Industrie spielt auf Zeit Das große Netzteil-Poker

Die Ankündigung der Handy-Industrie, bis 2012 Micro-USB als Standard für die Stromversorgung von Handys einzuführen, ist mit Skepsis zu betrachten. In der Vergangenheit hat die Branche vor allem auf Zeit gespielt, um einträgliche Geschäfte zu schützen.


Vor einigen Tagen gab die Handy-Industrie bekannt, dass man sich auf die Herstellung eines einheitlichen Ladegeräts für alle Mobiltelefone geeinigt habe. Ab 2012 sollen Mobiltelefone über den Mini-USB-Stecker mit Strom versorgt werden, erklärte die GSM Association (GSMA), in der fast alle großen Unternehmen der Mobilfunkbranche vertreten sind.

Für die Konsumenten klingt das zunächst nach einer frohen Botschaft: Das Formatchaos bei den Ladegeräten ist nämlich lästig und auch kostspielig - im Verlustfall muss man ja das Spezialladegerät fürs eigene Handy zu fragwürdigen Preisen nachkaufen.

Darüber hinaus sollen die Hersteller mit dem Einheitsadapter aber auch Kosten sparen. Und zuletzt soll auch die Umwelt profitieren, weil deutlich weniger Elektroschrott anfallen könnte, wenn Handys auch ohne Netzteil verkauft werden.

Entsprechend euphorisch fielen die Kommentare von Branchenvertretern aus. So sprach Robert Chvátal, T-Mobile-Chef in Österreich, von einer "Win-win-win-Situation". Problem gelöst, alle Beteiligten profitieren, und damit ist das Thema beendet? Leider nein, denn wenn die Handy-Industrie in der Netzteilfrage in gewohnter Weise agiert, muss man die GSMA-Ankündigung leider ganz anders interpretieren. Die pessimistische Sicht heißt dann: Je lauter die Industrie Besserung gelobt, um so weniger hat sie vor, tatsächlich wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen.

Der Präzedenzfall

Was sich zunächst absurd anhört, lässt sich am Beispiel der Roaming-Tarife anschaulich erklären. Die Tarife für mobile Auslandsgespräche waren der EU schon in den neunziger Jahren ein Dorn im Auge. Aber die Mobilfunker versprachen Besserung und konnten die EU-Kommission so 1998 für eine Regelung ohne Zwangsmaßnahmen gewinnen. Drei Jahre später schlug Wettbewerbskommissar Mario Monti dann Alarm: Beim Roaming finde so gut wie kein Wettbewerb statt. Nun werde sich die EU-Kommission einschalten.

Tatsächlich gelang es der Telekom-Industrie noch sechs weitere Jahre, die erbosten EU-Politiker zu beschwichtigen - und in dieser Zeit mit Roaming-Gebühren phantastische Gewinnmargen zu realisieren. Erst 2007 wurden dann tatsächlich Gebühren-Obergrenzen für Handy-Telefonate innerhalb der Europäischen Union beschlossen. Die Strategie der Telkos bestand in diesem Fall also vor allem darin, guten Willen vorzutäuschen und so Zeit zu gewinnen.

Neues Spiel

Die Parallelen zwischen Roaming und Ladegeräte-Standard liegen auf der Hand. In beiden Fällen geht es um ein extrem lukratives und gleichzeitig sicheres Geschäft. Auslandstelefonate wurden auch vor der Gebührenbegrenzung durch die EU geführt, sei es im Urlaub oder auf Dienstreisen. Und auf den Kauf eines neuen Netzteils verzichtet auch niemand, nur weil die Preise unverhältnismäßig hoch sind. In beiden Fällen geht es also um Produkte, die von Konsumenten im bestimmten Umfang als unverzichtbar betrachtet werden.

Und es gibt weitere Parallelen. So forderte EU-Industriekommissar Günter Verheugen nur wenige Tage vor der GSMA-Ankündigung einen Standard für Steckernetzteile. Genau wie Mario Monti 2001 drohte Verheugen der Industrie mit Zwangsmaßnahmen, wenn sie nicht selbst für einen Standard sorge. Vor diesem Hintergrund muss man das Versprechen auf eine Lösung des Problems bis 2012 wohl als Beschwichtigungsmaßnahme verstehen, mit der das Einschreiten der Politik hinausgezögert werden soll.

Dafür spricht übrigens auch, dass es schon seit 2007 den Plan gibt, Mini-USB zum Standard für die Handy-Stromversorgung zu machen. Damals verkündete das Industrie-Forums OMTP (Open Mobile Terminal Platform), dessen wichtigste Mitglieder sich auch in der GSMA wiederfinden, die Handy-Verkabelung radikal zu vereinfachen. Und genau dieser, seit eineinhalb Jahren bestehende Plan wurde jetzt von der GSMA noch einmal als großer Durchbruch verkündet.

Dazu kommt, dass der GSMA-Zeitplan alles andere als verbindlich ist und sich die Industrie auch noch ein Schlupfloch offenhält: Bis 2012 soll nämlich nur "die Mehrzahl aller neuen Mobiltelefone" via Micro-USB an die Steckdose kommen. Was bleibt, ist zu hoffen, dass die EU die Handy-Hersteller verbindlich verpflichtet, ihr eher vages Versprechen auch einzuhalten. Dass autoritäre Politik im Fall von Handy-Ladegeräten zum Erfolg führt, hat China schon demonstriert. Dort wurden die Hersteller bereits 2006 auf den Standard verpflichtet, seit Juni 2007 dürfen nur noch Geräte mit Micro-USB als Einheitsanschluss verkauft werden.

Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler



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