Handy-Abzocke Unfaire Machenschaften, Traumatische Summen

Horrende Telefonrechnungen, absurde Abrechnungsmethoden, eine drohende Privatinsolvenz: Wer über das neue Handynetz UMTS im Ausland surft, ist schnell gigantische Geldbeträge los. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die bizarrsten Fälle und gibt einen verblüffenden Geheimtipp.

Seit fünf Jahren gibt es die Technik - benutzen will sie kaum einer. Eben erst wieder hat TNS Infratest die Verbraucher befragt: Warum kommt UMTS so gar nicht an beim deutschen Telefonvolk? Die Antwort: Der mobile Netzzugang ist schlicht zu teuer. Der Hauptkritikpunkt der Befragten waren die hohen Preise des mobilen Breitband-Netzes, das doch den Traum von der dauervernetzten Gesellschaft wahr machen sollte.

Dabei ist UMTS im Inland immer noch ein Schnäppchen - verglichen mit den Kosten für unbedarfte Mobilsurfer, die die Grenze ins Ausland überqueren und dort ins Netz gehen. Denn die Auslandsaufschläge sind bei der neuen Technik noch kostspieliger als bei gewöhnlichen Handys.

SPIEGEL ONLINE hatte kürzlich UMTS-Nutzer aufgerufen, von eigenen Alptraumerlebnissen mit UMTS im Urlaub oder auf Geschäftsreisen zu berichten. Horrende Telefonrechnungen, absurde Abrechnungsmethoden - die Resonanz war enorm. Rund 100 Leser haben Rechnungen über bis zu 22.000 Euro eingeschickt (siehe Bildergalerie), erzählen von abgestellten Telefonen, erbosten Chefs und finanziellen Notfällen.

"Mein Arbeitgeber übernahm zähneknirschend einen Teil"

Leser Laurin B. erinnert sich, wie er vor einiger Zeit er eine Rechnung über 2000 Euro im Briefkasten fand. "Da aufgrund des hohen Betrags die Abbuchung zurückging, wurde auch noch mein Handy direkt gesperrt. Mit viel Wut und Hass im Bauch habe ich bezahlt" - und anschließend den Vertrag gekündigt.

Marc Wolfart arbeitete im Ausland übers Netz: "Das summierte sich auf rund 82 Megabyte und machte dann 934,25 Euro. Mein Arbeitgeber übernahm zwar zähneknirschend einen Teil der Kosten - riet mir aber, beim nächsten Urlaub doch lieber ein teureres Hotel mit WLAN-Zugang zu buchen."

Leserin Meike B. berichtet, sie habe ihre Rechnung 4700 Euro auf 2700 Euro "heruntergehandelt". Vorher jedoch wurde "die UMTS-Telefonie noch im Ausland gesperrt", als ihr Mobilbetreiber "die Kostenexplosion bemerkte. Das fand ich okay". Damit war es jedoch nicht getan: "Dass mir dann aber das Telefon ohne zweiwöchige Voranmeldung ganz gesperrt wurde - das hätte gegebenfalls ein berufliches K.o. bedeuten können."

Ein Student aus Berlin berichtet sogar, er fürchte seit einem unbedachten Ausflug ins Netz in Italien die Privatinsolvenz. 18 Megabyte soll er versurft haben. Die Rechnung von 650 Euro kann er nicht bezahlen.

Viele Einsender arbeiten selbst in der Branche

Die meisten der Leserbriefschreiber sind technikverliebte Nutzer, Early Adopters eben - trotzdem sind sie in die gewaltigen Kostenfallen hineingetappt, die Europas Mobilfunker an jeder Grenze aufgestellt haben. Viele Einsender arbeiten selbst in der Mobilbranche. Zwei schwärzten sogar erbost ihre eigenen Konzerne an. Mancher denkt inzwischen über eine Klage nach.

Ein gutes Beispiel für den typischen vergrätzten UMTS-Nutzer ist der Kommunikationschef eines großen Technologiekonzerns. Er berichtet von einem Auslandsaufenthalt, der ihm eine UMTS-Rechnung von 1200 Euro bescherte - obwohl er auschließlich im Roaming-Partnernetz des eigenen Mobilfunkbetreibers online war. Sein Fazit: "Tarif undurchsichtig (wird nach Minuten oder Volumen abrechnet? Das geht nicht aus der Rechnung hervor). So macht man eine Technologie kaputt."

