Internet-Telefonie Microsoft schwimmt gegen den Strom

Den weltgrößten Software-Konzern drängt es ins Handy-Business. Dabei setzt Microsoft voll auf Internet-Telefonie-Systeme, die gleichermaßen am Rechner und mobil funktionieren. Als Endgerät soll ein Microsoft-Headset dienen.


Microsofts Tendenz im Markt für Mobiltelefone Fuß fassen zu wollen, wird immer offensichtlicher: Am Wochenende kündigte ein Konzern-Stratege gegenüber dem britischen "Telegraph" eine Reihe von VoIP-Telefonen an, die Microsoft sogar selbst produzieren will. Unter anderem sollen ein Video-Konferenz-System und ein Headset für Internet-Telefonie geplant sein. Bei allen Systemen soll eigens entwickelte Software zum Einsatz kommen.

VoIP-Headset (von Logitech): Microsoft will in die Internet-Telefonie einsteigen ohne Telefone zu bauen. Ein Headset wird reichen müssen

VoIP-Headset (von Logitech): Microsoft will in die Internet-Telefonie einsteigen ohne Telefone zu bauen. Ein Headset wird reichen müssen

Gurdeep Singh Pall, Vice-President für Microsofts "Unified Communications Strategy", erklärte weiter, dass die VoIP-Hardware seines Konzerns den gängigen Interessen der Branche zuwiderlaufen würde. Das sei auch der Grund, weshalb Microsoft keinen Produzenten für die Geräte finden konnte und die Produktion jetzt selbst übernehmen müsse.

Mobiles VoIP

Das erste Produkt, von dem Gurdeep Singh Pall berichtet, ist ein Headset, das entweder über einen Rechner oder via Handy mit dem Internet verbunden wird. Selbst bei der Zusammenarbeit mit PCs soll das System relativ mobil sein, da die VoIP-Software auf einem USB-Stick vorinstalliert ist. So kann das System durch einfaches Einstecken an jedem Windows-PC genutzt werden. Wie Microsoft den automatischen Wechsel vom WLAN ins Handy-Netz abwickeln will, ist allerdings noch unklar.

Das Video-Konferenzsystem namens "Roundtable" ist unterdessen für Geschäftskunden ausgelegt. Seine vier Kameras sollen komplette Räume erfassen, um eine natürliche Konferenzatmosphäre zu schaffen. Roundtable soll dem Bericht zufolge für rund 2.250 Euro auf den Markt kommen. Dabei soll der Funktionsumfang dem bestehender Systeme entsprechen, die aktuell fünfstellige Summen kosten. Eine Handy-Version des mobilen Medien-Spielers "Zune", über die zuletzt spekuliert wurde, kommt in dem Ausblick auf Microsofts Telefonie-Pläne übrigens nicht vor.

Telefonie im "weißen Raum"

Besonderes Gewicht erhalten Microsofts VoIP-Visionen durch einen in den USA schwelenden Streit um die Frequenzen im sogenannten "White Space". Diese Bezeichnung steht für nicht genutzte Bereiche im Spektrum zwischen 54MHz und 862MHz. Bislang wurden diese Frequenzen nicht zur Nutzung freigegeben, weil benachbarte TV-Frequenzen gestört werden könnten.

Ein Konsortium, dem neben Microsoft auch Google, Dell, Hewlett-Packard, Intel und Phillips angehören, drängt derzeit aber auf eine Genehmigung, den "White Space" für den mobilen Internet-Zugang zu erschließen. Microsoft hat einem Bericht des "Register" zufolge der zuständigen US-Behörde bereits den Prototypen eines mobilen Endgeräts übergeben. Dieses soll in den umstrittenen Frequenzbereichen operieren, ohne die benachbarten TV-Bänder zu beeinträchtigen. Gegen die Pläne des Konsortiums opponieren neben Fernsehsendern auch Telekommunikationsfirmen, die unliebsame VoIP-Konkurrenz für ihre Handy-Netze fürchten.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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