Doom Eternal«: Ganz sicher kein Spiel für Kinder

»Doom Eternal«: Ganz sicher kein Spiel für Kinder

Foto: id Software via Steam

Hilfe, meine Kinder spielen zu viel! In vielen Medien ist das der übliche Blick aufs Thema Games und Familie. Dabei gibt es längst mehrere Generationen von Eltern, die selbst spielend aufgewachsen sind: Menschen, die auch mit Kind oder Kindern weiterhin spielen wollen, so wie sie auch andere Hobbys wie Bücher oder Filme nicht einfach aufgeben. In solchen Familien stellt sich zwischen Schreib- und Wickeltisch, zwischen Geschirrberg und Gequengel mitunter eine ganz andere Frage: Wie komme ich hier, trotz allem, überhaupt noch selbst zum Spielen?

»Videospiele helfen nicht nur Kindern und Jugendlichen dabei, sich zu unterhalten«, sagt der Medienpädagoge Severin Scheeler. Auch Erwachsene würden mit Games Freunde finden, Freundschaften intensivieren, epische Geschichten erleben, sich frei fühlen, kreativ sein, sich entspannen.

»Wir sollten uns als Spielerinnen und Spieler immer wieder Möglichkeiten schaffen, um diesem Hobby trotz Berufstätigkeit und mit Familie nachzugehen«, sagt Scheeler, der an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm lehrt.

Praktisch ist das oft leichter gesagt als getan. Scheelers Rat: die Augen nach Chancen offenhalten. Irgendwo ergeben sich eigentlich immer Freiräume, meint er – kleine temporäre Inseln paradiesischen Leerlaufs. »Sei es etwa, während man selbst auf den Bus wartet oder im Auto auf das Kind«, sagt Scheeler, »auf dem Weg zur Arbeit oder in kurzen Pausen zwischendurch.«

Zwischen Spiellust und -flaute

Katharina Trautvetter ist gerade in Elternzeit, die Gamerin und Redakteurin betreibt mit ihrem Partner das Spielekulturportal »Gamerrepublic«. Während der Schwangerschaft und nach der Geburt wechselten sich bei ihr Phasen der Spiellust und -gelegenheit mit solchen der absoluten Flaute ab. »In den ersten ein bis zwei Wochen nach der Geburt heißt es nur: Zocken? Kann man das essen?«, erinnert sich Trautvetter. »Du hast keinen Nerv fürs Zocken. Jedenfalls ging es mir so.«

Dann jedoch änderte sich etwas: »Nach etwa zwei bis drei Wochen hatten das Baby und ich uns aneinander gewöhnt und das Stillen klappte prima«, sagt Trautvetter. »Sogar so gut, dass ich gelernt habe, gleichzeitig zu stillen und zu zocken. Mit Controller natürlich und von der Couch aus.«

Mobile-Game »Merge Dragons!«: In manchen Situationen genau das Richtige

Mobile-Game »Merge Dragons!«: In manchen Situationen genau das Richtige

Foto: Gram Games via mergedragons.com

Die Redakteurin sagt, dass ihr das Spielen gutgetan habe. Das meditative Mobile-Game »Merge Dragons!« etwa habe ihre Schwangerschaftsübelkeit gelindert, so Trautvetter. In der Stillzeit habe sie später vor allem kurzweilige Titel gespielt, die man häppchenweise genießen und jederzeit pausieren kann: Point-and-Click-Adventures etwa oder Indie-Games, die tendenziell kürzer sind als die großen Blockbuster.

Drei Tipps fürs Zwischendurch-Spielen
  • Am flexibelsten ist man heutzutage mit Smartphone-Spielen oder Nintendos Mobilkonsole Switch: Hier dauert ein Spielstart oft nur wenige Sekunden und es gibt viele Rätsel- oder Puzzlespiele ohne Zeitdruck. Und wenn die Spielesession abrupt endet, kann ein Handy oder eine Switch sofort wieder in der Tasche verschwinden.

