Gegenleistung statt GEZ Jedermann ein Kameramann

Die BBC hat radikale Umbaupläne. Zur Strategie gehören massive Investments in Interaktives. Anders als ARD und ZDF in Deutschland plant die BBC jedoch nicht, nur für Bestehendes zu kassieren: Nach dem "Ende des Rundfunks" wird jeder Zuschauer zum Nachrichtenlieferanten.

Bei den Stichworten "öffentlich-rechtlicher Rundfunk" und "Internet" muss man hierzulande unwillkürlich an die GEZ-Gebühren denken, die ab 2007 auf Computer mit Internetanschluss und Handys mit TV-Empfang erhoben werden sollen - ohne neue Services als Gegenleistung.

Die gleichen Stichworte können allerdings auch für mutige Modernisierungen stehen: Die britische BBC hat erst im April verkündet, dass die Idee vom Rundfunk überholt sei und die Zukunft in neuartigen Netzwerken von Medien und Nutzern läge.

Das BBC-Zukunftskonzept namens "Creative Future" mutet dabei zunächst an wie ein Web-2.0-Programm aus Bürger-Blogs, offenem TV-Archiv und Volkshochschulkurs für Mediengestaltung. Aber die "alte Tante" BBC will genau damit dem drohenden Bedeutungsverlust traditioneller öffentlich-rechtlicher Medien Einhalt gebieten. Eine ganze Generation jugendlicher Seher habe man bereits an iPod, Spielkonsole und Internet verloren, erklärte BBC-Chef Mark Thompson, daher sei eine radikale Neuorientierung zwingend geboten.

Vertraute Töne

Vor diesem Hintergrund ist auch die folgende Ankündigung zu verstehen, die sonst ziemlich nach New-Economy-Gerede klingen würde: Die Firma All New Video entwickelt eine Reihe von konvergenten UMTS-, Internet-Video- und VoIP-Services für interaktive BBC-Fernsehformate.

Darunter ist unter anderem die Infrastruktur für Video-Beiträge von BBC-Konsumenten zu verstehen, die damit natürlich ihren passiven Status verlieren und zu Mitproduzenten von TV-Sendungen werden. Erste Versuche, den "Citizen Journalism" fest in das BBC-TV-Programm einzubinden, sollen in verschiedenen Lokalnachrichten erfolgen, und außerdem im Meinungs- und Diskussionsformat "Have Your Say" auf "BBC World" und "BBC News 24".

Chronisten statt Sofakartoffeln

Interaktives Fernsehen könnte demnach bald mehr bedeuten, als Mehrwertnummern zu wählen, um Teil einer Abstimmungs-Statistik zu werden. Zuschaueranrufe in TV-Sendungen oder SMS-Chats im Teletext sind zwar ohne Frage interaktiv, aber leider fast nie formatgerecht.

Die BBC befindet sich unterdessen in der Position, die rapide wachsende Menge der Internet- und Handy-Hobby-Filmer in ernstzunehmende TV-Sendungen einzubinden. Wenn die Keimzelle aller öffentlich-rechtlichen Medien ihr Zukunftskonzept wirklich umsetzt, werden die Zuschauer-Beiträge auch kein Nischen-Dasein mit Alibifunktion führen, sondern Schritt für Schritt in das "normale" Programm integriert.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler