Handy-Krach Klingeltöne für Manager

Ein US-amerikanisches Start-up-Unternehmen will ausgerechnet Klingeltonverächtern Anrufsignale fürs Handy verkaufen. Die neue Masche: Signaltöne mit professionellem Anspruch. Die sollen vor allem dezent sein, wenig stören - gerade billig sind sie allerdings nicht.


Das Geschäft mit Handy-Klingeltönen befindet sich schon seit geraumer Zeit im Sinkflug, sogar Teenager wenden sich zunehmend vom überteuerten Download der Melodiefetzen ab. Konstant scheint nur das miese Image der Klingeltöne und der Download-Anbieter zu sein. Jenseits der jugendlichen Unvernunft neue Zielgruppen für den kostenpflichtigen Download von Klingeltönen zu begeistern, scheint demnach ein aussichtsloses Unterfangen.

Stillvoll angerufen werden: iRingPro will professionelle Klingeltöne anbieten
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Stillvoll angerufen werden: iRingPro will professionelle Klingeltöne anbieten

Das Start-up mit dem Zeitgeistnamen iRingPro versucht es trotzdem, und zwar weniger trotz, sondern gerade wegen des desaströsen Rufs, den Klingeltöne haben. Unter dem Firmenmotto "The Innovators of Luxury Mobile Ringers" sollen hier Klingeltöne an Menschen verkauft werden, die Klingeltöne eigentlich nervtötend finden. iRingPro stellt sozusagen Anti-Klingeltöne vor, die ihre Aufgabe als Telefonsignal unauffällig und stilvoll erledigen sollen.

iZen

Um ausgerechnet Klingeltonverächtern den Kauf von Klingeltönen schmackhaft zu machen, sind die iRingPro-Sounds vor allem eines, nämlich dezent. Das betrifft die Töne selbst, aber auch die Intervalle, in denen sie einen Anruf signalisieren. Die Zeit vom ersten bis zum zweiten Klingeln ist so bemessen, dass man den Anruf eigentlich vor der ersten Wiederholung annehmen oder wegdrücken kann. Zuletzt verkaufte iRingPro keine einzelnen Klingeltöne, sondern nur ein ganzes Set zum Paketpreis von 9,95 Dollar.

Für diesen, sogar im Vergleich zu den üblichen Gepflogenheiten im Klingeltongeschäft saftigen Preis, erhält man 21 Signale. Diese werden unter anderem als "professionelle iPhone-Klingeltöne" angepriesen, während der sinnige Namen " Zen Collection" wohl jede Jamba-Assoziation schon im Ansatz vermeiden soll. Werden Klingeltöne also im iPhone-Windschatten tatsächlich doch noch erwachsen? Immerhin ist Apple als "Türöffner" berüchtigt, der zuvor verschlossene Märkte für nachfolgende Unternehmen erschließt. Und was beim kostenpflichtigen Musik-Download und der mobilen Internet-Nutzung funktioniert hat, könnte doch jetzt auch für Klingeltöne funktionieren?

iFlop

Angesichts des gut durchdachten Auftritts verwundert es nicht, dass sich hinter iRingPro ein ausgewiesener Marketing-Experte verbirgt: Joel Hladecek hat Mitte der neunziger Jahre die zeitweilig recht bekannte Agentur Red Sky Interactive mitgegründet und anschließend fast ein Jahrzehnt als Kreativ-Chef fungiert. Sein Klingeltonprojekt läuft allerdings trotz dieses reichhaltigen Erfahrungsschatzes schleppend an. Davon zeugt das dünne Feedback auf der iRingPro-Site, aber auch der misslungene Versuch mit einem Wettbewerb Zuspruch zu generieren.

Die von iRingPro initiierte Kür des " weltweit besten Gratis-Klingeltons" stieß in der thematisch interessierten Blogwelt nämlich vor allem auf ablehnendes Unverständnis. Auf den zweiten Blick entpuppt sich auch der Firmenname als fragwürdige Wahl. Produktbezeichnungen mit einem vorangestellten "i" erfreuen sich bei Unternehmen zwar ungebrochener Beliebtheit. Ob die i-Masche bei den Konsumenten genauso gut ankommt, kann unterdessen bezweifelt werden. Klar scheint nur, dass die Flut der iProdukte vor allem Apple zugute kommt, weil jeder Nachahmer vor allem an den iMac- und iPod-Hersteller erinnert. Die Trittbrettfahrer haben es dagegen schwer, im Schatten des "i" ein eigenständiges Profil zu entwickeln. Dazu kommt erschwerend, dass " iRing" schon für ein Designkonzept und eine Software verwendet wird. Die Etablierung "professioneller Klingeltöne" dürfte so jedenfalls nicht funktionieren.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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