Sascha Lobo

Homeoffice Was die »Duschspitze« über die Zukunft der Arbeit verrät

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Coronakrise hat uns gelehrt, das Büro nicht mehr als Heiligen Gral zu betrachten. Die Finanzen der Städte kann das ins Straucheln bringen, dem Einzelnen bringt es mehr persönliche Freiheit.
Irgendwie anders: Morgendliche Dusche im Corona-Jahr

Irgendwie anders: Morgendliche Dusche im Corona-Jahr

Foto: Westend61 / imago images

Das Bild, das den Wandel der Arbeit im Jahr 2020 am besten beschreibt, ist natürlich ein absurdes, das man ohne Corona kaum begreifen könnte. Es ist das Foto der Glastür eines Konferenzraums mit einem Schild, auf dem geschrieben steht: »In diesem Meetingraum ist nur eine Person gleichzeitig erlaubt.«

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Das ist lustig, weil wir an diesem Foto sehr plötzlich bemerken, dass längst eine neue Epoche der Arbeit begonnen hat, unser Alltagsempfinden aber noch in der alten festhängt. Das Meeting, das Hochamt der Büropräsenz, ist durch Corona bis zur Unkenntlichkeit virtualisiert worden. Eine Selbstverständlichkeit der Videokonferenz ist entstanden. Bald wird es so sein wie mit der Virtualisierung des Gesprächs durch das Telefon im 20. Jahrhundert: Wenn man erzählte, man habe mit einer Person gesprochen, dann war durch die Technologie des Telefons seit Jahrzehnten unklar, ob es sich um ein persönliches oder ein fernmündliches Gespräch gehandelt hat. In den meisten Fällen ist das auch relativ egal.

Die flächendeckende Akzeptanz der Videokonferenz auch unter bisherigen Skeptikern und Störrigkern aber war die Voraussetzung für den wichtigsten gesellschaftlichen Durchbruch des Jahres 2020: Homeoffice, und zwar als Synonym für dezentrales, vernetztes Arbeiten.

Der gigantische Erfolg der Videokonferenz ist dabei zugleich Voraussetzung und Symptom für den tiefgreifenden Wandel. Wie gigantisch der ist, lässt sich an einem Vergleich erkennen. Der Unternehmenswert der Videokonferenzplattform Zoom lag Mitte Oktober 2020 bei 159 Milliarden Dollar . Das entspricht grob dem Wert der zehn teuersten Fluglinien der Welt zusammengenommen, plus zweimal Lufthansa obendrauf.

Zu dieser Erzählung gehört allerdings auch die Tatsache, dass der Börsenkurs von Zoom am 9. November in kürzester Zeit um fast 20 Prozent fiel, während der von Delta Airlines um fast 20 Prozent stieg. An diesem Tag wurde der Biontech-Impfstoff gegen Corona bekannt gegeben.

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Homeoffice wird die Welt ungleich stärker verändern, als die meisten Menschen im Moment glauben. Der amerikanische Zukunftsforscher Roy Amara  hinterließ der Nachwelt die inzwischen berühmte Einsicht: »Wir überschätzen die kurzfristigen Folgen von Technologien, aber wir unterschätzen die langfristigen.« Das gilt auch für Kulturtechniken.

Schon im Frühsommer wurde deutlich, wie radikal Homeoffice auf ganze Stadtstrukturen wirken kann. Im Mai schrieb die »New York Times« , dass die Normalisierung von Homeoffice zur Stunde der bitteren Wahrheit für Manhattan werde. Der wichtigste Finanzdistrikt der Welt ist eine Art wirtschaftliches Ökosystem rund um Zehntausende Bankangestellte, die jeden Tag in die Büros strömen. Im Mai erklärte der CEO von Barclays, einer der drei größten Banken in New York, jedoch: »Das Konzept, 7000 Menschen in ein Gebäude zu pferchen, könnte eine Idee der Vergangenheit sein.«

Barclays hatte wie viele Unternehmen durch die Corona-Umstellung auf Homeoffice keinen Produktivitätseinbruch. Oft trat sogar das Gegenteil ein. Die Chefs der Banken Morgan Stanley und JPMorgan Chase haben, bezogen auf Büroflächen, ähnliche Gedanken erkennen lassen.

