Gefälschte Medikamente Eine SMS als Lebensretter

In Entwicklungsländern richten gefälschte Medikamente große Schäden an: Mangels Informationen können Konsumenten oft nicht feststellen, ob sie tödliche Billigkopien oder echte Wirkstoffe kaufen. Ein Authentifizierungssystem auf SMS-Basis soll das ändern.


Markenpiraterie ist ein boomendes Geschäft, das weltweit fast allen Branchen zu schaffen macht. Es gibt allerdings ein Betätigungsfeld der Plagiatoren, das nicht nur negative wirtschaftliche Folgen hat, sondern das Wohlergehen oder sogar das Leben von Konsumenten gefährdet: gefälschte Medikamente. Tragischerweise versprechen gerade die Kopien von Medikamenten relativ hohe Gewinnspannen, während die Opfer der Fälschungen oft besonders arme Menschen in Entwicklungsländern sind.

Malaria-Überträger Anopheles-Mücke: Gefälschte Malaria-Medikamente sollen per SMS überprüft werden
DPA

Malaria-Überträger Anopheles-Mücke: Gefälschte Malaria-Medikamente sollen per SMS überprüft werden

Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll der Markt für nachgemachte Pillen von 7,5 Milliarden Dollar im Jahr 2005 auf 75 Milliarden Dollar in 2010 explodieren. Dabei ist die Situation bei Arzneimitteln für Krankheiten, die vor allem die Ärmsten treffen, besonders dramatisch.

So kam eine Studie, die sich mit Malaria-Medikamenten in Asien beschäftigt, 2006 zu dem erschreckenden Ergebnis, dass rund die Hälfte der untersuchten Artemether-Tabletten keinen oder viel zu wenig Wirkstoff enthielten.

Sicherheitsabfrage per SMS

In den meisten Ländern, die von Malaria betroffen sind, stellt sich die Bekämpfung der Medikamenten-Piraterie zudem als besonders schwierig dar. Menschen, die oft ihre kompletten Ersparnisse für ein Malaria-Mittel ausgeben müssen, verfügen in der Regel nicht über Zugang zu den nötigen Informationen, um Fälschungen zu erkennen. Ein System zur Medikamenten-Authentifizierung wie ePedigree, das derzeit in den USA aufgebaut wird, kommt für afrikanische Länder nicht in Frage: ePedigree baut auf RFID-Funkchips, die jede Packung mit einer einmaligen Identifikationsnummer verbinden.

Dass ein Erkennungssystem auch ohne teure Funkchips und die passenden Lesegeräte funktionieren kann, zeigt allerdings ein Beispiel aus China: Dort stellt falsch etikettiertes und verschmutztes Trinkwasser ein ernsthaftes Problem dar. Darauf hat die Stadtverwaltung von Peking zusammen mit 28 Abfüllbetrieben mit einem SMS-basierten System reagiert. Mit dessen Hilfe können Konsumenten die Herkunft von Wasserflaschen überprüfen.

Dazu liefert die Verwaltung Aufkleber mit fortlaufenden Seriennummern, die auf jede Flasche geklebt werden. Wenn ein Konsument nun an der Herkunft einer Flasche zweifelt, kann er die Seriennummer per SMS an die Behörde schicken. Die automatisch generierte Antwort-SMS klärt dann darüber auf, ob die fragliche Seriennummer in aktuellen Chargen verwendet wurde.

Lebensrettende Informationen

Natürlich erlaubt das chinesische System die Identifikation eines Produkts nicht genauso zweifelsfrei wie ein RFID-Chip. Trotzdem glaubt der Harvard-Jurist und Entwicklungshelfer Ethan Zuckerman daran, mit einem ähnlichen System gefälschte Malaria-Medikamente in Afrika aufspüren zu können. Zuckerman hat daher ein Programm namens mPedigree initiiert, das kürzlich seine Arbeit in Ghana aufgenommen hat.

Das System soll mittels eindeutiger Identifizierungsnummern regulär produzierte Tabletten mit dem Wirkstoff Artemether kennzeichnen. Genau wie in Peking sollen die afrikanischen Konsumenten per SMS feststellen können, ob eine Packung aus einer aktuellen Charge stammt oder ob die Authentifikationsnummer gefälscht wurde. Dies soll natürlich vor dem Kauf geschehen, wobei die SMS-Gebühren als Aufpreis angesichts der schwerwiegenden Folgen von Plagiaten auf Akzeptanz stoßen sollen. Und mPedigree hat ehrgeizige Ziele: Bis 2012 soll das System nicht nur in Ghana, sondern in allen 48 subsaharischen Staaten etabliert werden.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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