Zwangsarbeit in China Drachen schlachten für den Knast-Aufseher

Tagsüber schuften im Steinbruch, nachts digitale Kräuter züchten und Drachen jagen: In einem chinesischen Gefängnis wurden Häftlinge jahrelang gezwungen, per Computer virtuelle Reichtümer anzuhäufen - ihre Wärter münzten sie dann in bares Geld um.
"World of Warcraft": Ein Spiel im Westen, Strafarbeit in chinesischem Gefängnis

"World of Warcraft": Ein Spiel im Westen, Strafarbeit in chinesischem Gefängnis

Was Liu Dali (Name geändert) durchmachen musste, könnte manchem Rollenspiel-Fan auf den ersten Blick wie ein Traum erscheinen: Drei Jahre lang wurde er gezwungen, das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" zu spielen. Jeden Tag wurde er im Gefängnis stundenlang vor einem Computer gesetzt und musste virtuelle Reichtümer anhäufen. Ein Spaß war das nicht, nicht für Liu und nicht für die 300 Mitgefangenen im Arbeitslager Jixi, die sein Schicksal teilten, wie er jetzt dem britischen "Guardian"  erzählte.

Zusätzlich zu den langen Nächten am Computer mussten die Gefangenen jeden Tag bis zu zwölf Stunden reguläre Zwangsarbeit leisten. Mal habe er in einer Kohlemine Steine schleppen, mal Essstäbchen oder Zahnstocher schnitzen, mal Sitzbezüge für ausländische Pkw-Hersteller zusammennähen müssen. Schwere Arbeit, die den Gefangenen alle Kraft abverlangte. Überdies habe er kommunistische Literatur auswendig lernen müssen, erzählt Liu, "um seine Schulden an die Gesellschaft zurückzuzahlen."

Kurios: Liu war lange Zeit selbst Gefängniswärter. Auf die andere Seite der Zellentüren kam er, weil er sich in seiner Heimatstadt über Korruption beschwert hatte. Ein Fehler, wie der heute 54-Jährige bald feststellen musste, als ein Gericht ihn wegen des Vorwurfs, er habe "illegale Anträge" gestellt, zu drei Jahren Gefängnishaft verurteilte.

"WoW" hinter Gittern

Dass er dort, hinter Gefängnismauern und -zäunen, ausgerechnet das im Westen populäre Online-Rollenspiel "World of Warcraft" ("WoW") würde spielen müssen, hatte er wohl nicht erwartet. Doch für die Aufseher waren die Zwangsspieler eine lukrative Einnahmequelle. Er habe gehört, wie sie sagten, sie würden 5000 bis 6000 Yuan (540 bis 650 Euro) pro Tag durch die Spieler verdienen, sagt Liu heute. Die Computer seien nie abgeschaltet worden.

Der Grund für die ungewöhnliche Zwangsarbeit ist das Wirtschaftssystem, das sich rund um die Fantasy-Welten von Computerspielen wie "World of Warcraft" und "EverQuest" entwickelt hat. Zu den Grundprinzipien gehört es, dass sich der Spieler seinen Aufstieg innerhalb der Hierarchie mühsam erarbeiten muss. Nur wer lange und ausdauernd mitspielt, kann etwa in "World of Warcraft" das virtuelle Gold erarbeiten, das er braucht, um sich neue Ausrüstungsgegenstände oder Fähigkeiten zu kaufen. Und die sind nötig, um weiter voranzukommen.

Der Weg zum virtuellen Reichtum aber ist nicht nur mühsam, sondern auch langweilig. "Farming" oder "Goldfarming" nennen "WoW"-Spieler das wiederholte Ausführen bestimmter Aufgaben, um an Spielwerte wie Gold zu kommen: immer wieder an einer bestimmten Stelle im Spiel Mineralien abbauen oder immer wieder in einer bestimmten Region Monster erschlagen.

Kauf dir den Aufstieg

Weil aber viele Spieler keine Lust haben, sich stunden-, tage- oder wochenlang abzuplagen, um den nächsten Level zu erreichen, hat ein schwunghafter Handel mit virtuellen Waren, vor allem mit virtuellem Gold, eingesetzt. Schon seit den neunziger Jahren werden solche Waren und Währungen gegen echtes Geld gehandelt. Während dieser Handel allerdings lange Zeit von Amateuren betrieben wurde, die ihre Güter über Plattformen wie Ebay anbieten, hat sich die Branche in den vergangenen zehn Jahren stark professionalisiert. Portale wie IGE.com bieten Spielgold in fixen Stückelungen zu festen Preisen zum Sofortkauf an. 10.000 Goldstücke kosten dort derzeit zwischen 20 und 70 Euro, je nachdem, über welchen "WoW"-Server man online geht. Wer bereit und in der Lage ist, entsprechend tief in sein Portemonnaie zu greifen, kann sich mühelos seinen Aufstieg erkaufen.

Die Nachfrage ist immens. Mit dem Verkauf eines "WoW"-Roboter-Programms, das dem Spieler das eintönige "Farming" abnimmt und automatisiert, hat der Programmierer Mike Donelly Millionen verdient - und sich den Zorn von Spiele-Hersteller Blizzard-Entertainment eingehandelt. Noch viel mehr Umsatz aber machen die Handelsportale. Die jährlichen Transaktionssummen werden, staatlichen Verboten und Verboten durch die Spielehersteller zum Trotz, auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt.

Trolle töten, essen, schlafen

China gilt als wichtigster Lieferant der virtuellen Währungen. Mehr als zweihunderttausend schlecht bezahlte Lohnarbeiter sollen laut "Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung" schon 2006 in der Branche tätig gewesen sein. Auch Kinderarbeit sei üblich. Und genau so wie es der Zwangsarbeiter Liu schildert, sollen die Arbeiter in den gut 2000 "Goldfarmen" des Landes sich im Zweischichtbetrieb durch die Fantasy-Welten kämpfen. Wer gerade nicht Trolle tötet, der isst oder schläft, am besten direkt auf dem Firmengelände, damit die Wege kurz bleiben.

Dass die Arbeiter den Job trotzdem machen, hat einen einfachen Grund: Die Arbeit in den "WoW"-Fabriken wird besser bezahlt als Jobs an den Fließbändern der Fabriken: 70 bis 230 Euro bekommen die Spiel-Profis pro Monat. Zum Vergleich: Ein Fabrikarbeiter verdient bei dem Elektronikhersteller Foxconn, der unter anderem Apples iPhones zusammenbaut, nur wenig mehr als 100 Euro pro Monat. Foxconn-Fabriken aber gibt es nicht überall im Land, ein paar hundert Computer für eine "Goldfarm" kann man dagegen so ziemlich überall aufbauen. Auch mitten auf dem Land, wo es wenig Arbeit gibt - oder eben in einem Arbeitslager.

Ob es in Chinas Gefängnissen immer noch so zugeht wie während seiner Haftstrafe, kann Liu heute nicht zweifelsfrei klären, er hatte seine Strafe 2007 abgesessen. Zwei Jahre später führte die Regierung ein Gesetz ein, wonach nur noch staatlich lizenzierte Betriebe für den Handel mit virtuellen Waren zugelassen sind. Ob das allerdings Gefängniswärter bremsen kann, die an einem Tag mit erzwungenem "Goldfarming" mehr Geld verdienen als sie sonst in mehreren Monaten auf ihrem Gehaltsscheck finden, darf man bezweifeln.

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