Eine Woche Apple-Handy Ich hassliebe mein iPhone

Eine Woche Alltag mit dem iPhone, das bedeutet Begeisterung und Spaß, aber auch Ärger, peinliche Überraschungen, gereizte Freunde und manchmal sogar Frust. Doch es gibt keinen Weg zurück.

Bryan schielt auf meine neue Errungenschaft. "Soso", sagt er abschätzend. "Ein iPhone. Zeig mal!" Er nimmt es in die Hand, tippt darauf herum, gibt es zurück. "Gefällt mir nicht. Zu glatt. Zu glitschig. Zu groß. Außerdem soll es schlecht funktionieren."

So geht das den ganzen Tag. Mein iPhone provoziert emotionale Spontanreaktionen, mehr als sonst etwas, das ich je besessen habe. Freunde wie Fremde, alle schleudern mir sofort (und ungefragt) ihre ganz persönliche Meinung entgegen, über das iPhone, Apple im Allgemeinen und gerne auch über Apple-CEO Steve Jobs, dessen Person die Gemüter offenbar besonders aufrührt. Keiner dagegen nimmt meine Nike-Turnschuhe zum Anlass, den Charakter von Nike-CEO Mark Parker zu erörtern. Wer kennt schon Mark Parker?

Eine Woche danach. Der Hype hat sich gelegt. Ist dem "Backlash" gewichen, dem Anti-Hype. Der Aufregung folgt die Bewährungsprobe im Routinegeschäft. Ändert sich das Urteil?

Erste Lektion: Das iPhone polarisiert. Alltag mit dem iPhone - das schafft vor allem ein ganz anderes zwischenmenschliches Erlebnis. Und dafür muss man nicht mal telefonieren.

Unbequemlichkeiten in der Hosentasche

Die einen sind begeistert, reißen es einem aus der Hand, betatschen es, wollen es nicht mehr hergeben. Die anderen rümpfen die Nase, rasseln eine Litanei vermeintlicher Macken herunter, von denen sie gehört oder gelesen haben, und jauchzen vor Schadenfreude, wenn eine Demonstration schiefgeht: "Wusste ich ja!" Wieder andere sagen gar nichts, doch ihre Blicke sagen alles: "Blöder Angeber!"

Inzwischen habe ich fast eine beschützerische Beziehung zu meinem iPhone entwickelt. Wie Herrchen und Hund, psychologisch gesund kann das nicht sein. Ich liebe mein iPhone - nicht streicheln, nicht schimpfen!

Ich liebe es, doch ich trage es nicht mehr außen am Hosenbund. Sein Anblick verursacht nur Eklats (was sich hoffentlich bald legen wird): auf Terminen, im Supermarkt, beim Sport. Ein paar Mal habe ich es sogar schon verleugnet.

Außerdem ist das Kunstleder-Etui, das ich mir für 19,99 Dollar extra kaufen musste, viel zu locker. (Apple liefert das iPhone völlig nackt.) Im New Yorker Gewühl könnte da jeder schnell mal zugreifen. Man erinnere sich nur an die iPod-Überfälle in der U-Bahn. So sehr liebe ich mein iPhone nun auch nicht, als dass ich dafür mein Leben gäbe. Also habe ich es tief in der Tasche vergraben. Was reichlich unbequem ist, wenn's klingelt.

Die Ästhetik schlägt alles

Zweite Lektion: Das iPhone kann mehr, als man denkt, aber weniger, als man sich manchmal wünscht. Das, was es kann, kann es unvergleichlich gut. Und das, was nicht, ist meist die Schuld des Netzbetreibers AT&T.

Dazu vorweg: Ich bin ein Apple-Fan, seit ich 1993 zum ersten Mal einen Mac berührte. Seither schwöre ich auf Apple. Egal wie schlecht der Service, wie nervig die Mätzchen, wie empörend die Kundenknebel-Strategie. Die Ästhetik betäubt meinen Menschenverstand.

Auch beim iPhone. Die verführerische Benutzeroberfläche. Die optischen und akustischen Spielereien. Die eleganten Symbole. Der Wetterkasten, in dem es regnet. Der kleine Papierkorb, der sich öffnet, um den Abfall in sich hinein zu saugen. Die erste Nacht habe ich wachgelegen und mein iPhone einfach nur angeguckt.

Apple-Ästhetik schlägt alles. Für andere Nutzer mag das nebensächlich sein. Ich brauche den Spaß. Nie wieder könnte ich zum Blackberry zurückkehren, sorry - genauso, wie mich heute ein PC mit Microsoft-Software deprimiert. Ob das allein reicht, um neue Jünger zum iPhone zu bekehren, wer weiß.

Zwischenfall in der Meditationsrunde

Mich jedenfalls bremsen die Stolpersteine auf dem Weg ins iPhone-Nirwana nicht. Gut, das iPhone ist gewöhnungsbedürftig, selbst für Tech-Profis, und ich selbst bin ja nur ein autodidaktischer Laie, der heute noch seine Texte mit drei Fingern tippt. Ich liebe mein iPhone. Und manchmal, da hasse ich es.

