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10. Juni 2019, 04:54 Uhr

Microsoft-Show zur Spielemesse E3

Punktsieg ohne Gegner

Aus Los Angeles berichtet

Blockbuster enthüllt? Check. Games-Flatrate ausgebaut? Check. Neue Konsolen-Generation eingeläutet? Check. Microsofts E3-Show war diesmal konkurrenzlos gut - weil sich Erzrivale Sony das Duell sparte.

Microsoft bringt zum Weihnachtsgeschäft 2020 eine neue Generation seiner Xbox-Spielkonsole auf den Markt. Das ist die aufregendste Ankündigung der Xbox-Produktshow im Vorfeld der Dienstag startenden Spielemesse E3. In anderthalb Stunden präsentierte Microsoft gleich 60 kommende Games für die Xbox One und Windows-Computer. Darunter war das bereits 2018 enthüllte und auch für Xbox One und PC angekündigte "Halo Infinite" der einzige Titel, der explizit als Spiel für die nächste Xbox inszeniert wurde.

Sein neues Konsolenprojekt nennt Microsoft "Scarlett", allzuviel verriet der Konzern dazu noch nicht. Die neue Konsole werde neue Maßstäbe "in Sachen Rechenleistung und Geschwindigkeit" setzen, heißt es so erwart- wie frei interpretierbar in einer Pressemitteilung. Die Rede ist nur von einem "speziell entwickelten AMD-Prozessor" (der angeblich vier Mal so schnell ist wie der der Xbox One X), einem "GDDR6-Speicher" und einem "Solid State Drive (SSD) der nächsten Generation".

Auf Project Scarlett sollen sich "Tausende von Spielen über vier Konsolengenerationen hinweg" spielen lassen, wird noch erwähnt. Zum Preis, zum Controller oder zu Starttiteln jenseits von "Halo Infinite" dagegen sagt Microsoft nichts.

Ähnlich schnell wurde das Thema Spielestreaming abgehandelt, ein weiteres wichtiges Projekt Microsofts. Dazu hieß es recht knapp, dass Spieler ab Oktober Games wie "Halo 5: Guardians" von ihrer Xbox-One-Konsole oder aus der Cloud auf Mobilgeräte streamen können.

Sony fehlt dieses Jahr in Los Angeles

Gerade was die Konsolenzukunft angeht, hatten viele Fans mehr Details erwartet - besonders, weil Microsoft die große Bühne quasi für sich allein hatte. In den Vorjahren hatte es später am selben Tag stets noch eine Show des Konkurrenten Sony gegeben. Diesmal jedoch verzichtet der Playstation-Hersteller auf eine E3-Präsenz. Wie eine Playstation 5 - oder eine solche Konsole mit anderem Namen - aussehen könnte, hatte der japanische Konzern dafür bereits Mitte April skizziert.

Sonys nächste Konsole wird demnach mit älterer Hardware wie Playstation VR sowie mit Playstation-4-Games kompatibel sein und soll - dem SSD sei Dank - deutlich kürzere Ladezeiten bieten. Die Pläne von Microsoft und Sony - die kürzlich übrigens eine strategische Partnerschaft eingingen, womöglich angesichts von Googles Markteintritt beim Game-Streaming - sind sich also durchaus ähnlich.

Für Microsoft war es ohne den Direktvergleich mit einem Playstation-Event recht leicht, mit seiner Show gut auszusehen: Man sammelte fleißig Punkte, was jedoch einfacher ist, wenn kein Konkurrent derselben Gewichtklasse im Ring steht. Es war ein "easy win" für Microsoft, ein einfacher Sieg. So mussten etwa Dritthersteller dieses Jahr gar nicht erst darüber nachdenken, bei welcher der zwei großen Shows sie ihre Spiele zeigen.

Elf Weltpremieren

Zu sehen war bei Microsoft unter anderem ein neuer Trailer zu CD Projekt Reds Blockbuster "Cyberpunk 2077". Das Science-Fiction-Spiel wurde anschließend auf den 16. April 2020 terminiert und von "Matrix"-Star Keanu Reeves vorgestellt - er spielt darin auch eine Rolle, wie jetzt bekannt wurde.

Neben neuem Material zu sehnsüchtig erwarteten Spielen wie "Ori and the Will of the Wisps" gab es auch elf Games-Weltpremieren. In diese Kategorie fiel etwa das in einem Wald angesiedelte Horrorspiel "Blair Witch" und "Elden Ring", ein Fantasy-Titel, an dem From Software - das ist das Studio hinter "Dark Souls" - mit Unterstützung mit George R. R. Martin arbeitet, dem Autor der "Game of Thrones"-Vorlage "Das Lied von Eis und Feuer".

Microsoft konnte diesmal auch gleich 14 Titel eigener Studios zeigen, darunter "Bleeding Edge", ein Vier-gegen-Vier-Helden-Kampfspiel. Entwickelt wird das an "Overwatch" erinnernde Werk vom Studio Ninja Theory ("Hellblade"), das 2018 von Microsoft gekauft wurde - wie auch diverse andere Entwickler.

Und noch scheint Microsofts Einkaufstour, die dem Unternehmen attraktive Konsolen-Exklusivtitel beschert, nicht beendet zu sein: Als jüngster Neuerwerb wurde jetzt Tim Schafers Studio Double Fine Productions präsentiert. Double Fine ist für Spiele wie "Broken Age" bekannt, gerade wird an "Psychonauts 2" gearbeitet.

Der Game Pass kommt auf den PC

Für Xbox-Spieler sind das alles gute Nachrichten, zumal laut Microsoft rund die Hälfte aller gezeigten Titel sofort bei Erscheinen im Xbox Game Pass landet. Wer dieses Flatrate-Angebot für gut zehn Euro im Monat abonniert, kann die Spiele so lange ohne Zusatzkosten spielen, wie er Abokunde bleibt. Im noch recht jungen Markt der Games-Flatrates ist der Game Pass mit seinen schon jetzt über 100 Titeln ein gutes Angebot - vor allem für Spieler mit breitem Geschmack.

Von nun an gibt es übrigens auch einen Game Pass für PC-Spieler, zu den gleichen Konditionen, aber einem etwas angepassten Spieleportfolio. Zu den Titeln, die man hier für die zehn Euro spielen kann, zählen "Metro Exodus" und "Forza Horizon 4". Teil des PC-Pakets ist auch der "Football Manager 2019", ein Spiel, in dem sich Taktik-Experten verlieren können. Beim E3-Publikum sorgte seine Erwähnung allerdings für wenig Begeisterung - Amerikaner sind offenbar noch immer nicht die größten Fußballfans.

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