Mobiles Surfen Deutsche surfen für 2,5 Milliarden Euro im Mobil-Web

Mobiltelefone werden immer intensiver als mobile Surfplattformen genutzt. Schnelle Netze und komfortable Multimedia-Handys verleiten zu ausgiebigen Surftouren. Mindestens genauso populär ist aber eine Handy-Funktion, die auch in lahmen Netzen bestens funktioniert.


Goldene Zeiten für Mobilfunkanbieter: Bis zum Jahresende werden in Deutschland 16 Millionen Handys per UMTS ans Internet angebunden sein. So prognostiziert es der Branchenverband Bitkom. Damit würden Ende 2008 mehr als doppelt so viele Handynutzer über die schnellen mobilen Datennetze online gehen können als noch im Jahr zuvor. Um insgesamt 60 Prozent, so der Bitkom, habe die Zahl der UMTS-Anschlüsse in diesem Jahr zugenommen.

Für die Mobilfunkanbieter dürfte diese Meldung für ein Aufatmen sorgen. Schließlich hatten die Provider im Jahr 2000 rund 50 Milliarden Euro für die UMTS-Lizenzen an den Staat bezahlt. Der Aufbau der entsprechenden Netze hat weitere Milliarden verschlungen. Das Interesse der Nutzer hingegen blieb bislang weit hinter den Erwartungen zurück.

Nun aber scheint die lang vermisste Killerapplikation offenbar doch gefunden zu sein - das Web. Denn nichts anderes als das ganz normale World Wide Web ist es, was die Anwender jetzt offenbar vermehrt mit ihren Handys nutzen.

Das allerdings auch erst, seit Mobiltelefone nicht mehr nur auf die Portalseiten der jeweiligen Netzbetreiber zugreifen können oder abgespeckte "Mobil"-Versionen bekannter Websites ansteuern. Viel mehr lassen sich mit Geräten wie dem iPhone 3G, dem HTC Touch HD, Sony Ericssons Xperia X1 oder den neuen Blackberry Storm ganz normale Web-Seiten wunderbar mobil abrufen. Neben der hohen Datenübertragungsgeschwindigkeit von UMTS sind dafür vor allem die großen und hochauflösenden Bildschirme sowie die schnellen Prozessoren aktueller Geräte verantwortlich, die auch komplexe Web-Seiten zügig berechnen können.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

Für die Anbieter bedeutet die steigende Popularität von UMTS allerdings auch, dass sie fette Gewinne abschöpfen können. Auf 5,1 Milliarden Euro taxiert der Bitkom den Umsatz mit mobilen Datendiensten in 2008. Gegenüber dem Vorjahr würde das einer Steigerung um 7,1 Prozent entsprechen. Allerdings gilt es zu beachten, dass diese Einnahmen nicht komplett durch Websurfen und E-Mail-Abfragen generiert werden.

Die Hälfte des Umsatzes stammt weiterhin aus den Gebühren für SMS-Kurznachrichten und, zu einem wahrscheinlich geringen Teil, Multimedianachrichten (MMS).

Wichtiger als der Blick ins große World Wide Web sind Handynutzern also immer noch die kurzen, mal wichtigen, mal nicht so wichtigen, aber fast immer persönlichen Textmitteilungen. Und die waren in den alten GSM-Netzen genauso schnell und komfortabel wie per UMTS.

mak



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