Google-Handy in der Kritik Akku grauenhaft, Software Eins minus

Viele klagen über die Tastatur, und der Akku macht schnell schlapp: Die ersten Besprechungen des Google-Handys G1 sind alles andere als euphorisch - sogar die Software überzeugt nicht alle Tester. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie die wichtigsten Tech-Experten das Android-Telefon beurteilen.

Am Freitag sollen in den Vereinigten Staaten die ersten Google-Handys (hergestellt von HTC aus Taiwan, vertrieben von T-Mobile als HTC G1) an Kunden geliefert werden. An diesem Donnerstag erscheinen die ersten Besprechungen auf US-Technikseiten. Und die Reaktionen sind, gelinde gesagt, gemischt. Es gibt durchaus Lob fürs Googlefon - aber immer unter dem Vorbehalt, dass man es ja nur mit einem ersten Versuch zu tun hat. Dem iPhone, da herrscht Einigkeit, kann das G1 bislang jedenfalls nicht das Wasser reichen.

Der Fachdienst IDG  hat in den Nutzungsbedingungen von Googles Downloadshop für Handy- Software namens "Market" einen brisanten Abschnitt entdeckt: Dort erklärt Google, man könnte in bestimmten Fällen Programme auf den Mobiltelefonen der Nutzer entfernen - per Fernwartung.

So eine Hintertür hat auch Apple den eigenen Technikern beim iPhone eingebaut. Wie Apple argumentiert auch Google mit der Sicherheit. Wenn ein Programm gegen die "Vertriebsbedingungen" für Entwickler verstoße, zitiert IDG aus dem Rechtstext, behalte Google sich das Recht vor, "diese Anwendungen aus der Ferne von dem Telefon zu entfernen".

Kay Oberbeck von Google erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Im kostenlosen Android Market erfolgt keine Vorabprüfung von Anwendungen. Jedoch behalten wir uns das Recht vor, sicherheitsgefährdende Anwendungen - zum Beispiel solche, die Kontaktinformationen ausspähen wollen - zum Schutz der Anwender zu entfernen."

Aber auch abgesehen von der fernbedienten Löschtaste, die wohl noch für Diskussionen sorgen wird, begeistert das Google-Handy die ersten Tester nicht übermäßig.

Einige Stimmen:

Matthew Miller (" ZDnet ") bemängelt, dass das G1 keinen normalen Kopfhöreranschluss hat - sondern einen Kopfhörer-Adapter für den USB-Port braucht. Ihn stört auch, dass die Kamera keine Videos aufzeichnen kann. Daneben hat er eine lange Liste mit Wünschen an das Gerät, die bislang nicht erfüllt werden. Er kommt aber dennoch zu dem Schluss: "Obwohl das G1 nicht perfekt ist, bin ich sehr zufrieden damit. (…) Es gibt sicher einige Verbesserungen, die sehr bald nötig sind, um die Frustration der Menschen zu reduzieren."

Walt Mossberg (" Wall Street Journal ") kritisiert vor allem die Benutzeroberfläche des Telefons. Besonders problematisch findet er, dass die Möglichkeiten, Kalender, E-Mails und Adressen mit einem Computer zu synchronisieren, höchst eingeschränkt sind: Eigentlich will das G1 nur mit Netz-Anwendungen von Google selbst reden. Ohne Google-Account geht gar nichts. Außerdem mag Mossberg die G1-Tastatur nicht. Das Fazit des bekennenden iPhone-Fans lautet dennoch: "Insgesamt ist das G1 ein sehr guter erster Versuch und ein Glücksfall für Menschen, die physische Tastaturen oder T-Mobile bevorzugen und an der neuen Welt der Hemdentaschen-Computer teilhaben wollen."

Joshua Topolsky (" Engadget ") lobt die Software des Android-Handys, vermisst aber auch so einiges - etwa die Fähigkeit, mit verschiedenen Dateiformaten umzugehen. Auch mit der GPS-Funktionalität ist er unzufrieden. Sein Fazit: "Das G1 bringt derzeit niemanden aus dem Häuschen. Die Hardware für sich betrachtet ist nicht besonders beeindruckend, aber auch nicht besonders schlecht. (…) Am Ende geht es aber nicht um die Hardware. Es geht darum, was Android ist und was es verspricht, wenn auch nicht unbedingt sofort liefert."

David Pogue (" New York Times ") kritisiert nicht zuletzt die Netzabdeckung mit UMTS-Verbindungen, bei denen T-Mobile (der G1-Provider in den USA) dem iPhone-Träger AT&T offenbar noch stark hinterherhinkt. Ihn stört auch, dass das Bild auf dem Schirm des G1 nicht automatisch rotiert, wenn man das Telefon auf die Seite dreht (wie beim iPhone), dass die Batterie so schnell schlappmache (Pogue spricht von drei bis fünf Stunden unter Last) und dass es einfach nicht so hübsch ist wie das Apple-Telefon. Sein Fazit: "Das ist das G1-Zeugnis: Software Eins minus, Telefon Zwei minus, Netzqualität Drei." Dennoch, so Pogue, gebe es zweifellos "ein großes Publikum für Telefone, die den berührungsempfindlichen, leicht zu navigierenden Spaß eines iPhone mitbringen, ohne eine gleichermaßen extreme Philosophie des Funktionsminimalismus. Wenn Sie dazugehören, sollten Sie die Android-Ära mit offenen Augen und Ohren begrüßen."

Peter Ha (" CrunchGear ") beklagt, dass sich das G1 nur mit einem einzigen Googlemail-Account koppeln lässt. Für Menschen mit einem privaten und einem geschäftlichen E-Mail-Konto ist es derzeit kaum geeignet. Fünf Absätzen mit Lob stellt Ha eine mehrere Seiten lange Liste mit Kritikpunkten gegenüber - etwa, dass das GPS-Modul nicht so gut funktioniert, wie er sich das wünschen würde, und dass die Akkulaufzeit "grauenhaft" sei. Sein Fazit: "Wenn Sie auf Android gewartet haben, rate ich, noch ein bisschen weiter zu warten. Das Betriebssystem scheint von Klebeband zusammengehalten zu werden und braucht noch eine Menge Arbeit."

Am knappsten und gemeinsten fällt das Fazit bei " Gizmodo " aus: "Das G1 und Android sind keine fertigen Produkte."

cis/lis

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