Handy-Kluft Japan hängt Europa ab

In Japan wurden im Januar vier Millionen Mobiltelefone verkauft - darunter kein einziges mehr der "zweiten Generation". Während sich hierzulande UMTS-Dienste der dritten Generation immer noch schleppend durchsetzen, prescht Japan schon Richtung 4G vor.

Es ist ein beliebter Gemeinplatz, dass die Globalisierung kulturelle Unterschiede und Eigenarten einebnet. Betrachtet man als Europäer die Handy-Gepflogenheiten in Japan und Südkorea, kann die These allerdings schwerlich aufrechterhalten werden. Hier tut sich nämlich sowohl technisch als auch kulturell ein gewaltiger digitaler Graben auf, und der scheint keineswegs zu schrumpfen.

So wird in Japan so etwas wie eine Handy-Gourmet-Kultur betrieben, in der Telefone offensichtlich poetische Farben wie "Ultimate Orange", "Urban Black" oder "Cocktail Gold" haben müssen. Nach einer aktuellen Erhebung der Videospiel-Firma Sega haben Japaner zudem einen ausgeprägten Hang dazu, ihre Designer-Telefone in der Badewanne zu benutzen. Und damit niemand die aktuellen Mobiltrends verpasst, vergibt das Kommunikationsministerium Lizenzen an staatlich geprüfte "Handy-Sommeliers", die Konsumenten in allen Telefonfragen unabhängig und kompetent beraten sollen.

Asien geht vor

Die - zugegebenerweise willkürlich herausgegriffenen Beispiele - zeigen jedenfalls, dass von einer Kultur-Nivellierung keine Rede sein kann. Die frappierenden Unterschiede haben auch eine technische Entsprechung: Der gängige japanische Funkstandard hat nämlich nichts mit den europäischen GSM-Netzen gemein. Und der digitale Graben wird derzeit eher noch größer, denn in Japan wurde gerade beschlossen, die Netze der sogenannten "zweiten Generation" 2012 endgültig abzuschalten.

Der Umstieg auf das Netz der dritten Generation, das bei uns UMTS heißt, vollzieht aber lediglich die Realität auf dem japanischen Markt nach. Dort wurden im Januar diesen Jahres schlicht und einfach nur noch 3G-Modelle gekauft, angeblich ging kein einziges 2G-Handy über den Ladentisch - obwohl rund vier Millionen Mobiltelefone verkauft wurden. Bei der Abschaltung der 2G-Netze dürfte es daher kaum Probleme geben, schon heute nutzen rund 85 Prozent aller japanischen Handy-Kunden die schnellen, auf Datentransfers ausgerichteten 3G-Services.

Generations-Verschiebung

In Europa und in den USA betreffen unterdessen gerade einmal die Hälfte aller neuen Verträge 3G-Dienste, im Alltag dominiert dagegen immer noch die vor allem auf Sprachtelefonie ausgelegte 2G-Technik. Und Japan ist nicht einmal das erste Land, das die zweite Netzgeneration verabschiedet, in Südkorea ist dieser Schritt sogar schon fast vollzogen - wobei wiederum eine andere Funktechnik zum Einsatz kommt als in Japan.

Während Japaner und Südkoreaner bereits fleißig an der Einführung von "Super 3G" bzw. 4G-Netzen arbeiten, bleibt den derzeit abgehängten Europäern die Hoffnung, dass sich Fortschritt nicht zwingend aus der erreichten Übertragungsgeschwindigkeit ableitet. Mit technischer Rückständigkeit lässt sich die langsame Verbreitung neuer Standards jedenfalls wohl kaum erklären. Hier spielen vielmehr wieder die eingangs erwähnten kulturellen Unterschiede eine entscheidende Rolle. Etwa die Frage, ob hochauflösendes Handy-TV in jeder Lebenslage überhaupt erstrebenswert ist.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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