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21. September 2011, 12:25 Uhr

Virtuelles Schlangestehen

Das langweiligste Spiel der Welt

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Ist das noch Kunst? Oder nur noch Qual? Im Computerspiel "The Artist is present" muss der Spieler in einem Museum mehrere Stunden lang in der Warteschlange ausharren. Die virtuelle Geduldsprobe basiert auf einer realen Vorlage. Wer sie durchhält, gehört zur Weltspitze der Gaga-Gamer.

"The Artist is present" hieß eine Performance, die im Frühjahr 2010 weltweit Aufsehen erregte: Die Künstlerin Marina Abramovic hatte sich im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) an einen Holztisch gesetzt. Schweigend, für insgesamt 75 Tage. Fortan hatten Museumsbesucher die Möglichkeit, gegenüber der Serbin Platz zu nehmen. Das klingt nicht gerade nach Spektakel. Dennoch standen viele Menschen stundenlang in der Warteschlange, um Teil des stillen Schauspiels zu werden. Vor der Künstlerin gab es nämlich nur einen einzigen Stuhl.

Jetzt darf wieder auf einen Platz bei Abramovic gewartet werden - virtuell. Ein Kopenhagener Programmierer hat ihre Performance in einem Computerspiel adaptiert. Wobei das Wort "Spiel" fast zu spannend klingt. Denn die Wartezeiten wurden realistisch umgesetzt. In der Regel dauert es daher mehrere Stunden, bis der Protagonist das Ziel - sprich: die Künstlerin - erreicht. Diese besteht natürlich auch nur aus einer Handvoll Pixel. Willkommen im wohl langweiligsten Spiel der Welt.

"Kein Shooter, mehr ein Waiter"

Pippin Barr heißt der Mann, der das Schlangestehen zum Game-Prinzip erhoben hat. "Die Idee, Abramovics Aktion zu einem Spiel zu machen, war eigentlich nur ein verrückter Einfall", sagt Barr, der im Zentrum für Computerspielforschung der IT-Universität von Kopenhagen arbeitet. "Es gibt wenige Spiele, die sich so stark am echten Leben orientieren. Und die Performance bot viele Aspekte, die sich dafür anbieten, in ein Spiel übertragen zu werden - besonders die Idee des Wartens auf eine sehr subjektive Belohnung." Auf seiner Website fasst Barr seine virtuelle Geduldsprobe mit wenigen Worten zusammen: "Das Spiel ist definitiv kein Shooter, mehr ein Waiter."

Nicht einmal vordrängeln kann man sich. Wer zu Marina Abramovic durchstürmen will, wird von einem Aufseher zurechtgewiesen. Auch sind die computergesteuerten Museumsbesucher gnadenlos. Ein Tastendruck in die falsche Richtung (Motto: "Mal schauen, was passiert") genügt, schon macht der Protagonist einen Schritt aus der Schlange. Das hat fatale Folgen: Prompt rücken alle Wartenden auf, man muss sich wieder hinten aufstellen. Abgesehen vom Erreichen von Abramovics Tisch dürfte so ein Fehltritt der emotionalste Moment des Spiels sein. Danach platzt man fast vor Wut - wenn man die Sache ernst nimmt.

Nur wer durchhält, wird belohnt

Statistiken, wie lange die Tester seines Spiels im Schnitt durchhalten, führt Pippin Barr angeblich nicht. "Aber es ist doch klar, dass viele Spieler schnell einen Blick ins Spiel werfen, die Schlange sehen und es dann sofort wieder beenden." Deutsche Gamer könnten sogar schon beim Starten des Spiels genervt reagieren. Denn Barrs virtuelles Museum hat dieselben Öffnungszeiten wie das echte Museum of Modern Art: Dienstags geschlossen, Mittwoch bis Montag jeweils geöffnet von 16.30 bis 23.30 Uhr deutscher Zeit. Zum Nebenbei-Laufenlassen bei der Arbeit eignet sich "The Artist is present" also höchstens bei Spätschichten.

Auf Cheats zum Überbrücken der Wartezeit hat Pippin Barr bewusst verzichtet. "Am Anfang gab es allerdings einen Bug, der es ermöglichte, durch die Luft zu fliegen", erzählt der Programmierer. "So konnte man ohne Warten in den abgegrenzten Bereich mit Marina gelangen." Barr hat den Fehler schnell entfernt. Nur wer durchhält, soll belohnt werden.

Angestanden für Marina Abramovics echte Performance hat Barr übrigens nie.

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