Sascha Lobo

Impfdebatte Eine Frage von Leben und Tod

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
2020 drehte sich fast alles um Corona, 2021 wird es um die Impfung gegen das Virus gehen. Der Verlauf dieser Debatte wird darüber entscheiden, ob Deutschland die Pandemie stoppen kann oder nicht.
Epidemiologin mit Impfdosis: Wie bringt man möglichst viele Menschen dazu, sich impfen zu lassen?

Epidemiologin mit Impfdosis: Wie bringt man möglichst viele Menschen dazu, sich impfen zu lassen?

Foto: Thais Llorca / imago images / Agencia EFE
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2021 wird das Jahr der Impfdebatte, und sie wird an Intensität, Härte und Bitterkeit die bisherigen Corona-Debatten übertreffen. Vor allem aber wird die Impfdebatte konkrete Auswirkungen haben, und zwar auf Leben und Tod. Wenn es bei Corona läuft wie bei den allermeisten anderen Krankheiten, dann ist die Impfung der wichtigste Schlüssel, das derzeitige Covid-Massensterben aufzuhalten. Nur mit der möglichst flächendeckenden Impfung ist die sogenannte Herdenimmunität erreichbar, mit der Erreger eingedämmt werden können, weil etwa ein Virus nicht mehr genügend infizierbare Menschen findet.

Aus diesem Grund ist eine Fragestellung absolut entscheidend: Wie bringt man möglichst viele Menschen dazu, sich impfen zu lassen?

Es handelt sich also um eine Kommunikationsfrage, genauer um eine Frage der Wirkungskommunikation. Leider denken die meisten Profis in diesem Bereich – etwa aus Werbung, PR und Öffentlichkeitsarbeit – in Kampagnen, weil sie es so gewohnt sind. Sie bekommen in der Regel ein Produkt vorgesetzt, das sie nicht mehr verändern können, und müssen dann das Beste daraus machen. Auf den ersten Blick mag das hier ähnlich aussehen, schließlich kann Kommunikation den Impfstoff nicht verändern. In Wahrheit aber geht es natürlich nicht um die paar Milliliter tiefgekühlte Flüssigkeit.

Die kommende Impfdebatte wird zur Schlacht zweier Glaubenssysteme, deshalb greifen klassische Kampagnenansätze zu kurz. Die beiden Glaubenssysteme sind: das Publikumsbild der Wissenschaft und die Generalzweifel an Welt und System. Auf der einen Seite steht die Wirkung von Wissenschaftskommunikation, auf der anderen Seite steht die tiefe Verunsicherung durch die Corona-Extremsituation und die allgemeine Komplexität der Welt.

Die Impfabsicht in der Bevölkerung ist inzwischen gering

Ich glaube, es ist für die Kommunikation zur Impfdebatte wichtig zu verstehen, dass auch Wissenschaft beim Publikum als Glaubenssystem funktioniert und eben nicht als strukturiertes Erkenntnissystem, wie es die Wissenschaft selbst vielleicht sehen möchte. Heruntergebrochen lautet die Frage aus Sicht des Publikums: Wem glaube ich eher – Jens Spahn oder den aufgeregten Leuten im Telegram-Kanal, den mir meine Cousine zweiten Grades empfohlen hat?

Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation, verantwortet COSMO, das Covid-19 Snapshot Monitoring , eine Untersuchung zu Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen rund um die Corona-Pandemie. Mittlerweile, Stand 8. Dezember 2020 , ist die Impfabsicht auf dem niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebungen, erstmals ist er unter 50 Prozent gefallen. Zum Vergleich: Mitte April lag der Wert noch bei fast 80 Prozent. Das kann katastrophale Folgen haben, Zitat aus den COSMO-Ergebnissen: »Bei … einem perfekt wirksamen Impfstoff würde die aktuelle Impfbereitschaft nicht ausreichen, um die Verbreitung des Virus zu stoppen.«

Ja – der Verlauf der Impfdebatte wird darüber entscheiden, ob Deutschland Corona stoppen kann oder nicht.

Für die Impfabsicht ist auch entscheidend, als wie groß das Problem empfunden wird, das die Impfung löst. Wer glaubt, dass Covid-19 eigentlich nur eine merkwürdige Grippe ist, wird sich natürlich mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit impfen lassen. Vermutlich hat der einigermaßen Corona-arme Sommer die Gefahr geringer erscheinen lassen. Das dürfte sich mit den kommenden, verstörenden Bildern aus Deutschland ändern. Soeben hat eine sächsische Klinik erklärt , Triage anwenden zu müssen. Das heißt, zu entscheiden, welche Kranken beatmet werden und welche nicht, weil nicht genügend Geräte und Kapazitäten vorhanden sind.

Die Debatte übers Impfen wird erheblich an Schärfe zunehmen in dem Moment, wenn und falls Leichen auf den Krankenhausfluren liegen werden wie Anfang des Jahres in Norditalien.

Das liegt nach meiner Einschätzung zunächst an den Corona-Leugnern und »Querdenkern«. Viele darunter sind oft langjährige »Impfkritiker«, ohnehin für eine sachliche, zielführende Debatte verloren. Ihr Glaubenssystem des Zweifels an allem »Offiziellen« zur Gesundheit hat sich kaum auflösbar verfestigt.