Die Mietpreise in Manhattan brachen um bis zu 50 Prozent ein , die Branche für Büroimmobilien rechnet für 2020 in der Innenstadt von New York mit einer um 52 Prozent geringeren Nachfrage  als im Vorjahr.

Es ist eher nicht so, dass aus humanitären Gründen umgehend Nothilfefonds für Immobilieneigentümer in Manhattan aufgelegt werden müssten – aber in Zeiten von Vernetzung und Globalisierung ist eben vieles überraschend eng miteinander verbunden. Die Steuereinnahmen der Stadt New York bestehen zu einem sagenhaften Drittel aus Immobiliensteuern, die letztlich wiederum von den Mieten abhängen. Wenn Homeoffice normal wird, droht New York die Pleite.

Deutschland funktioniert ziemlich anders als Manhattan, aber die Veränderungen sind auch hier ungleich größer als auf den ersten Blick erkennbar. Schon die Reduktion des Pendelns durch Homeoffice verändert nicht nur den Alltag, sondern die Welt, weil plötzlich andere Infrastrukturen wichtig werden: Glasfaser zu Hause sticht gute Bahnanbindung. Handyempfang sticht Dienstwagen.

Natürlich wird die Immobilienbranche darauf reagieren müssen, dass für eine bestimmte Klientel Wohnungen ohne Arbeitszimmer kaum mehr sinnvoll sind. Natürlich wird es neue Konzepte geben müssen, beispielsweise gemeinschaftliche Co-Working-Spaces in Mehrfamilienhäusern oder Vertragskonstruktionen, bei denen der Arbeitgeber den Arbeitsraum der Wohnung anmietet.

Die radikalste Veränderung durch Homeoffice aber ist keine dingliche, sondern die Art der Arbeit selbst. Präsenzarbeit funktioniert traditionell stark über Hierarchie und Kontrolle, die dezentrale, vernetzte Arbeit im Homeoffice hingegen verlangt viel mehr Engagement und Vertrauen.

Es ist deshalb in den letzten Monaten oft vorgekommen, dass sich durch den Homeoffice-Alltag neue Netzwerke und Rangordnungen in Unternehmen ergeben haben. Etwa, dass technisch unsachkundige oder zu umständliche Chefs mit mittelgroßer Eleganz umschifft wurden. Oder dass sich gnadenlos herausgestellt hat, wer auch im Homeoffice performt und wer eben nicht, mit deutlichen Folgen für das Büro- und Arbeitsgefüge.

Das dezentrale, vernetzte Arbeiten muss man neu lernen, es unterscheidet sich von der Präsenzarbeit stärker, als man zunächst glaubt. Wer das dafür geeignete Arbeitsinstrumentarium samt der dazugehörigen kollaborativen Praktiken nicht beherrscht, ist schnell abgemeldet. Das mag sich für manche neoliberal-dystopisch anhören, aber es ist ja nicht so, dass das durchschnittliche, deutsche Büro vor Corona ein Hort des einhornglitzernden Kuschelsozialismus gewesen wäre.

Auch wenn Homeoffice die Leistung der einzelnen Mitarbeitenden oft leichter überprüfbar macht und so den individuellen Druck erhöhen kann, liegt doch ein die Gesellschaft umwälzender Vorteil für die breite Masse der Büroarbeitenden darin.

Schon im Corona-Frühjahr erfasste das Wasserwerk in Hamburg ein interessantes Datum: Die sogenannte Duschspitze , die Zeit des größten Wasserverbrauchs, verschob sich nach hinten. Zuvor nahmen die meisten Leute ihre Morgendusche um sieben Uhr, während des ersten Lockdowns geschah das erst um neun Uhr, also volle zwei Stunden später. Zwar dürften dabei auch die Schulschließungen gewirkt haben, trotzdem ist die Erkenntnis klar: wie unglaublich viel Zeit und Energie das Konzept Büro durch seine schiere Existenz verschlingt. Und wie viel Geld für die Unternehmen, das sie anders vielleicht ungleich effektiver einsetzen könnten.

Die eigentliche Botschaft der verschobenen Duschspitze aber ist eine andere. Das dezentrale, vernetzte Arbeiten gibt die Feingestaltung der eigenen Zeit zurück in die Hände der Angestellten. Homeoffice ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt, das Leben nicht mehr um die Arbeit herum zu organisieren – sondern die Arbeit um das Leben.

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