iPhone-Rivale Blackberry patzt beim Touchscreen-Handy

Touchscreen statt Tastatur: Das klappt beim iPhone ganz großartig und soll jetzt den Blackberry voranbringen. Sogar eine ganz neue Technik haben die Macher von Research in Motion dafür ersonnen. Geholfen hat's wenig, kritisiert Matthias Kremp - das neue Modell Storm ist für ihn eine Enttäuschung.


Wenn man es einem Unternehmen zugetraut hätte, eine Antwort auf Apples iPhone zu erfinden, dann Research in Motion. Seit Jahren dominieren die Kanadier mit ihren Blackberrys den Markt für E-Mail-Mobiltelefone. Begeisterte Fans des Blackberry-Prinzips kaufen treu jedes neue Modell, mal weil es eine verbesserte Tastatur hat, mal weil es mehr Multimedia kann. Und jetzt das.

Ausgerechnet beim Blackberry Storm, jenem Multimedia-Modell, auf das nicht nur die Anhänger des Unternehmens seit Monaten warten, leistet sich das innovative Unternehmen einen kapitalen Patzer. Beim Touchscreen nämlich, jenem Merkmal, das den Storm von allen anderen Blackberrys abhebt, haben die Entwickler so ziemlich alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen konnte.

Dabei hatten sie eine gute Idee. Sie wollten dem berührungsempfindlichen Bildschirm ein wenig von der Haptik einer echten Tastatur wiedergeben. Das Problem liegt auf der Hand: Bei normalen Touchscreens bekommt man keine fühlbare Rückmeldung darüber, ob man beispielsweise einen der virtuellen Buchstaben auf dem Bildschirm gedrückt hat oder nicht. Eine Kontrolle ist nur optisch möglich, blind zu tippen schlicht nicht machbar.

Der Bildschirm gibt nach

Blackberrys aber leben von ihrer Tastatur - zumindest bisher. Bei einem Gerät, mit dem man unterwegs nicht nur eine paar SMS, sondern haufenweise E-Mails empfangen und vor allem versenden soll, muss das Tastenfeld perfekt funktionieren. RIM hat dazu einige gute Ideen gehabt, wie etwa das doppelt belegte SureType-Tastenfeld. Manch Nutzer mag ohne Blackberry-Tastenfeld kaum noch Texte tippen. Der Versuch, diese Technik auf einen Touchscreen zu übertragen, war das Ziel des Storm - und wurde leider verfehlt.

Die fühlbare Rückmeldung für jeden Tastendruck erzeugt der Storm, indem er nachgibt. Das komplette Display ist beweglich aufgehängt, gibt um vielleicht einen Millimeter nach unten nach, wenn man darauf drückt. So wird es quasi zu einer riesigen Maustaste. So weit so gut. Die Art, wie man damit umgehen soll, ist allerdings ausgesprochen umständlich.

Erst sanft auswählen, dann kräftig drücken

Um beispielsweise einen Menüpunkt auszuwählen, muss man diesen zuerst sanft mit dem Finger ansteuern. Das ist eine Art Vorwarnung an das System: "Achtung, diese Taste drücke ich gleich." Der Blackberry hilft dabei zu erkennen, ob man richtig liegt, indem er den jeweils aktiven Menüpunkt oder Buchstaben blau aufleuchten lässt. Um den Menüpunkt zu aktivieren, muss man jetzt aber noch mit dem Finger das Display herunterdrücken. Erst damit wird die Aktion ausgelöst.

Das ist ungefähr so sinnvoll, als würde man genötigt, beim Tippen an der Computertastatur jeden gedrückten Buchstaben mit einem Mausklick zu bestätigen: "Ja, ich wollte diese Taste wirklich drücken."

Ist das noch ein Blackberry?

Das Tippen von Texten wird auf diese Weise zu einem nervenzehrenden, langatmigen Prozess. Da hilft es nichts, dass man die Wahl zwischen drei unterschiedlichen Tastaturvarianten hat: einer Handytastatur, einer typischen Blackberry-Tastatur und einer PC-Tastatur. Alle natürlich nur virtuell, als Bild auf dem Display eingeblendet.

Das Resultat: Von der Idee, mit dem Storm längere E-Mails zu verfassen, nimmt man schnell wieder Abstand. Eine langjähriger Blackberry-User gestand mir nach eingehenden Storm-Spielereien, dass er doch lieber bei seinem jetzigen Modell bleiben wird. Ein echter Blackberry sei der Storm nicht mehr.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

Und ein iPhone ist er gerade wegen seines Bildschirms noch viel weniger. Zwar scrollt es sich damit zügig, aber doch etwas ruckelig. Zudem bewegt sich nur etwas, solange man auch den Finger bewegt. Das organische Weiterscrollen und langsame Abbremsen des Apple-Handys fehlt völlig.

Ebenso vermisst man ein W-Lan-Modul für das schnelle Surfen zu Hause oder an Hotspots. Das haben mittlerweile fast alle Blackberrys. Warum es ausgerechnet dem Storm nicht eingebaut wurde, bleibt rätselhaft.

