Kulturpessimismus Handys ruinieren Filmplots und Konzerte

Handys sind schon für viele Übel verantwortlich gemacht worden. Natürlich vor allem als moralische Gefahr für die Jugend. Laut den neuesten Vorwürfen ruinieren Handys aber auch die Spannung in Filmen und lenken Fans vom Konzertgeschehen ab.


Die Einführung neuer Technologien geht regelmäßig mit Klagen über deren schädliche Wirkung auf traditionelle Sitten und Werte einher. Kein Wunder also, dass die explosionsartige Verbreitung von Handys Kulturpessimisten zu andauernden Lamenti anspornt - schließlich machen sich Mobiltelefone wirklich flächendeckend im Alltag bemerkbar.

Die kanadische Sängerin Feist: "Schmetterling an die Pinwand nageln"
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Die kanadische Sängerin Feist: "Schmetterling an die Pinwand nageln"

Nach gängigen Klischees lauert der Untergang des Abendlandes vor allem auf den Handys jugendlicher Nutzer. Das Mobiltelefon in Kinderhänden ist demnach Schuldenfalle, Multiplikator jugendgefährdender Inhalte und nicht zuletzt sprachverhunzendes Bildungshemmnis. Aber mit etwas altmodischer Phantasie kann man Handys natürlich noch für viel mehr verantwortlich machen, zum Beispiel für misslungene Konzerte oder den Niedergang der Drehbuchkultur.

SMS statt Spannung

Warum spielen so viel aktuelle Kinoproduktionen in der Vergangenheit? Joe Queenan, Kolumnist der britischen Zeitung "Guardian", formulierte unlängst diese Frage. Natürlich, um sie prompt selbst zu beantworten: Weil es früher keine Handys gab, mit denen sich die Protagonisten in Thrillern und Krimis gegenseitig über den Stand der dramatischen Dinge informieren konnten. Nach Queenans Ansicht kann im Kino kaum Spannung aufkommen, wenn alle immer alles wissen.

Als Beispiele für seine These führte der Kritiker aktuelle Filme wie "No Country for Old Men", der in den späten Siebzigern spielt, und "American Gangster", dessen Handlung noch früher einsetzt, an. Hier seien die Protagonisten eben noch auf Technologien angewiesen, die keinerlei Informationsvorsprung bieten. Und damit meint Queenan Schusswaffen, Messer oder Baseballschläger. Mit dem Rückgriff auf diese "Technologien" würden Regisseure daran erinnern, wie man digital unvernetzt, nur aus eigener Kraft überlebt. Spätestens hier fragt man sich natürlich, ob es erstrebenswert ist, Konflikte mit dem Revolver zu lösen statt durch Kommunikation? Um eine Antwort drückt sich der Guardian-Kolumnist leider, indem er sich selbst als "technophob" bezeichnet.

Dokumentieren statt Feiern

Ernstzunehmender klingen dagegen die Klagen von Musikern, die von der Zeitung " Dallas News" gesammelt wurden: Konzertbesucher seien viel zu sehr mit ihren Handys beschäftigt, um sich vom Geschehen auf der Bühnen mitreißen lassen zu können, so der Tenor. "Die Leute scheinen gar nicht richtig anwesend zu sein," erklärt etwa der Jazz-Gitarrist Bill Frisell. "Als Künstler ist es frustrierend, wenn man statt Gesichtern ein Meer von Handys erblickt", sekundiert Carrie Brownstein von der Band Sleater Kinney.

Laut Brownstein wird es problematisch, wenn "die Leute mit der Dokumentation des Moments so beschäftigt sind, dass sie den Augenblick nicht mehr genießen können". Die kanadische Sängerin Feist vergleicht das fragliche Verhalten der Fans sogar mit dem Versuch, "einen Schmetterling an die Pinwand zu nageln".

Wie man Optimist bleibt, ohne die Handy-Invasion im Konzertsaal unkritisch gutzuheißen, zeigt dagegen ausgerechnet der Branchenveteran T Bone Burnett: Der 60jährige Songwriter, Sänger und Produzent glaubt daran, dass die aktuelle Handy-Besessenheit eine vergängliche Mode ist: "Früher oder später werden die Fans einfach merken, dass sie sich seelenlos verhalten."

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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