Im Sommer 2019 hatte ich für mein Filmprojekt »radikalisiert« eine Impfgegner-Demo besucht  und versucht dort zu diskutieren. Es war nicht überraschend, aber doch eindrucksvoll, wie wenig diese Diskussionen mit echtem Austausch von Argumenten zu tun hatten. Stattdessen ging es um Impf-Autosuggestion, die Leute sprachen nicht mit mir, sondern wiederholten nur in meiner Gegenwart mantrahaft die Parolen, die sie meist im Netz gehört hatten – um sich selbst durch Wiederholung davon zu überzeugen. Aber diese Leute sind, bei aller Lautstärke, in vergleichsweise kleiner Zahlenstärke unterwegs.

Wissenschaft und Politik müssen ihre Fehler erklären

Für die größte Gruppe der Bevölkerung ist Vertrauen in Staat und Gesundheitssystem wesentlich für die Entscheidung, ob sie sich impfen lassen oder nicht. Vertrauen entsteht nicht zufällig, sondern durch Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Offenheit, eine gewisse Freundlichkeit im Dialog und vor allem eine sinnvolle Fehlerkultur. Insbesondere müssten sowohl die Corona-Wissenschaft als auch die Politik erklären, wie ihre gar nicht so wenigen Fehleinschätzungen der letzten zwölf Monate zustande gekommen sind.

Warum sind etwa Mund-Nasen-Masken so lange öffentlich gering geschätzt worden? Wie kam es, dass der Bundesgesundheitsminister am 30. Januar in der »Bild«-Zeitung erklärte : »Ein Mundschutz ist nicht notwendig, weil der Virus gar nicht über den Atem übertragbar ist.« Aber auch in die andere Richtung: Warum hat eine Reihe politischer Verantwortungsträger den Warnungen der seriösen Wissenschaft so wenig Beachtung geschenkt, etwa was die zweite Welle angeht?

Es gibt dafür oft sinnvolle, nachvollziehbare und menschliche Erklärungen – aber sie müssten eben auch gegeben werden. Der Eindruck der Verheimlichung oder Vertuschungsbereitschaft kann schon in geringer Dosis langfristig aufgebautes Vertrauen zerstören.

Die COSMO-Untersuchung zeigt, dass das mit Abstand größte Informationsbedürfnis in der Bevölkerung rund um Nebenwirkungen der Impfung besteht. Kein Zufall, dass genau das auch der häufigste Ansatzpunkt von Impfgegnern ist. Dieses Informationsbedürfnis wird definitiv befriedigt werden, die Frage ist nur: von wem.

Ganz oben stehen dabei redaktionelle Medien und Gespräche mit medizinischen Fachleuten. Allerdings sind Gespräche im sozialen Umfeld ebenfalls sehr relevant, denn dort kann sich entscheiden, wie die eher sachlichen Informationen aus anderen Quellen emotional einsortiert werden.

Hier spielt leider auch ein Teil der nichtwissenschaftlichen Pro-Impf-Fraktion eine manchmal unselige Rolle. Nämlich diejenigen, die Macht und Möglichkeiten der Impfung nicht realistisch einschätzen, sondern darin eine Art von Erlösung sehen (ich ertappe mich selbst manchmal dabei).

Erlösungsgläubige aber kommunizieren für Außenstehende oft befremdlich und kontraproduktiv, weil der Glaube an Erlösung das absolute Gegenteil von Diskussionsbereitschaft ist. In den letzten Wochen habe ich in deutschsprachigen sozialen Medien eine befremdliche Selbstaufstachelung unter den Impfbegeisterten beobachten können, manche wünschten gar den Corona-Tod von ungeimpften Impfgegnern herbei. Auf Impfgegner wirkt das eher verstärkend – aber deutlich schlimmer kann die Wirkung auf das Publikum sein.

Welche Zweifel sind berechtigt, welche nicht?

Trotz ist ein machtvolles Gefühl. Wenn zu viele Menschen den Eindruck bekommen, Sorgen rund ums Impfen würden nicht ernst genommen und man werde schon bei bestimmten Fragen als »Covidiot« bezeichnet oder mit Todesflüchen belegt – dann handelt es sich um eine Zutat für ein kommendes Impfdesaster. Denn so verfestigt sich die Skepsis, dass Kritik pauschal abgetan würde.

Jede wirksame Kommunikation für das Impfen muss also nicht nur das Informationsbedürfnis stillen, sondern sich auch auf die zwischenmenschliche Interaktion beziehen. Wie gehen wir miteinander um angesichts der Jahrhundertaufgabe, die Menschheit durchzuimpfen? Wie beantworten wir uns gerade die unangenehmen Fragen, die sich auf Nebenwirkungen beziehen? Welche Zweifel sind berechtigt und sollten in der Debatte aufgelöst werden und welche Zweifel sind nur Ablenkung und Unfug?

Und das bedeutet: Wichtiger als die direkte Kommunikation mit Impfgegnern ist, wie das große Publikum den öffentlichen Umgang mit kritischen Einwänden einschätzt. Jedes »Covidiot« von einer Person mit politischer oder medialer Verantwortung wirkt toxisch. Die öffentliche Vorführung von Zweiflern muss nicht, kann aber schädlich sein, sogar wenn deren Zweifel auf den ersten Blick irrwitzig erscheinen.

Es ist nicht leicht, Leuten Ernsthaftigkeit entgegenzubringen, die glauben, dass Bill Gates mit 5G-Strahlung die eingeimpften Chips steuert. Aber hier sind wir, am Ende des ersten Corona-Jahres kurz vor Beginn der Massenimpfungen, und wir brauchen eine Impfquote von etwa 70 Prozent. Nur darauf kommt es an. 

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