Foto-Handys in Saudi-Arabien Bestrafung als Anerkennung

Die mobile Unmoral hält Einzug in Saudi Arabien. Das strenge Regime in Riad muss sich dem Wunsch seiner Untertanen nach Fotohandys beugen. Nun versucht der Staat, den Missbrauch gesetzlich einzudämmen - und zeigt damit seine Hilflosigkeit im Umgang mit der neuen Technik.


Das neue Gesetz soll den "Missbrauch von Handys oder ähnlichen Geräten, um anderen zu schaden oder sie zu diffamieren" unter Strafe stellen: 100.000 Euro Geldbuße und bis zu einem Jahr Gefängnis drohen einem "Reuters"-Bericht zufolge künftig demjenigen, der in Saudi Arabien mit seinem Fotohandy Unfug anstellt. Ähnliche Strafen hatte die Regierung in Riad bereits für das Hacken von Web-Sites eingeführt.

Saudi-arabischer Mann mit Handy: Großes Potential an unerwünschter Kommunikation
REUTERS

Saudi-arabischer Mann mit Handy: Großes Potential an unerwünschter Kommunikation

Oberflächlich mutet das Gesetz, das nur noch vom König abgesegnet werden muss, für saudische Verhältnisse harmlos an. Was der knappe Wortlaut verbirgt, ist die Auslegung: Tatsächlich dürften die Behörden die Regelung vor allem dazu nutzen, die Presse- und Darstellungsfreiheit im Land weiter einzuschränken. Die Organisation Reporter ohne Grenzen attestierte Saudi-Arabien jedenfalls 2006, ihre Internet-Zensur mit dem Schutz der Bürger vor "unmoralischen" und "verleumderischen" Äußerungen zu rechtfertigen.

Die Geistlichkeit hatte Fotohandys verbieten lassen

Durch das Strafmaß für "missbräuchliche" Anwendung erfahren Kamera-Handys allerdings auch eine Art Anerkennung durch die saudische Regierung. Denn ginge es nach der besonders strengen Geistlichkeit des Landes, dürfte es die Geräte in Saudi-Arabien überhaupt nicht geben. Im September 2002 hatten die Religionsgelehrten ein Verbot von Mobiltelefonen mit eingebauter Digitalkamera durchgesetzt.

Der Bann ging allerdings dermaßen an der Realität des Landes vorbei, dass es zu massiven öffentlichen Protesten kam. Vor allem die jungen Saudis wollten sich ihre liebgewonnen Foto-Handys nicht wieder nehmen lassen. 2004 knickte die Regierung ein und nahm das Verbot zurück.

Der saudische Staat sorgt sich um die Multimedia-Handys

Zwei Jahre später, im August 2006, wurde sogar das Fotografieren offiziell erlaubt. Hierbei schlug das Gewohnheitsrecht die Staatsreligion: Im Wahhabismus gilt ein strenges Bilderverbot. Insofern untermauert die neue Regelung gegen den "Missbrauch von Kamera-Handys" die Erlaubnis, überhaupt mit dem Telefon fotografieren zu dürfen.

Dabei machen dem saudischen Staat gerade Multimedia-Mobiltelefone Sorgen, bergen sie doch ein großes Potential an unerwünschter Kommunikation: Da sie auf Peer-to-Peer-Basis funktionieren, ist der Datenverkehr in den Handynetzen schwerer kontrollierbar. Der Austausch von unliebsamen Informationen, Fotos oder Videos über Mobiltelefone ist nur schwer nachvollziehbar - während der bloggende Dissident prinzipiell einfach anhand seiner IP-Adresse identifiziert werden kann. Für die Nutzer ist das karge P2P-Netz zwar vergleichsweise unbequem, gleichzeitig erhöht es den Aufwand für die Regierung beträchtlich, eine lückenlose Zensur herzustellen.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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