Handy-Videos Vom Schmuddelclip zum Filmfest

Nichtprofessionell gedrehte Video-Clips haben sich als neues Medium so gründlich etabliert, dass ihretwegen sogar Handys an bayrischen Schulen verboten werden. Gleichzeitig feiert das Handy-Kino seinen Aufstieg in die Höhen der Kultur.


Schon 2004 hatte O2 den ersten "Mobile Movie Award" ausgeschrieben. Klar, denn wenn das Herz schon nicht von alleine für die MMS schlägt, dann muss eine Art medialer Defibrillator her. Damals - das Wettbewerbsthema "Berlin" war eher ein touristisch motiviertes - hat das noch nicht so ganz funktioniert.

Nokia N93: Neues Werkzeug für Regisseure?

Nokia N93: Neues Werkzeug für Regisseure?

Inzwischen geht es schon nicht mehr um das gefilmte Objekt, sondern um den Macher, auch YouTube nennt seine Clip-Fabrikanten seit einer Weile "Director". Denn die anonyme Horde der Film-Knipser war gestern, heute sind es Regisseure. Und die Erhöhung des Selbstwertgefühls stand schon immer am Anfang von Konsumenten-Revolutionen.

Folglich schaut man nicht mehr nach oben, sondern hat dem diesjährigen Mobile Movie Award das Thema "Die Welt liegt uns zu Füßen" verpasst und sie gleich an die kommenden 57. Berliner Filmfestspiele gekoppelt. Der Fehler, den O2 dieses mal leider macht, ist den Wettbewerb in "Professionals" und "Mobile User" aufzuteilen, und den "Professionals" dabei zu erlauben, ihre Filme nicht mit dem Handy aufzunehmen.

Soziale Studien

Denn das Handy ist auf dem Weg, sich als Kamera gerade durch die besondere Ästhetik der Bilder einen ähnlichen Ruf einzuspielen, wie 8-Millimeter-Effekte oder die DV-Manie der Dogma-Filmer. Nokias nächstem Flaggschiff, dem N93, das bereits Filme in einer fernsehüblichen Auflösung aufnehmen kann, haben die Finnen gleich mal eine extra Filmseite spendiert, das Mobile Movie Studio.

Im Frühling mit Gary Oldman als Galionsfigur gestartet, finden sich dort Woche für Woche junge Filmemacher mit frisch auf dem N93 gedrehten Kurzfilmen ein, um für die neue, überaus spontane Kamera die Werbetrommel zu rühren. Hier werden keine schnellen Clips gemacht, sondern "Social Studies" betrieben.

Erst letzten Monat hatte Nokia in Zusammenarbeit mit dem Cannes Lions Werbefilmfestival schon den "Young Creatives" Preis für Spots, die auf dem N93 gedreht wurden, ausgerufen. Und mit der auf dem Vorgänger des N93 geschossenen spielfilmlangen Verbeugung vor Pier Paolo Pasolini, "Nuovi Comizi D'Amore", hat das Handy bereits die Hürde des abendfüllenden Kinosessels genommen.

Neue Videos, neuer Distributionsweg

Doch auch die Multimedialität von Handys wird aus Filmsicht für die Kunst langsam interessant. So schickt die Künstlergruppe M+M in Kooperation mit Vodafone mit dem "Song für C" einen interaktiv-episodenhaften Beitrag (mit Barbara Rudnik als Darstellerin) ins Rennen der diesjährigen Ars Electronica, der vor ein paar Tagen im Rahmen des Filmfests München Premiere feierte. Nicht auf der Leinwand, sondern auf DVB-H-fähigen Handys.

So werden nicht nur Träume des interaktiven Fernsehens auf dem Handy weitergeträumt und die zukünftigen Regisseure um ein weiteres Tool reicher, sie werden auch gleich in den Entwicklungsprozess neuer Handy-Applikationen eingebunden. Eine solch skurrile Reinterpretation des Mäzenatentums dürfte der ansonsten von technologischer Hochrüstung geprägten, Hollywood-lastigen Kinowelt glücklicherweise kaum schaden.

Sascha Koesch / Robert Stadler, de-bug.de



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