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Handys über den Wolken Freier Flug für Bombenleger

In Europa ist die Handy-Nutzung im Flieger ab September erlaubt - jedenfalls mit dem System einer Airbus-Tochter. Das wird von den US-Behörden aber nicht akzeptiert. Aus Terrorangst: Bomben könnten ja per Handy gezündet werden.

Die unendliche Geschichte um Handy-Nutzung im Flugzeug geht in die nächste Runde: Im Juni hat die europäische Flugaufsichtsbehörde ( European Aviation Safety Agency , EASA) grünes Licht für die Nutzung des sogenannten OnAir-Systems gegeben. Damit ist im europäischen Luftraum oberhalb von 3.000 Metern die Mobiltelefonnutzung erlaubt, Telefonieren inklusive. Die Regelung tritt ab September inkraft.

OnAir , ein Gemeinschaftsunternehmen von Airbus und dem IT-Spezialisten SITA, kündigte allerdings schon vorsorglich an, dass der Handy-Gebrauch jederzeit vom Kabinenpersonal auf den Datenverkehr beschränkt werden könne. Inzwischen hat sich wohl die Erkenntnis durchgesetzt, dass viele Passagiere Quasselstrippen über den Wolken als Belästigung empfinden.

Auch wird der Telefonspaß im Flieger kein billiges Vergnügen: Laut Aussagen eines OnAir-Sprechers gegenüber der Zeitung "International Herald Tribune" werden Telefonate mit rund 1,9 Euro pro Minute zu Buche schlagen, der SMS-Versand mit rund 40 Cent.

Begründete Terror-Angst?

Neben dem hohen Preis und dem Wunsch der Flugpassagiere nach Ruhe steht der Mobilfunknutzung im Flugzeug noch ein weiteres Totschlagargument entgegen: die Angst vor Terror-Anschlägen. Bomben könnten schließlich per Handy gezündet werden. Ausgerechnet im Handy-besessenen Großbritannien hat die Zeitung "Telegraph" unter dieser Flagge eine Kampagne gegen Handys im Flieger gestartet.

Neben zahlreichen Leser-Briefen mit eindeutig ablehnendem Tenor kann der "Telegraph" sich über Unterstützung aus der Politik freuen. "Bei den Anschlägen 2004 auf Züge in Madrid wurden die Bomben per Handy gezündet", erklärte der konservative Parlamentarier Lee Scott - und schiebt hinterher: "Wie will man Sicherheit in 10.000 Metern Höhe garantieren, wenn alle ihre Telefone eingeschaltet haben?"

Das gleiche Argument formulierten SPIEGEL-ONLINE-Leserschon vor geraumer Zeit in einem Forum: "Alle fürchten sich, nicht mal mehr eine Dose Bier darf ich an Bord mitnehmen, aber Sprengstoff mit Handy zünden ist ab heute kein Problem mehr?", lautet etwa der Beitrag des Nutzers Lopez21 vom November 2006.

Kompetenz-Wirrwarr

Wem Totschlagargument "Terror-Gefahr" noch nicht ausreicht, um die Anbieter hoch fliegender Handy-Services zu verunsichern, dem dürfte zumindest das Kompetezngerangel der Luftsicherheitsbehörden Kopfschmerzen bereiten - ein Beispiel par excellence für die Konkurrenzsituation der amerikanischen und europäischen Flugzeugproduzenten.

Das System der Airbus-Tochter OnAir setzt auf Satelliten-Übertragung der gesammelten Handy-Signale aus dem Flieger. Genau das lehnt die amerikanische Regulierungsbehörde FCC (Federal Communications Commission) strikt ab, sie setzt statt dessen auf den Funkverkehr über Bodenstationen. In der global orientierten Luftfahrtsbranche dürfte die Trennung der Systeme noch für einige Reibereien - und im Zweifelsfall für eine abwartende Haltung der Fluggesellschaften - sorgen.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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