Etwa, als ich in der Meditationsrunde sitze. (Auch Journalisten müssen mal abschalten.) Da dudelt plötzlich der iPod im iPhone los - Christina Aguileras "Ain't No Other Man", ausgerechnet. Wo ich das iPhone doch auf "stumm" geschaltet habe, mit dem winzigen Schalter links. So winzig freilich, dass man schnell danebengreift. Und dann wird aus "stumm" ein überstürzt-geniertes Verlassen des Raumes. Und: Schadenfreude.

Auch die Batterie - ein heiß diskutiertes Thema - kann mich wenig irritieren. Wenn ich das iPhone den ganzen Tag anlasse, reicht sie gerade bis zum Schlafengehen. Dumm: Zum Aufladen per Steckdose am Nachttisch - denn mein iPhone ist nun auch mein Wecker - muss ich jedes Mal das USB-Verbindungskabel umstöpseln, das das iPhone mit dem MacBook Pro drüben im Arbeitszimmer synchronisiert.

Fast kaufe ich mir deshalb bei Apple ein zweites Kabel (19 Dollar plus vier Dollar Online-Versand). Bis ich nach ein paar Tagen merke, dass mein iPod ein identisches Kabel hat. Eine Information, die Apple tief im 124-seitigen "User Guide" vergräbt, den man sich separat von der Website runterladen muss. Ich kann also beide Kabel fürs iPhone benutzen und brauche nicht mehr umzustöpseln oder ein zweites zu kaufen. Heureka!

Dünnes Heftchen statt Gebrauchanweisung

Ich liebe mein iPhone. Ich kann mit einem Klick das Wetter in Rio de Janeiro checken. Oder den Dow-Jones-Index samt Grafik. Oder mir selbst mit Google Earth aufs Dach gucken.

Und als Telefon? Bryan schickt mir genüsslich immer neue E-Mails mit negativen Testberichten. Zum Beispiel den vom "PC Magazine": "Bester Media-Player aller Zeiten - schlechte Audio-Qualität bei Telefonaten."

Gut, aber ... schöner lässt es sich nicht telefonieren. Die "optische" Voice-Mail: unschlagbar. Per Fingerklick durch den Anrufbeantworter, ohne minutenfressende Ansagen. Auch die Option, einen anklopfenden Anruf mit dem bereits laufenden zur Konferenzschaltung zu fusionieren und dabei nicht mal den Ohrstecker aus dem Ohr nehmen zu müssen, fasziniert mich. Theoretisch. Ob ich so etwas je praktisch brauche, bezweifle ich.

Auch pausiert die Musik zum Telefonieren, ohne dass ich das Ohr freimachen muss - im Kabel steckt ein mikroskopisch kleines Mikrofon. Das habe ich allerdings erst nach Tagen bemerkt. Denn auch das verschweigen die "Finger Tips" - das magere Begleitheftchen, das Apple anstelle einer Gebrauchsanweisung mitliefert.

Lieber laufen statt fahren

Auch die virtuelle Buchstaben-Tastatur, eine oft lamentierte Neuerung, habe ich längst gemeistert. Wenngleich mir die "Finger Tips" auch dabei wenig geholfen haben. Lang leben die Autodidakten! Mittlerweile tippe ich auf dem iPhone schon fast so schnell wie auf meinem MacBook. Ich liebe mein iPhone.

Ich hasse mein iPhone. Websites bauen sich langsamer auf als bei einer analogen Modemverbindung. Wenn ich es zücke, macht es manchmal von ganz allein ein Foto (es sei denn, es steckt im Etui, das blockiert die Linse). Die Tastatur hat keine Umlaute: "viele Gruesse an die Maedchen". Es gibt keine "Cut-and-Paste"-Funktion, mit der man Informationen in eine SMS oder E-Mail kopieren könnte. Und als ich zum Spaß den Weg zum Kino abfragen will, beharrt es: "Driving directions could not be retrieved."

Die Oberfläche ist so berührungsempfindlich, schon oft habe ich jemanden aus Versehen angerufen, nur weil mein Finger seinem Namen zu nahe kam. Wer beim Telefonieren Zahlen eingeben soll ("für Service, wählen Sie 1"), muss dazu erst mal die virtuelle iPhone-Tastatur aktivieren - ein blöder Umweg, für den man das iPhone vom Ohr nehmen muss.

Mein iPhone ist mein bester Freund

Und aus irgendeinem Grund patzt die "Favorites"-Funktion meines iPhones, mit der man seine Lieblingsnummern als handliche Liste speichern kann. Mein iPhone akzeptiert seit gestern keine neuen "Favorites" mehr. Offenbar hält es 20 Freunde für ausreichend.

Aber ich habe ja mein iPhone - es ist mein neuer bester Freund. Nicht alles, was es macht, gefällt mir, aber wahre Freundschaft übersteht das schon. Oder ist es Hassliebe? Oder gar Sucht? Gestern saß ich auf der Treppe vor meinem Haus und guckte über das iPhone stundenlang alberne YouTube-Videos - etwas, was ich auf meinem Computer selten mache.

Man merke: Es gibt kein Zurück. Das wäre, als würde ich meinen Farbfernseher gegen ein altes, wiewohl verlässliches Schwarzweiß-Gerät austauschen. Inzwischen hat sich ja selbst Bryan ein iPhone bestellt. Heimlich, online.

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