Apple-Handy Alles übers iPhone

Ist das iPhone wirklich so gut? Ist der Preis gerechtfertigt? Lohnt sich das Warten, bis es auch in Deutschland zu kaufen ist? Das fragen sich viele Handy-Nutzer vor dem US-Verkaufsstart heute Nacht. SPIEGEL ONLINE hat die Antworten.

Um Punkt 18 Uhr Ostküstenzeit wurden die Türen geöffnet - jetzt klingeln die Kassen: Die ersten Apple-Fans haben ihr heißersehntes iPhone gekauft.

In den 164 amerikanischen Apple-Stores, Tausenden AT&T-Shops sowie dem Apple Online Store sind zusätzliche Mitarbeiter engagiert worden, allein der Mobilfunkkonzern AT&T beschäftigt zusätzlich 2000 für den Verkaufsstart.

Und das scheint nötig zu sein. Bereits seit Tagen kampierten Kaufwillige vor den Läden. Immer in der Hoffnung, sich auf diese Weise eines der begehrten Mobiltelefone sichern zu können. Allen voran Frührentner Greg Pecker, der seinen Platz vor dem Apple Store in New Yorks Fifth Avenue bereits am frühen Dienstagmorgen (Ortszeit) eingenommen hatte.

Auch der Bürgermeister von Philadelphia, John Street, reihte sich in eine Warteschlange ein. Seit 3.30 Uhr am Morgen harrte er im Regen aus. Auf die Frage eines jungen Mannes, wie er angesichts der Mordrate in der Stadt untätig vor einem Telefongeschäft sitzen könne, antwortete Street: "Ich mache meinen Job." Er brauche das neue Handy, weil es ihm ermöglichen werde, auch außerhalb des Büros zu arbeiten.

Dass es zum Verkaufsstart des Apple-Handys zu solchem Andrang kommen wird, war abzusehen. Wie immer hat Apples Marketingmaschinerie perfekt funktioniert. Anfang Januar lüftete Apple-Chef Steve Jobs erstmals den Schleier um das Mobiltelefon. Lange war in den Gerüchteküchen über ein solches Gerät spekuliert worden, nun fühlten sich die Gerüchteköche bestätigt.

Apples bewährter Trick: Man gebe den neugierigen Massen ein paar leckere Appetithäppchen, zeige ein paar verlockende Features und verfalle danach in konsequentes Schweigen. Die Methode ist seit Jahren erprobt, bekannt und funktioniert doch immer wieder, auch bei SPIEGEL ONLINE. Schließlich macht es einen Heidenspaß, darüber nachzugrübeln, welche Funktionen und Fähigkeiten das Endprodukt tatsächlich haben und ob es die hohen Erwartungen erfüllen wird.

Auf diese Weise erreichte Apple, ohne selbst einen einzigen Dollar auszugeben, bereits im März ein Medienecho, dessen Wert ein Professor der Harvard Business School auf 400 Millionen Dollar schätzte - mittlerweile dürfte diese Zahl bedeutend höher liegen. Der Erfolg scheint also programmiert. Und das hat Jobs auch seine Angestellten wissen lassen.

Ein iPhone für jeden Apple-Mitarbeiter

Am Vortag des Verkaufsstarts gab der Apple-Boss seinen versammelten Mitarbeitern im kalifornischen Cupertino letzte Infos zum iPhone. Berichte sprechen davon, Jobs sei während der Veranstaltung ähnlich enthusiastisch gewesen wie seinerzeit am Vorabend der Vorstellung des ersten Macintosh-Computers. Jobs soll gesagt haben, er hoffe, das iPhone werde für Apple eine ähnliche Bedeutung haben wie schon der iPod. Von dem konnte Apple seit der Vorstellung des ersten Modells im November 2001 bereits über 100 Millionen Exemplare absetzen.

Für die Apple-Mitarbeiter hatte Steve Jobs dann noch ein Zuckerl zum Schluss: Alle Angestellten, die mindestens ein Jahr bei der Firma sind, bekommen ein iPhone geschenkt - allerdings erst Ende Juli, bis dahin werden ausschließlich zahlende Kunden beliefert. Das muss auch so sein, denn Jobs hat seiner Firma ehrgeizige Ziele gesteckt.

Zehn Millionen iPhones

Innerhalb des ersten Jahres will er zehn Millionen iPhones verkaufen. Das hört sich erstmal nach einer großen Zahl an. Die schrumpft allerdings rasend schnell auf eine vergleichweise bescheidene Vorgabe zusammen, wenn man sie mit den Absatzzahlen der Konkurrenz vergleicht. So meldete Weltmarktführer Nokia für 2006 insgesamt 347 Millionen verkaufte Mobiltelefone. Apples Jahresziel hätte der finnische Konzern binnen eineinhalb Wochen erreicht.

