Abkehr von der Hardware Nokia genügt Handy-Handel nicht mehr

Spiele, Landkarten, Nachrichten: Hundert Jahre lang hat der finnische Konzern gute Geschäfte mit Papier und Gummi gemacht. Zum Hersteller von Funkgeräten wurde Nokia erst in den sechziger Jahren. Jetzt scheint die nächste Neuausrichtung anzustehen. Das Motto: "Inhalt statt Hardware".


Der finnische Konzern Nokia ist mit einem weltweiten Marktanteil jenseits der 30-Prozent-Marke schon lange unangefochtener Primus unter den Handy-Herstellern. Jenseits der Konsumentenwahrnehmung ist das Unternehmen mit seiner Netzwerksparte führender Lieferant von Mobilfunk-Infrastrukturen.

Eine Promotorin zeigt N-Gage-Download-Spiele: Die Hardware tritt in den Hintergrund
AFP

Eine Promotorin zeigt N-Gage-Download-Spiele: Die Hardware tritt in den Hintergrund

Nokia ist damit geradezu ein Synonym für Handys. Umgekehrt scheint der Konzern strikt auf das Geschäft mit der Mobiltelefonie festgelegt. Das war allerdings nicht immer so, denn Nokia ist keineswegs als Telefon-Hersteller entstanden: Die Firma hat sich vielmehr die längste Zeit ihres Bestehens vor allem der Herstellung von Papier gewidmet - auch wenn dies in der offiziellen Firmengeschichte als Kontinuität dargestellt wird, weil Papier ja das "erste Kommunikationsmedium überhaupt" gewesen sei. Neben Papier beschäftigte sich das Unternehmen zudem mit Gummi, und nachdem in den sechziger Jahren der bunte Gummistiefel "erfunden" wurde, stand "Nokia" in Finnland lange Zeit schlicht für "Gummistiefel".

Inhalt statt Platinen

Angesichts der im Rückblick durchaus abwechslungsreichen Firmengeschichte scheint auch eine Neuausrichtung der Konzerngeschäfte nicht mehr als unerhörte Neuerung. Die Handy-Produktion könnte in dieser Lesart sogar nur eine Phase sein, die 1963 begann und deren Ende sich bereits ankündigt: Denn der Markt für Mobiltelefone gilt trotz iPhone-Hype und immer neuen Multimedia-Gadgets als relativ ausgereizt.

Aber während die Neuorientierung in Branchenkreisen bereits seit einiger Zeit aufmerksam registriert wird, dürfte sie einer breiteren Öffentlichkeit letzte Woche erstmals aufgefallen sein. Mit dem Rekordgebot von 8,1 Milliarden Dollar für den US-amerikanischen Navigations-Softwarehersteller Navteq signalisiert Nokia unmissverständlich, dass man zukünftig auch mit Inhalten Geld verdienen will. Zudem passt das Übernahmeangebot zu einer ganzen Reihe unauffälligerer Aktivitäten, die mit dem Motto "Inhalt statt Hardware" zusammengefasst werden können.

Werbung, Nachrichten, Games

Geradezu symbolisch für Nokias Abkehr von der Hardware scheint die Ankündigung vom August, nach der Nokia seine N-Gage-Serie nicht mit weiteren Gaming-Handys sondern als Software-Plattform fortsetzt. Die angebotenen Spiele sind dabei konsequenterweise für Handys beliebiger Hersteller konzipiert. Im September kündigte der Konzern dann die Übernahme von Enpocket an, einer Firma, die auf mobile Werbung per WAP, SMS oder MMS spezialisiert ist.

Zuletzt wurde bekannt, dass Nokia sein Programm namens "Video Center", mit dem Video-Inhalte auf Handy-Displays gebracht werden können, entschieden ausbaut. Für die Mobilfunkbranche pikant ist dabei die Tatsache, dass Nokia direkt mit Medienunternehmen kooperiert, während die Netzbetreiber außen vor bleiben. Neben YouTube und der Nachrichtenagentur Reuters werden zukünftig auch CNN, Jamba, Sony Pictures und eine Reihe weiterer Anbieter den direkten Nokia-Kanal nutzen.

Die angepeilte Ausweitung des Navigations-Geschäfts will Nokia unterdessen durch eine Kooperation mit Renault ins öffentliche Bewusstsein bringen: Eine Sonderedition des neuen "Twingo" wird von Nokia mit GPS-Navigation, Bluetooth-Freisprecheinrichtung und Anschlüssen für iPod und USB-Geräte ausgerüstet.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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