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11. September 2007, 10:12 Uhr

20 Jahre digitaler Mobilfunk

Vom Funk-Knochen bis zum iPhone

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Für Vodafone-Veteran Chris Gent ist es die wichtigste Innovation in der Geschichte der Telefonie: Vor 20 Jahren wurde die Einführung des Digital-Mobilfunks beschlossen. Aus klobigen Koffertelefonen wurde so das Handy für die Massen - das heute auch die entlegensten Ecken der Welt erreicht.

Am 7. September 1987 war es so weit: In Kopenhagen unterzeichneten Vertreter von Telekommunikationsfirmen aus 13 europäischen Ländern eine Vereinbarung, die den Aufbau eines volldigitalen länderübergreifenden Mobilfunknetzes vorsah. Es war die Geburtsstunde von GSM, dem Global System for Mobile Communications.

Heute, 20 Jahre später, sind in allen 220 Ländern der Welt Funknetze auf Basis des damals vorgeschlagenen Standards eingerichtet. Milliarden Menschen telefonieren darüber drahtlos. Eine riesige Industrie lebt nur davon, Handys zu verkaufen und Gespräche zu vermitteln. Nach Angaben der GSM-Association, dem Interessenverband der GSM-Anbieter, werden 1,6 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts allein mit diesen Netzen verdient.

Die analoge Ära: Kofferhandys und knappe Frequenzen

Dabei hatte es bereits vor GSM Mobiltelefone gegeben. Allerdings hatten die ersten mobilen Funktelefone mit etlichen Limitierungen zu kämpfen. Da sie analog arbeiteten, konnte damals zu jedem gegebenen Zeitpunkt pro Funkfrequenz nur ein Gespräch geführt werden. Waren alle Frequenzen belegt, musste man warten.

Ohnehin war Geduld eine Pflichttugend der ersten Mobiltelefonierer. Da die Netze noch schlecht ausgebaut waren, mussten potentielle Neukunden monatelang, manchmal bis zu einem Jahr auf die Zuweisung einer Telefonnummer warten.

Mit Einführung der analogen C-Netze wurden einige dieser Beschränkungen überwunden - allerdings nicht alle. Die Älteren werden sich erinnern: C-Netz-Telefone waren groß und schwer. Mitte der achtziger Jahre schleppten Leute, die wichtig waren, sich dafür hielten oder es gern sein wollten, kleine Telefonköfferchen durch Deutschland - und riskierten damit einen ständig drohenden Bandscheibenvorfall.

Das GSM-Versprechen: Kleinere Handys mit mehr Ausdauer

Mit GSM sollte all das anders werden, versprachen die Unterzeichner jener Erklärung von 1987. Fortan sollten Gespräche digital übertragen werden. Zudem sollte das GSM-Funknetz so feinmaschig aufgebaut werden, dass den Geräten nur eine geringe Sendeleistung abverlangt wurde. Auf diese Weise sollten GSM-Handys nicht nur kleiner als ihre C-Netz-Vorgänger werden, sondern auch länger als diese mit ihrem Akkustrom auskommen.

Doch bis es so weit war, mussten sich die Anwender noch reichlich in Geduld üben. Erst 1992 startete der digitale GSM-Mobilfunk in Deutschland - und mit ihm eine neue Generation von Mobiltelefonen. Die ersten Modelle für das fortan als D-Netz bezeichnete Mobilfunknetz konnten die Versprechen freilich kaum erfüllen. Sie brachten immer noch ein knappes Kilo auf die Waage und meldeten bei normaler Nutzung bereits nach rund zwölf Stunden Energienotstand an. Aber das war damals noch ein Luxusproblem.

China telefoniert mobil

Heute ist das anders. In den letzten 15 Jahren ist das Handy zum Allgemeingut geworden. Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom gab es in Deutschland bereits 2006 mehr Handys als Einwohner. Doch der große Boom ist hier längst vorbei. Handyhersteller und Netzausrüster wenden sich mittlerweile Drittwelt- und Schwellenländern zu. Allein in China sind in den letzten Jahren fast eine halbe Milliarde Mobiltelefone verkauft worden.

Und die werden eifrig genutzt. So vermeldet die GSM Association, dass im vergangenen Jahr eine Billion Gesprächsminuten über GSM-Netze vertelefoniert wurden. Zur Killerapplikation hat sich jedoch der Versand von Textnachrichten entwickelt. Anfangs nur zum Verschicken von Informationen durch Techniker gedacht, entpuppte sich der Anfangs noch als "Alpha Text" bekannte Short Message Service (SMS) später als Publikumsrenner, was wohl in erster Linie den ursprünglich horrend hohen Minutengebühren für Mobilfunkgespräche zuzuschreiben war. Mittlerweile werden 2,5 Billionen SMS-Nachrichten pro Jahr versendet.

Kein Wunder, dass sich die Unterzeichner der Erklärung von vor 20 Jahren in einer historischen Rolle sehen. Sir Christopher Gent, seinerzeit Vodafone-Chef, sagt: "GSM ist die wichtigste Übereinkunft in der Geschichte der Telekommunikation." Seiner Ansicht nach haben die digitalen Funknetze "mehr dazu beigetragen, die digitale Kluft zu überwinden, als irgendeine andere Innovation und sind ein hervorragendes Beispiel für globale Zusammenarbeit."

Und das scheint auch weiter so zu bleiben. Denn die alten Netze werden derzeit weitweit für schnelle Datendienste aufgebohrt. Immerhin haben schon mehr als 120 Mobilfunkanbieter in 61 Ländern der Welt damit begonnen, ihre Netze breitbandfähig zu machen. Wenn sich dieser Trend auch in die ärmeren Länder ausweitet, könnte auf diese Weise das Ziel, bis 2015 die Hälfte der Menschheit online zu bringen, tatsächlich erreicht werden. Vielleicht wird der mobile Internet-Zugang dann zur nächsten Killerapplikation - schließlich ist die SMS ja schon reichlich in die Jahre gekommen.

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