Andererseits gibt es natürlich auch noch die kleineren Hersteller wie beispielsweise Palm, die im letzten Geschäftsjahr insgesamt 2,7 Millionen Treo-Smartphones an ihre Kunden durchreichen konnten. Firmen wie diese, die bereits seit Jahren auf dem Handy-Markt aktiv sind, bereits mit dem ersten Produkt um den Faktor vier übertreffen zu wollen, kann als durchaus sportliches Ziel angesehen werden. Angesichts der großen Begehrlichkeiten, die das Apple-Handy weckt, und vor allem angesichts der vielen Pluspunkte, die es für sich verbuchen kann, sollte es locker erreichbar sein.

Was wir von den Testern wissen

In den USA - und nur dort - hat Apple vier ausgewählten Journalisten bereits zwei Wochen vor dem Verkaufsstart iPhone-Testgeräte zur Verfügung gestellt. Deren einhelliges Urteil: Das Apple-Handy ist eine prima Sache. Der Redakteur Walt Mossberg vom Wall Street Journal, ein bekannter Apple-Liebhaber, bezeichnet das Gerät als "Durchbruch", Ed Baig von USA Today sogar als "Wunder". Die kritischsten Anmerkungen in diesem Lobes-Kanon kamen von David Pogue, einem ebenfalls recht Apple-affinen Redakteur der "New York Times". Zwar ist auch er insgesamt "begeistert", merkt aber an, das iPhone sei noch nicht perfekt. Seine ausgesprochen amüsante filmische Aufarbeitung seines iPhone-Tests lässt sich auf der Webseite der "New York Times"  bewundern.

SPIEGEL ONLINE hat zusammengetragen welche Plus- und Minuspunkte den iPhone-Testern aufgefallen sind:

Die Pluspunkte

  • Das Design
    Hier sind sich alle Tester und wohl auch die Mehrheit potentieller Käufer einig: Das iPhone ist superschick. Ohne Ecken und Kanten schmiegt es sich in die Handfläche.
  • Der Bildschirm
    Besonders lobenswert ist, dass Apple kurz vor dem Verkaufsstart noch das Deckglas des Displays gegen ein besonders kratzfestes Modell austauschte. Alle Tester berichten einhellig, dass sie auch nach zwei Wochen intensiven Dauereinsatzes keine Kratzer oder Riefen auf ihren Testgeräten feststellen konnten.
  • Der Webbrowser
    Das Surfen auf dem iPhone scheint alle Tester gleichermaßen begeistert zu haben. Die Mobilversion des Apple-Browsers Safari schafft offenbar, woran andere Handy-Hersteller bislang noch weitgehend scheitern: Er stellt Webseiten ohne größere Einbußen dar. Details lassen sich blitzschnell heranzoomen.
  • Die Musik
    Die integrierte iTunes-Software zeigt der Konkurrenz, wie es richtig geht. Sie stellt auch große Musiksammlungen übersichtlich dar, findet schnell gesuchte Titel und zeigt die Album-Cover so groß an, so dass man sie auch wirklich erkennen kann.
  • Der Akku
    Der Stromspeicher hält jetzt doch länger als von Apple ursprünglich angekündigt. Bis zu 250 Stunden Standby und maximal acht Stunden reine Sprechzeit stellt der Konzern nun in Aussicht.
  • Der Klingelschalter
    Über einen kleinen Schalter an der Rückseite kann man blitzschnell zwischen akustischem Anrufsignal und lautlosem Vibrationsalarm umschalten. Einen so simplen Umschalter würde man sich auch für andere Handys wünschen.

Die Minuspunkte

  • Die mobile Netzanbindung
    Alle Tester berichten einhellig, die mobile Netzanbindung via EDGE-Mobilfunknetz sei quälend langsam. Einer der Redakteure fühlt sich gar an die Zeit analoger Einwahlverbindungen per Modem erinnert. Ob der Bremser bei Apple liegt oder beim Netzbetreiber AT&T ist noch ungeklärt.
  • Der Akku
    Wie schon beim iPod ist auch beim iPhone der Akku fest eingebaut. Nach Schätzungen werden die wieder aufladbaren Batterien nach rund zwei Jahren an Kapazität einbüßen. Zum Akkutausch müsste das Handy an Apple geschickt werden. Ein, wie man von iPod weiß, nicht ganz billiges Unterfangen
  • Der Browser
    Die mobile Safari-Version kann weder mit Java noch mit Flash-Grafiken umgehen. Damit bleiben viele interaktive und unterhaltsame Webangebote leider außen vor
  • Die virtuelle Tastatur
    Mit der Texteingabe über die nur auf dem Bildschirm eingeblendete Tastatur hatten offenbar alle vier Tester Probleme. Das liegt auf der Hand, schließlich sind alle vier Vielschreiber und damit an den Umgang mit einer Computer-Tastatur gewöhnt. Eine solche hat aber einen sogenannten Druckpunkt, der dafür sorgt, dass man merkt, wenn man eine Taste gedrückt hat. Eben diese physische Rückmeldung fehlt dem iPhone.

