Handy-Hypochondrie Kanadische Zeitung entdeckt Schlafwandel-Simser

Schlafwandler stehen auf, laufen durch die Nacht, manche setzen sich sogar ins Auto - jetzt wollen kanadische Journalisten eine neue automatisierte Handlung bei ihnen ausgemacht haben. Sie verfassen und verschicken Kurzmitteilungen. Fachbegriff: Schlafsimsen.


Für angebliche neue Krankheitsbilder von Unterwegstelefonierern gibt es schon einige zeitgeistige Begriffskreationen von " Smexting" über " Textonyms" bis hin zur " Ringxiety". Ganz neu ist das "Sleep-texting", auf Deutsch wohl Schlafsimsen.

Schlafstörungen: Wer schlafwandelt, könnte dabei Kurzmitteilungen tippen, spekuliert eine kanadische Zeitung
DPA

Schlafstörungen: Wer schlafwandelt, könnte dabei Kurzmitteilungen tippen, spekuliert eine kanadische Zeitung

Diesen Begriff hat die kanadische Tageszeitung " The Star" für das Verfassen von SMS im Schlaf gefunden. Erste Beobachtungen des Phänomens kommen aus der Blogsphäre. So berichtete beispielsweise der texanische Blogger James Cross im Januar unter dem Titel " All Alone: Sleep Texting" von seiner nächtlichen SMS-Aktivität: Eines Morgens musste Cross feststellen, dass er seiner Freundin im Schlaf zwei reichlich wirre Textnachrichten geschickt hatte.

Könnte stimmen, ganz abwegig ist es zumindest nicht - so das Urteil eines spezialisierte Mediziners im "Star".

Die theoretische Erklärung: "Textnachrichten zu verfassen dürfte bei vielen Jugendlichen ähnlich automatisiert sein wie bei vielen Älteren das Autofahren", führte Ron Kramer gegenüber dem "Star" im Namen der American Academy of Sleep Medicine aus. Und automatisierte Verhaltensweisen gehören zum Repertoire vieler Schlafwandler.

Für eine zunehmende Zahl junger Handy-Nutzer scheint es außerdem selbstverständlich zu sein, das Telefon mit ins Bett zu nehmen. Nach Zahlen, die Forscher der belgischen Universität Leuven letztes Jahr im Fachmagazins "Sleep" publizierten, nutzen inzwischen rund 60 Prozent der 13- bis 15-Jährigen ihre Handys mehr oder weniger heimlich unter der Bettdecke. 2003 lag diese Zahl noch knapp unter 40 Prozent.

Neben Schlafwandlern, die völlig unbewusst Textnachrichten verfassen, gibt es aber noch eine weitere Erklärung für das "Schlafsimsen": "Die Betroffenen könnten auch wach SMS verschickt haben, sich aber trotzdem nicht daran erinnern", erläutert der Schlafmediziner Scott Fromherz. Wenn man nachts nur für wenige Minuten aufwacht, wird das Erlebte nämlich schlicht nicht ins Langzeitgedächtnis transferiert, erklärt der Gründer des "Westside Sleep Center" im US-Bundesstaat Oregon.

Demnach scheint "Schlafsimsen" tatsächlich kein ganz unwahrscheinliches Phänomen zu sein, für das es logische Erklärungen gibt. Richtig kurios wird es daher wohl nur, wenn man das "Schlafsimsen" mit der "Vibranxiety" kombiniert - also wenn schlafende Menschen auf eingebildetes Handy-Piepen oder -Vibrieren mit einer schnellen SMS zwischen zwei Traumphasen reagieren.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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