Sascha Lobo

Geschlechterdebatte Wie gut finden Sie Zwangssterilisation?

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Behauptung, es gebe prinzipiell nur zwei Geschlechter, ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern ein Angriff. Für die Betroffenen geht es um Leben und Tod.
Diverse LGBTQI-Flaggen: Transfeindlichkeit eignet sich als Hasskitt quer durch politische und gesellschaftliche Lager

Diverse LGBTQI-Flaggen: Transfeindlichkeit eignet sich als Hasskitt quer durch politische und gesellschaftliche Lager

Foto: Vladimir Vladimirov / Getty Images

Wie gut finden Sie Zwangssterilisation? Das ist eigentlich eine absurde Frage in einer liberalen Demokratie. Würde man in einer Fußgängerzone Leute fragen, wann es in Deutschland so etwas wie Zwangssterilisationen gab, würden viele wohl auf die Nazi-Zeit tippen. Das ist nicht ganz richtig. Eine gar nicht so seltene Form von vorweggenommener Sterilisation wurde erst im Mai 2021 verboten. Nämlich die vollkommen willkürliche Festlegung eines Geschlechts bei intersexuellen Kindern, auf deren Basis oft eine Operation vorgenommen wurde, die eine spätere Zeugungsfähigkeit zerstörte. Bis 2011 waren Sterilisation und Kastration sogar gesetzlich verpflichtend  – für Menschen, die ihren Personenstand ändern wollten, also den Geschlechtseintrag. Faktisch vertrat der Gesetzgeber also die Haltung, Transgender-Personen dürfen sich nicht fortpflanzen. Im Jahr 1981 trat das Gesetz zu dieser unmenschlichen Praxis in Kraft, und geändert wurde es nicht etwa von einsichtigen Politikern, sondern durch ein Verbot des Bundesverfassungsgerichts.

Diese Hintergründe sind wichtig, weil im Moment eine in Teilen bizarre und sogar boshafte Geschlechterdiskussion im Gang ist, die rund um trans und nicht binäre Personen geführt wird. Und genau bei der erwähnten Zwangssterilisation wird deutlich, wie entscheidend Erzählungen und damit Debatten sind. Denn die Gesetzgebung von 1981 beruht auf der Idee, dass man den Geschlechtseintrag nur ändern darf, wenn man sich zuvor hat sterilisieren lassen. Es gab und gibt keinen irgendwie medizinisch nachvollziehbaren Grund dafür. Es ist ausschließlich der damals verbreitete Gedanke, das müsse eben so sein.

Trans personen gab es schon immer

Transgender-Personen wissen deshalb sehr genau um die Macht der Geschlechterdebatte, weil so die Haltung der Mehrheit beeinflusst wird, die wiederum ganz konkrete Auswirkungen auf ihr Leben hat. Und ihr Sterben. Denn die Zahl der Transgender-Personen, die sich töten oder den Versuch unternehmen, ist astronomisch hoch. In Deutschland gibt es bei Jugendlichen mit Transidentität eine fast sechsmal höhere Wahrscheinlichkeit  des Suizidversuchs, in den USA haben über 50 Prozent der transidenten Jungen und jungen trans Männer zwischen 11 und 19 Jahren bereits mindestens einen Suizidversuch  unternommen. Die Gründe dafür sind erforscht, sie liegen Studien zufolge nicht so sehr – wie viele annehmen – an der Geschlechteridentität selbst, sondern am gesellschaftlichen Umgang oder präziser: an der Diskriminierung, die Transgender-Personen erfahren.

Daraus speist sich offensichtlich auch die manchmal beklagte Aggressivität einiger transaktivistischer Personen – wer einerseits um sein Leben kämpft und über Jahrzehnte bitter diskriminiert wurde, verliert manchmal einfach die Lust auf freundliche Differenzierung. Das gilt in ähnlicher Weise für die meisten Grundrechtsbewegungen, sei es Black Lives Matter oder auch die Klima-Jugend. Der inhaltlich falsche und diskriminierende Eindruck, trans sei eine »Mode« hat ganz nachvollziehbare Gründe. Trans Personen gibt es schon immer, in vielen Ländern und Kulturen gibt es teils Jahrtausende alte Traditionen, drei oder mehr Geschlechter für völlig normal und »natürlich« zu halten. Aber erst mit der Wissensmaschine Internet und den sozialen Medien sowie einer gewissen gesellschaftlichen Freiheit des 21. Jahrhunderts konnte die Minderheit der transidenten Personen laut und damit wahrnehmbar werden. Zuvor waren die meisten entweder im Verborgenen trans oder wussten gar nicht, dass ihr Wesen einen Namen hat und nicht allein sie betrifft. Und diejenigen, die sich geäußert haben, wurden oft einfach ignoriert.