Was Sie noch wissen sollten

Zusätzlich zu den Punkten, die den ersten Testern aufgefallen sind, gibt es noch weitere Fakten, bei denen es sich lohnt, genauer hinzuschauen:

Das UMTS-Gejammer

Ein Argument, das immer wieder vorgebracht wird, wenn es um das iPhone geht, ist seine fehlende Unterstützung für Mobilfunknetze der dritten Generation, also UMTS. In den USA ist diese Weglassung naheliegend, da 3G-Netze nur fleckchenweise installiert sind. In Deutschland hingegen ist UMTS weit verbreitet. Allerdings nur in den Ballungszentren, auf dem flachen Land fehlt der schnelle Datenfunk noch oft.

So hat beispielsweise T-Mobile seine Unterstützung für den EDGE-Standard, der auch im iPhone für mobile Datenverbindungen sorgt, flächendeckend ausgebaut. Und das ist gut so, denn per EDGE sind Datenverbindungen mit bis zu 384 kbit/s möglich. Das ist ebenso schnell wie es die UMTS-Netze bei ihrer Einführung waren.

Wer schon einmal mit einem Blackberry per EDGE im Web surfte, weiß, dass man damit komfortabel online unterwegs sein kann. Zudem - und das könnte ein Killerargument werden - ist EDGE im europäischen Ausland und darüber hinaus bereits weit verbreitet. Und es wird aktiv ausgebaut.

Die PC-Anbindung

Bei etlichen PC-Anwendern herrscht angesichts des iPhones eine ähnliche Unsicherheit wie seinerzeit beim iPod. Kann man das Gerät auch mit einem PC verbinden? Lassen sich damit Daten von Outlook übernehmen? Wie sieht es mit dem Austausch von Bildern, Musik und Videos aus?

Die Antwort auf all diese Fragen lautet: Ja, es geht. Bereits seit Jahren gibt es Apples iTunes-Software auch für Windows. Eben dieses iTunes ist die Schaltzentrale zwischen PC und iPhone. Via iTunes lassen sich alle Multimedia-Dateien aufs Handy speichern. Allerdings nur, sofern sie auch in iTunes vorliegen. Auch um die Anbindung an die Termin- und Adressdatenbanken von Microsoft Outlook kümmert sich iTunes - und das funktioniert auch mit der kostenlosen Variante Outlook Express.

Die hohen Preise

Mit einem Preis von 500 beziehungsweise 600 Dollar, je nach Modell, ist das iPhone nicht gerade ein Schnäppchen. Allerdings muss man beachten, dass es sich hierbei um einen nicht subventionierten Preis handelt. Zum Vergleich: Für das Alleskönner-Handy Nokia 95 verlangt T-Mobile in seinem Online-Shop knapp 720 Euro, das sind fast 1000 Dollar.

Auch die von AT&T verlangten Tarife sind, gemessen am US-Standard, nicht sonderlich hoch. Im Vergleich zu Standard-Tarifen beträgt der Aufpreis 20 Dollar, was exakt dem entsprechenden Datentarif "SmartPhone Connect Unlimited w/Xpress Mail" entspricht. Mit dem erkauft man sich ein unbegrenztes Datenübertragungsvolumen sowie die Benutzung des speziellen iPhone-Anrufbeantworters "Visual Voicemail". Einen besonderen iPhone-Aufpreis müssen die Apple-Kunden nicht zahlen.

Zu einem anderen Mobilfunkanbieter können sie allerdings auch nicht wechseln. Für die ersten zwei Jahre sind alle US-iPhone-Nutzer auf Gedeih und Verderb an AT&T gebunden. Ein Austausch der SIM-Karte ist nicht möglich.

Was dem iPhone noch fehlt

Ohne Zweifel: Das iPhone ist ein wegweisendes Multimediagerät mit dem man auch noch telefonieren kann. Trotzdem ist es bei weitem nicht perfekt. Als wichtigstes Hardware-Merkmal fehlt dem schlanken Handy eine zweite Kamera, wie sie bei etlichen anderen Mobiltelefonen bereits für Video-Telefonate eingebaut ist. Das wäre allerdings nur bei einem 3G-iPhone sinnvoll.

Bereits jetzt wäre es allerdings sinnvoll, wenn Apple die hauseigene Chat-Software iChat auf dem iPhone platzieren würde. Wäre die integriert, könnte man den ganzen Tag über ein und dieselbe Chat-Adresse erreichbar sein. Was dann noch zur Glückseligkeit fehlt, ist eine brauchbare Navigationssoftware. Zwar ist Google Maps auf dem Gerät bereits nutzbar, bleibt aber ohne GPS-Unterstützung ein Notbehelf.

Aber wenn Apple seine iPhone-Software in demselben Tempo aufpeppt wie es bereits seit Jahren bei Mac OS X und seit Neuestem beim Apple TV praktiziert wird, kann es sich nur um wenige Monate handeln, bis das erste Update ins Haus steht. Vielleicht klappt das ja noch bevor das iPhone in Europa eingeführt wird. Spätestens zum Jahresende soll es soweit sein - und dann werden wir vielleicht schon das iPhone 1.1 erleben.

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