  • Sonys Playstation 5 und Microsofts neue Konsolen Xbox Series X und Xbox Series S haben allgemein deutlich kürzere Ladezeiten als die Vorgängermodelle. Beide Xbox-Geräte bieten zudem eine Funktion namens Quick Resume. Diese ermöglicht es, sofort wieder dort weiterzumachen, wo man zuletzt war, ohne sich erst durch allerlei Menüs zu navigieren. Auch das spart im Alltag Zeit.

  • Multiplayer-Titel, in denen man online gleichzeitig mit oder gegen viele andere Spielerinnen und Spieler spielt, lassen sich oft schwer in den Tagesablauf integrieren. Hier kann es helfen, sich auf Titel zu konzentrieren, die absehbar kurze Rundenzeiten haben, wie »Rocket League«. Eine Partie Drei-gegen-Drei dauert hier meist nur fünf Minuten, mit Wiederholungen und ähnlichen sind es vielleicht acht.

»Doom« nach der Gute-Nacht-Geschichte

Geht es manchen Eltern anfangs vor allem ums Spielen trotz Kindern, beginnt irgendwann, oft ab sechs Jahren, eine neue Phase: die des Spielens mit Kindern, was viele deutlich schöner finden. Auch Medienpädagoge Scheeler sieht Chancen darin, wenn Kinder und Eltern gemeinsam spielen, etwa indem sie eine Familienburg in »Minecraft« bauen. »Gemeinsam Erfolge feiern, Welten erschaffen und Schwierigkeiten beseitigen – das schweißt zusammen, verbindet und macht Spaß«, sagt er.

»Minecraft«: Ein gutes Spiel für Kinder und Erwachsene

»Minecraft«: Ein gutes Spiel für Kinder und Erwachsene

Foto: Pixabay

Bei Katharina Trautvetter haben die Kinder beeinflusst, was und wann sie spielt. »Mario Kart«, »Just Dance«, »Nintendo Labo«, »Pokémon«, »Animal Crossing«, solche Spiele stehen bei ihr nun hoch im Kurs – mit den Kindern und wegen der Kinder.

Für die »World of Warcraft«-Veteranin, auf deren persönlicher Spielwunschliste sonst wenig kindgerechte Titel, zum Beispiel »Assassin's Creed« und »Horizon Zero Dawn«, stehen, heißt es nun oft: warten. Entweder darauf, dass die Kinder älter sind. Oder darauf, dass sie im Bett liegen. Denn wenn die Kinder schlafen, das machen sich auch andere spielende Eltern zunutze, ist auch mal eine Ab-18-Runde »Doom Eternal« oder »The Witcher 3: Wild Hunt« drin – vorausgesetzt, nach einem langen Tag bleibt dafür genügend Energie.

Von Quest zu Quest

Spiele epischer Länge – wie »The Witcher 3« – haben allerdings das Problem, dass die Immersion leidet, wenn man das Spiel oft unterbrechen muss oder immer nur in Fragmenten spielt. Wer hier empfindlich reagiert, für den bieten sich eher Spiele an, die sich häppchenweise in den Alltag integrieren lassen. Mit solchen Games lasse sich Frustration vermeiden, die entsteht, »wenn man so viel Angefangenes oder Ungespieltes vor sich hat«, meint Severin Scheeler.

Oder aber man kultiviert beim Spielen eine Schritt-für-Schritt-Mentalität und denkt von Quest zu Quest, von Level zu Level, von Speicherpunkt zu Speicherpunkt. Das ist kleinteiliges Spielen, dafür ganz im Moment. Wenn man einmal akzeptiert, dass es so am realistischsten vorangeht, muss man auch lange, komplexe und storylastige Spiele nicht mehr von der Wunschliste streichen.

Ein weiterer schöner Nebeneffekt: Im Spiel trainiert man Geduld und Gelassenheit, was einem zwischen Windelnwechseln, Geschwisterkind-Balancieren und Zoom-Meeting genauso weiterhilft.

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