Elf Programme im Download-Center

Auch der eingebaute Browser kann kaum Punkte sammeln. Der Aufruf der Web-Seite von SPIEGEL ONLINE etwa ging regelmäßig schief. Rund eine Minute dauert es bei bester Netzanbindung, bis die Seite angezeigt wurde, doppelt so lange wie beim iPhone 3G. Zudem erzeugte der Browser etliche Darstellungsfehler, die auch bei anderen Seiten auftraten.

Beim ersten Aufruf werden Web-Seiten zudem viel zu klein angezeigt. Immerhin: Zweimal mit dem Finger darauf getippt und der Text wird vergrößert. Aber bitte sanft tippen und nicht den Bildschirm drücken, denn dann passiert nichts. Logisch ist das nicht.

Unlogisch ist auch das Application Center, ein Web-Bereich, aus dem man sich Zusatzprogramme auf den Storm laden kann. Mit Apples App Store sollte man das nicht verwechseln. Ein echter Online-Shop für Blackberry-Software soll erst im kommenden März kommen. Entsprechend dünn ist das Angebot bisher. Insgesamt elf Applikationen sind dort zu finden. Darunter ICQ, eine Flickr-Software und Google Maps. Diese paar Progrämmchen hätte man durchaus auch vorinstallieren können, statt dem Kunden das Herunterladen abzuverlangen.

Surfen wie vor zehn Jahren

Bevor man zum Download des gewünschten Programms vorgelassen wird, muss man zuerst die kompletten Nutzungsbedingungen durchscrollen. Das sind jedes Mal 18 Seiten nerviger AGB-Texte. Hoffentlich wird das im Application Store anders. Sonst wird der sich kaum übermäßiger Beliebtheit erfreuen.

Ohnehin sollte man Downloads nur durchführen, wenn man sich in einem gut mit UMTS oder HSDPA abgedeckten Bereich befindet. Außerhalb dieser Zonen schaltete zumindest unser Testgerät innerhalb des Hamburger Testgebiets stets in den lahmen GPRS-Modus zurück. Das ist Surfen wie vor zehn Jahren. Eine EDGE-Verbindung, die auch ohne UMTS flotte Datenübertragungen ermöglichen würde, wollte zumindest im Hamburger Vodafone-Netz nicht zustande kommen. Mit einer zum Test eingesetzten T-Mobile-Karte hingegen funktionierte EDGE sofort.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
h4nn32 27.11.2008
1. Außerordentlich einseitig!
...mehr möchte ich an dieser Stelle auch nicht sagen. Ich habe selten einen der Art einseitigen Bericht gesehen.
Arnulf 27.11.2008
2. Ei wie?
Wer - außer Herrn Kremp und der Apple-PR-Abteilung - behauptet eigentlich, dass die Touchscreen-Tastatur des Iphones "großartig" funktioniert? Ich finde sie ganz schrecklich, vertipp-anfällig, für E-Mails unheimlich anstrengend und würde auch sonst nie auf ein Handy (egal ob Blackberry, Nokia oder Samsung) mit echter QWERTZ-Tastatur verzichten.
lassehoffe, 27.11.2008
3. war doch klar
Apple zu kopieren, haben schon viele versucht. Und die Versuche unterscheiden sich in ihrer Armseligkeit kaum. Den Blackberry hat das IPhone schon überholt, als es rauskam. Aber wie einfallslos ist auch diese Antwort von Blackberry, zu glauben, man könne dadurch die steigende Abwanderung zu Apple stoppen, indem man einfach bei Apple kopiert? Nun gut, Microsoft hat das auch so gemacht. Aber deren Erfolg hat ja auch andere Gründe. Alles sehr peinlich. Und Glückwunsch an Apple an das bald erfolgreichste Handy aller Zeiten - jetzt also auch im Business-Bereich.
zappamagma 27.11.2008
4. Welchen Salat?
Sie scheinen da etwas missverstanden zu haben, in dem Artikel ging es nicht darum wie schlecht das iPhone ist, sondern darum, dass das „Storm” dem iPhone in Punkto Touchscreen nicht das Wasser reichen kann.
PanSolo 27.11.2008
5. Aus Sicht Palm
Ich komme aus der Palm-Welt, viele Modelle, zuletzt Treo650, 680 etc. Kenne Nokia, iPhone und BB. Für mich das beste handy der Welt war der palm treo. Leider brache aber Palm keine innovation mehr hervor. Und ich brauchte ein neues Handy. Seit 4 Tagen habe ich den BB Storm. Endlich noch ein TS-Handy mehr am Markt, denn ohne TS geht es eingfach nicht wenn man mehr als Telefonieren macht. Teilweise hat der Bericht bestimmt recht, auch wenn vielleicht etwas zu einseitig. Denn dann müßte man Herstellern wie "Ich-verschlafe-alles-"Nokia, Siemens, Motorola, Panasonic die herstellung eines Handys und die Belästigung der Kunden verbieten. Ich merke aber auch eine hohe Lernkurve da der Umgang mit TS auch von einem TS zum anderen TS-Handy nicht einfach ist. Und selbst ich, der doch recht große Finger hat kann mit einer angenehmen Geschwindigkeit (für einen 46er) SMS und mail tippen. Ansonsten ist die Synchronisieren einfach und sehr gut. Für ein MS mobile Gerät bin ich doch mehr als stark überrascht. In Punkto Anwendungsgeschwindigkeit war der Palm Treo aufgrund der Kombination Tastatur und TS unschlagbar. Gruß
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