Viel mehr als »nur« eine Diskussion um eine Minderheit

Die gegenwärtigen Debatten in Deutschland sind in ähnlicher Weise seit Jahren in den USA im Gang, und es gibt eine erschreckende Erkenntnis aus dieser Parallelität: Transfeindlichkeit eignet sich als eine Art Hasskitt quer durch politische und gesellschaftliche Lager. Rechte Propaganda findet einfach deutlich mehr Zuspruch, wenn sie sich gegen trans Personen und deren Bedürfnisse richtet. Die Debatte über Transgender – die oft gar keine Debatte ist, sondern eine aggressive Selbstvergewisserungsschlacht – ist deshalb viel mehr als »nur« eine Diskussion um eine bestimmte, geschlechtliche Minderheit. Es ist der derzeitige Frontverlauf der Frage: Gehen wir in Richtung einer progressiven, Menschen-zugewandten Gesellschaft – oder in Richtung einer regressiven, autoritären Gesellschaft?

Das Argument, es gäbe nur so wenige transgender Personen, ist dabei höchst toxisch, was man mit einem simplen Vergleich erklären kann: Legt man die plausibelsten Zahlen für Deutschland zugrunde (eine transgender Person auf 298 nicht-transgender Personen), kommt man auf eine Zahl von rund 25 Millionen transgender Menschen weltweit. Es gibt rund 15 Millionen Juden und Jüdinnen auf der Welt, aber niemand bei Trost käme auf die Idee, deshalb den Kampf gegen Antisemitismus für nicht so wichtig zu halten.

Leider gibt es in vielen, sich selbst für aufgeklärt haltenden Köpfen noch eine sehr patriarchale Sichtweise auf das Thema Geschlecht. Es ist eine inzwischen bekannte Strategie vor allem der US-Rechtsradikalen, mit Angriffen auf Transgender-Personen eine antiliberale Stimmung zu ihren Gunsten zu erzeugen. Rechte Propagandisten streuten zum Beispiel nach dem Massenmord in Uvalde in Texas das falsche Gerücht, der Täter sei eine trans Frau gewesen. Auf diese Weise soll das schon lange virulente Unbehagen vieler Menschen in offene Feindlichkeit einer Minderheit gegenüber verwandelt werden.

Dieses Unbehagen ist ein sehr alter Bekannter, nämlich die Ablehnung des Ungewohnten, hier in Kombination mit einer gewissen geschlechtlichen Unsicherheit vieler Menschen. Durch diese eigene Unsicherheit wird die schiere Existenz von Transgender-Personen von allzu vielen Menschen als Angriff betrachtet, diese psychosozialen Mechanismen sind erforscht und gerade in Geschlechterfragen bis heute prägend. Diese Unsicherheit lässt sich, auch das leider ein bekanntes, reaktionäres Verfahren, mit aggressiver Ausgrenzung im Zaum halten. Diesen Ansatzpunkt nutzen rechte Propagandisten, um ihre hasserfüllte Sprache und damit ihre hasserfüllten Ziele gesellschaftsfähiger und schließlich zu gesellschaftlichen oder juristischen Fakten zu machen. Die Leugnung der Existenz von trans Personen ist deshalb ein zutiefst feindlicher Akt, weil daraus folgt, dass man gar nicht auf die Bedürfnisse von trans Personen eingehen muss.

Sogar einige Frauenrechtsaktivistinnen sind nicht bereit, die Existenz von trans Frauen als Frauen anzuerkennen, womit sie ihre eigenen politischen Koordinaten fast automatisch nach rechts verschieben. Denn dahinter verbirgt sich, ob man will oder nicht, eines der ältesten und wirksamsten Instrumente des Patriarchats, also der Ideologie der Herrschaft der mächtigen Männer über alle anderen: die radikale Vereinfachung der Geschlechtlichkeit mit dem Ziel Verengung von Menschen auf ihre biologischen Funktionen unter dem falschen Deckmantel des Begriffs »natürlich«.

