Gratis-Betriebssystem Wie Google den Handy-Markt aufmischen will

Google in der Kuschel-Offensive. Mit umfassenden Kooperationen will sich der Konzern zur zentralen Internet-Schnittstelle machen - jetzt auch im Mobilfunkmarkt. Die Strategie erinnert an Microsoft.

Am späten Montagnachmittag europäischer Zeit will Google ein neues Kapitel in der Geschichte des Unternehmens aufschlagen: Kurz nach 18 Uhr wird der Suchmaschinenkonzern bekanntgeben, wen er alles schon als Partner und Nutzer für seine geplante offene Mobilfunk-Plattform gewonnen hat. Das Ziel: auf dem Handy so allgegenwärtig zu werden wie im klassischen Internet.

Dort ist Google nicht eine, sondern die Marke überhaupt, wenn es um Suche geht - und um coole Internet-Anwendungen wie Maps oder Earth. Auch Dienste wie Blogger oder Google Mail erfreuen sich einiger Popularität, dazu kam im vergangenen Jahr ein stetig wachsendes kostenloses Softwarepaket. Doch letztlich bleibt Google auf dem Desktop ein Gast, dessen Programme nur laufen, wenn darunter ein Betriebssystem schuftet. Und das heißt in den meisten Fällen nach wie vor Windows. Microsoft mag Marktanteile verlieren, aber es ist und bleibt der Monolith auf dem PC-Markt.

Im Bereich des mobilen Webs sieht das anders aus. Hier konkurrieren Microsoft und Symbian, Palm OS und Linux um möglichst große Stücke vom Kuchen. Ein de-facto-Standard wie auf dem PC existiert bisher nicht.

Genau den will Google schaffen.

Worum geht es eigentlich?

Denn es ist ein Missverständnis, dass Google plant, direkt in das Mobilfunkgeschäft einzusteigen. So wie Microsoft kein Computer-, sondern ein Softwarekonzern ist, will Google nicht direkt die technische Plattform entwickeln oder ein Netz betreiben - sondern indirekt zur Mobilfunkmacht werden, indem es das Betriebssystem für alle liefert.

Ein hehrer Anspruch, wenn man bedenkt, dass Microsoft zum Beispiel allein in diesem Jahr rund 20 Millionen Handys mit einem mobilen Windows-System bestücken will. Der IT-Riese hat einen mächtigen Vorsprung. Doch Google hat einen Trumpf im Ärmel.

Denn Google hat vor, seine Waren zu verschenken. Google Mail, das zeichnet sich immer deutlicher ab, ist als offene Plattform konzipiert. Jeder Handyhersteller, jeder Software-Entwickler soll offenbar Zugang zum System bekommen - und ohne Lizenzgebühren die Software nutzen und Dienste aufsetzen können.

Davon will auch Google eine Menge entwickeln: Von Google Earth über Lokalisierungsdienste, die auf Maps aufsetzen, bis hin zu YouTube sollen Google-Dienste zur alltäglich genutzten Ware werden.

Die Methode erinnert an Microsoft. Vor elf Jahren begann der Konzern aus Redmond damit, Konkurrenten aus der Web-Startup-Welt aus dem Markt zu drängen, indem er Produkte wie den Internet Explorer zum überall vorinstallierten Gratis-Standardprogramm machte; später auch den Media Player. Das Kalkül ging schnell auf, verschaffte Microsoft ein bis zur Veröffentlichung von Mozilla/Firefox unangefochtenes Quasi-Monopol - und zerstörte letztlich die Grundlage für einen kommerziell orientierten Browser-Markt. Internet-Browser werden verschenkt. So wie künftig auch die Betriebssysteme für mobile Telefone, wenn es nach Google geht.

Ein Betriebssystem verschenken, einen lukrativen Markt mit Gratis-Produkten aushebeln - was sollte Google davon haben?

Denn der Konzern weiß besser als jeder andere, dass sich allgegenwärtige Präsenz auf einem Markt ganz prächtig vermarkten lässt. Google hofft über eventuelle Lizenzgebühren Geld zu verdienen - aber noch mehr über Dienste, die auf das Google-Phone-Betriebssystem aufgesetzt werden. Wie immer in Googles Welt soll auch diesmal Werbung das Geld einfahren.

In der Welt des mobilen Webs gibt es noch nicht viel Reklame. Doch das wird sich Experten zufolge schon sehr bald ändern. Auf rund 100 Millionen Dollar wird der mobile Werbemarkt in Europa und den USA in diesem Jahr geschätzt. Das US-Marktforschungsunternehmen Opus Research traut dem Mobil-Werbemarkt in einer aktuellen Prognose ein Wachstum von 116 Prozent im Jahr zu - bis er 2012 zu einem Fünf-Milliarden-Dollar-Geschäft herangewachsen sein soll. Ein nicht gerade bescheidener Fünf-Jahres-Plan.

Genau diese Cash-Cow will Google melken. Dafür braucht der Konzern möglichst schnell möglichst viele Handy-Nutzer, die Google-Software nutzen. Und nichts ist so schnell unter die Leute zu bringen wie geschenkte Programme - wenn sie etwas taugen.

Von der Güte der Software hat Google in den vergangenen Wochen anscheinend zahlreiche Firmen überzeugen können. Mehr als 30, vielleicht sogar mehr als 40 werde Google am Montagabend als Partner bekanntgeben können, munkelt man in der Branche. Darunter Branchen-Größen wie NTT DoCoMo, LG Electronics, Intel, Qualcomm, Nvidia, Telefonica, Sprint, Motorola, Samsung und - potentiell pikant - angeblich auch T-Mobile, hierzulande Partner bei der Vermarktung von Apples iPhone.

Will Google Erfolg haben, wird es die Unterstützung von Hardware-Herstellern wie Netzbetreibern brauchen - und beides zeichnet sich ab.

Einheitlicher Standard - oder ganz viele davon?

Denn Google, bisher nicht als Betriebssystem-Entwickler bekannt, wird wohl nicht alle Grundlagen neu erfinden müssen. Die Phone-Software des Konzerns setze auf Linux auf, sagen Branchenkenner - was nur folgerichtig wäre. Damit wäre der offenen Plattform aus dem Hause Google gleich auch die Symphatie vieler Entwickler aus der Open-Source-Szene sicher.

Googles Eintritt in den heftigen Wettbewerb der mobilen Betriebssysteme könnte vor allem für die kleineren Entwickler herbe Folgen haben - Palm zum Beispiel und auch Research in Motion, die mit ihrem Blackberry letztlich eine Insellösung vertreiben.

Und dann gibt es ja noch diese andere neue Größe auf dem Markt, die nicht nur als Hard- und Software-Hersteller Zeichen setzen will - sondern auch Netzbetreiber-Ambitionen nachgesagt werden: Apple.

Das alles macht noch ein ganz anderes Szenario denkbar. Womöglich rückt die Schaffung einheitlicher Standards in weite Ferne - und verschiedene Anbieter binden mit hoch spezialisierten Produkten und Programmen Hardware-Hersteller wie Verbraucher an sich. Viel hängt wohl davon ab, mit welch großem Knalleffekt Google Mitte kommenden Jahres auf den Markt drängen wird.

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