"Am besten die Karte zu Hause lassen"

Das Beispiel zeigt: Auch jene, die es im Ausland eigentlich richtig machen und sich wenigstens an die Partnernetze des eigenen Betreibers halten, haben kaum eine Chance, den horrenden Kosten zu entgehen. Noch teurer wird es, wenn man sich ins falsche Netz einwählt. Und sei es nur, weil das des offiziellen Roaming-Partners gerade nicht verfügbar ist.

Wer Glück hat, den warnt der eigene Betreiber vor der UMTS-Falle. Bei Leser Daniel Goldack war es so: "Vor meinem Italien-Urlaub im Juli hatte ich sicherheitshalber bei der Hotline von T-Mobile angerufen und gefragt, wie ich mich am besten bei meiner UMTS-Datenkarte verhalten solle (wo einbuchen lassen?, etc.). Die nette Dame an der Hotline hat mir nach einigem Zögern und Nachfragen gesagt, ich solle am besten die Karte zu Hause lassen, um vor bösen Überraschungen sicher zu sein."

"Sehr schade" sei das, sagt Goldack. "Ich glaube, dass sich die Mobilfunkbetreiber damit selber Schaden zufügen, da man sich über kurz oder lang Alternativen suchen muss, die dann zur Konkurrenz heranwachsen könnten."

Geheimtipp: Ein Gigabyte europaweit für 30 Euro

Das zeigen auch die Osteuropa-Erfahrungen von Joachim Würges: "Habe mir in Slowenien eine Praipaid-Karte gekauft mit UMTS zum Surfen. Das Surfen ist enorm billig, und man hat die Kosten im Griff. In Slowenien zum Beispiel kosten 100 Kilobyte 0,01 Euro, und das Telefonieren erledigt man dann über Skype. Seitdem macht Telefonieren und Surfen im Ausland wieder Spaß."

Dieser Trick funktioniert allerdings nicht überall. In einigen Ländern muss man nämlich eine lokale Anbindung wie eine örtliche Steuernummer vorweisen, um überhaupt an eine Prepaid-Karte zu kommen.

Mehrere Leser weisen allerdings auf eine Variante hin, die vorerst alle Auslands-UMTS-Sorgen auf einen Schlag beseitigt: die Prepaid-Karten des italienischen Anbieters Wind.

Der drittgrößte Mobilfunk-Anbieter des Landes hat eine Datenoption namens Mega 15000  im Programm. Sie bietet für 30 Euro im Monat ein Datenvolumen von einem satten Gigabyte - sowohl in Italien als auch im Ausland. In den ersten und den letzten zwei Wochen des jeweiligen Monats können je 500 Megabyte verbraucht werden. An- und abgeschaltet wird die Option durch eine einfache SMS an den Betreiber.

"Eigentlich ein Nebeneffekt"

Markus Weidner von der Telekommunikations-Seite Teltarif.de nutzt die Option selbst und hält die Vorteile für UMTS-Auslandsnutzer "eigentlich für einen Nebeneffekt". Der geräumige Datentarif sei wohl als Lockangebot für Inlands-Kunden gedacht, aber "das funktioniert auch mit Roaming".

Wie Wind die hohen Kosten ausgleicht, die eine solche Zweckentfremdung durch die horrenden Tarife in den ausländischen Netzen verursacht - das weiß auch Weidner nicht. Möglicherweise zahle Wind kräftig drauf. Vom Anbieter selbst gab es trotz mehrfacher Nachfragen keine Rückmeldung. Die Wind-Karten gibt es in Deutschland bisher nur über eBay und die Seiten einschlägiger Spezialshops für Prepaid-Karten. Offen ist, wie lange dieses Angebot noch erhalten bleibt.

Wem das alles zu umständlich ist, der kann es natürlich auch machen wie Leser Marc Wolfart: "Dieses Jahr war ich vorsichtig und habe im Urlaub lieber einen freundlichen Nachbarn mit analogem Telefonschluss bemüht, wo es ging. Per Modem surft es sich eigentlich gar nicht so schlecht - jedenfalls nicht langsamer als per GPRS und vieeel entspannter..."

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.