Die Vereinfachung bedeutet, dass es nur Mann und Frau gibt und geben darf. Denn alles andere wäre ein Angriff auf die Machtbasis: In einer patriarchalen Gesellschaft ist Vermehrung alles, weil mit der zunehmenden Zahl der Personen der Einfluss wächst. Wer sich nicht in das klassische Mann-Frau-Schema einordnet oder andere Formen von Beziehungen bevorzugt, wird da zur Bedrohung und deshalb als »wider die Natur« oder »Identität einfach ausgedacht« diffamiert.

Die Bedrohung liegt aus patriarchaler Sicht schon in der schieren Existenz: Jede nicht-binäre Person, jede trans Person und auch jede nicht heterosexuelle Person ist ein lebender Beweis, dass Andersartigkeit existiert. Wodurch Menschen auf die Idee kommen könnten, sich selbst zu fragen, was eigentlich ihre geschlechtliche und sexuelle Identität ist. Und also dem Patriarchat und seinem Cis-Hetero-Vermehrungszwang Scherereien machen könnten. Mit dieser Haltung werden Personen, die sich nicht in das klassische Mann-Frau-Schema einordnen, sofort zu Außenseitern und in der Folge meist der Verachtung preisgegeben. Über Geschlechterdinge spottet es sich besonders leicht, weil es bei praktisch allen mit Scham oder anderen psychischen Verwerfungen belastet ist. Der Spott dient da der eigenen Entlastung – aber ist zugleich auch eine wichtige Basis der Aggression.

Deshalb ist auch die oft geführte Behauptung, es gebe prinzipiell nur zwei Geschlechter und die erkenne man halt zwischen den Beinen, keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern ein getarnter Angriff auf die Existenz vieler nicht-binärer und trans Personen. Es ist der Behauptung ähnlich, es gebe nur eine Sonne und die stehe am Himmel. Ja, du siehst nur eine Sonne, das stimmt. Aber für alles Weitergehende müsste man sich mit Fachleuten unterhalten und denen sogar glauben. Denn die Wissenschaft ist viel weniger eindeutig . Schon bei Chromosomen, die einen biologisch wesentlichen Aspekt der Geschlechter ausmachen, existieren mehr als nur zwei Kombinationen. Die dann sogar unterschiedliche Ausprägungen haben können, etwa eine Person mit XY-Chromosomenpaar, die aber eine Vagina und Eierstöcke hat. Es gibt die Natur und sie spielt eine Rolle, aber unser gesellschaftliches Bild von Natur ist patriarchal vereinfacht, unterkomplex und ideologisch aufgeladen.

Eigentlich aber müsste man diese Diskussion gar nicht führen, denn in Mitteleuropa werden eine Vielzahl menschlicher Gewissheiten ohne größere Rücksicht auf die Natur einfach gesellschaftlich festgelegt. Man könnte es zum Beispiel für ungerecht halten, dass alle (angestellten) Menschen im gleichen Alter in Rente gehen, obwohl nicht alle gleich lang leben – eine kulturell festgelegte, die Natur kaum berücksichtigende und trotzdem breit akzeptierte Entscheidung. Das heißt nicht, so zu tun, als gäbe es keine Unterschiede, zum Beispiel in den Bedürfnissen zwischen Menschen, die schwanger werden können und solchen, die keine Gebärmutter haben. Das heißt auch nicht, dass man hormonelle Realitäten ausblenden muss, wie man gut an der sinnvollen Einführung von freien Tagen bei starken Regelschmerzen (in Spanien) erkennen kann. Wahrscheinlich weiß sogar niemand besser als Transgender-Personen, wie stark der Einfluss von Geschlechtshormonen wirken kann.

Der Schlüssel zu einer sinnvollen, nicht verächtlichen und produktiven Diskussion über den Wandel der Geschlechtlichkeit ist deshalb Selbsterkenntnis, Rücksicht – und Einsicht in das Wesen des Fortschritts. Wir nehmen zu oft an, dass sowohl der Wissensstand als auch die gesellschaftliche Normalität von heute die finalen sind. Das ist nicht nur falsch, sondern immer dann gefährlich, wenn man daraus autoritäre Zwänge ableitet.

Damit verschiebt sich automatisch aber auch, was »progressiv« ist. Es mag irgendwann mal als progressiv angesehen worden sein, Homosexuelle nicht gleich umzubringen, sondern nur so zu tun, als gäbe es sie nicht. Heute ist es das nicht mehr, und jetzt wird es Zeit, den gesellschaftlichen Fortschritt in der Diskussion um transgender Personen wirksam werden zu lassen.

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