Hightech-Handys Undankbare, ahnungslose Nutzer

Auf dem Mobilfunkmarkt herrschen zwei Geschwindigkeiten. Die Industrie kann gar nicht schnell genug neue Modelle und Services aus der Taufe heben, beeindruckende technische Leistungen und Visionen. Die sturen Kunden derweil wollen vor allem eines: telefonieren, nicht mehr.


Der größte US-Mobilnetzbetreiber Cingular hat gerade angekündigt, dass Kunden mit besonders alten Mobiltelefonen künftig einen Grundgebühraufschlag von fünf Dollar entrichten müssen.

Unter Beobachtung: Die Marktforschung sucht Wege, Mobil-Nutzer dazu zu bewegen, nicht nur zu telefonieren
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Unter Beobachtung: Die Marktforschung sucht Wege, Mobil-Nutzer dazu zu bewegen, nicht nur zu telefonieren

So absurd dies zunächst klingt, ist die Maßnahme halbwegs nachvollziehbar, da Cingular seine Netze endlich komplett vom ehemaligen US-Standard CDMAone (basierend auf dem Standard TIA/EIA IS-95) auf das in Europa übliche GSM umstellen will - allerdings illustriert das Beispiel auch ein allgemeingültiges Phänomen der modernen Mobiltelefonwelt: In den Augen der Industrie nehmen die Nutzer neue Services und Technologien viel zu langsam an, während gleichzeitig für viele Anwender ihre eigenen Handys undurchschaubare Hightech-Boxen darstellen.

Genügsame Konsumenten

So dürfte es auch niemand wirklich erstaunen, dass eine britische Studie unlängst zu dem Ergebnis kam, dass ein Viertel aller Reklamationen wegen vermeintlich defekter Handys darauf zurückzuführen ist, dass die Nutzer die Funktionsweise ihrer Telefone schlicht nicht verstehen. Aus Perspektive der Hersteller und Netzbetreiber dürfte noch schwerer wiegen, dass laut einer aktuellen US-Studie rund die Hälfte (49 Prozent) aller Handy-Besitzer nur wissen, von welcher Marke ihr Gerät ist, aber schon bei der Frage nach dem Modell überfordert sind.

Die Erklärung für das Phänomen lautet zunächst ganz banal, dass die meisten Nutzer mit ihren Handys weiterhin "nur" telefonieren und SMS versenden wollen: In den USA nutzen beispielsweise nur sechs Prozent regelmäßig Musik-Downloads - so das Ergebnis einer weiteren, aktuellen US-Studie.

Keine Ahnung, kein Markt

Die Ahnungslosigkeit der Konsumenten, was die Funktionen ihres Handys betrifft, ist für die Netzbetreiber und Serviceanbieter besonders darum ein Problem, weil sie neue Datenservices verkaufen wollen, deren Nutzung aber nur mit bestimmten Handy-Modellen und -Verträgen möglich ist.

Womit der Ball an die Hersteller zurückgeht, die Geräte mit einheitlichen, klar definierten Standards liefern müssten, um den Kunden die Orientierung zu erleichtern.

Einen einfachen Ausweg aus diesem Kreislauf aus rasanter Entwicklung bei den Geräten, Unverständnis bei den Kunden und Absatzschwierigkeiten bei neuen Services dürfte es so schnell nicht geben: Statt dessen müssen sich wohl alle damit abfinden, dass die unterschiedlichen Tempi eine reguläre Begleiterscheinung in der Etablierungsphase neuer Technologien sind. Das war schon immer so, nur dass das Tempo insgesamt angezogen hat und noch nie so viele Studien das Geschehen durchleuchtet haben wie heute.

Sascha Koesch / Robert Stadler, de-bug.de

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