Mobilfunk in Gaza Bombenschäden, Propaganda-SMS, fliegende Störsender

In den palästinensischen Autonomiegebieten werden Fest- und Handy-Netz von der börsennotierten Paltel betrieben. Das Unternehmen erwirtschaftet 20 Prozent des palästinensischen BIPs und muss sich gleichermaßen mit Israel und Hamas arrangieren.


Es scheint zu den Eigenheiten moderner, asymmetrischer Kriege zu gehören, dass mitten im Chaos die privatwirtschaftliche Telekommunikation boomt. Damit sind die Telkos in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak natürlich eine Ausnahmeerscheinung, weil die Ökonomien der Länder in weiten Teilen brachliegen. Aber die Nachfrage nach Telefonanschlüssen, Internet und vor allem Handys scheint in Krisengebieten unerschöpflich, wie es sonst nur bei den Dienstleistungen der privaten Sicherheitsunternehmen der Fall ist.

Kein Business as usual: Telekommunikationsfirmen gehören oft zu den wirtschaftlichen Gewinnern gewalttätiger Konflikte
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Kein Business as usual: Telekommunikationsfirmen gehören oft zu den wirtschaftlichen Gewinnern gewalttätiger Konflikte

Woher die Nachfrage nach Kommunikationsmitteln rührt, lässt sich gerade im Gazastreifen anschaulich nachvollziehen: Je gefährlicher die Lage wird, umso kleiner fällt der Aktionsradius der Bevölkerung aus. Handys stellen daher oft die einzige ungefährliche Art und Weise dar, um Kontakte außerhalb der eigenen vier Wände oder des Wohnviertels aufrecht zu erhalten. Und bei zwingend erforderlichen Wegen ist das Mobilfunknetz für die sorgfältige Routenplanung unersetzlich, um wenigstens den größten Risiken auszuweichen.

Palästinensische Telekom

In den palästinensischen Autonomiegebieten hat der Paltel-Konzern de facto ein Monopol als Festnetz-, Internet- und Mobilfunkanbieter. Das Unternehmen besteht aus einer Festnetzsparte mit 400.000 Kunden, dem Mobilfunker Jawwal mit 1,1 Millionen Kunden, dem Internet Provider Hadara sowie einigen IT- und Content-Firmen. Die palästinensischen Netze haben inzwischen zwar eine eigene Vorwahl (+970), aber das Festnetz ist technisch und organisatorisch noch weitgehend ein Teil der israelischen Infrastruktur.

Ebenfalls ungewöhnlich: Durch die überschaubaren Dimensionen der palästinensischen Gebiete und deren Anordnung hat der nominelle Gebietsmonopolist Jawwal fast überall Konkurrenz. So bieten die vier israelischen Mobilfunker auch in weiten Teilen des Gazastreifens einen guten Empfang. Insgesamt nutzen nach Informationen der Zeitung "Haaretz" etwa 700.000 Palästinenser die israelischen Handy-Netze.

Aber auch jenseits dieser geografischen Besonderheiten ist Paltel alles andere als ein normales Unternehmen: Die Gesprächsgebühren werden in israelischen Schekel angegeben, die Unternehmensgewinne in jordanischen Dinar, und Investitionen in Dollar. Zudem ist Paltel eine Aktiengesellschaft, deren Papiere zu 100 Prozent an den Börsen in Nablus (Westjordanland) und Dubai gehandelt werden. Die Aktien sollen sich dabei nach Unternehmensangaben weitgehend im Streubesitz befinden. Aber auch wenn dies zutrifft, ist klar, dass Paltel unter Kontrolle der im Westjordanland regierenden Fatah steht. Im Alltag muss sich das Unternehmen allerdings auch mit den israelischen Interessen und im Gazastreifen obendrein mit der Hamas arrangieren.

Die strikte Importkontrolle Israels schränkt Paltel zudem beim Ausbau einer eigenständigen Infrastruktur stark ein. "Wir müssen beispielsweise hinnehmen, dass Israel den Import ganzer Vermittlungsstellen einfach nicht genehmigt. Wir haben die entsprechende Technik daher in London installiert," erklärte Paltel-CEO Abdel Malik Jaber unlängst der "Haaretz". Durch die Umleitung der betroffenen Gespräche entstehen natürlich Mehrkosten, die am Ende die Jawwal-Kunden tragen müssen. Aber nachdem Paltel zwangsweise Erfahrungen in der exterritorialen, ferngesteuerten Gesprächsvermittlung sammeln konnte, wird dies jetzt als Dienstleistung von einer eigens gegründeten Tochter vermarktet.

Börsenschwergewicht

In der Wirtschaft der Autonomiegebiete ist Paltel das wahrscheinlich wichtigste Unternehmen, das ein knappes Fünftel des Sozialproduktes erwirtschaftet. Paltel-Aktien machen sogar 50 Prozent des Börsenwertes in Nablus aus. Die palästinensische Telekom beschäftigt etwas mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Gründung 4.000 Mitarbeiter, weitere 10.000 sollen über Subunternehmer beschäftigt sein.

Im Gazastreifen bemühen sich die Paltel-Techniker seit Beginn der jüngsten israelischen Militäraktionen darum, den Betrieb trotz aller Widrigkeiten aufrecht zu erhalten. Allerdings wurde inzwischen ein wichtiger Knotenpunkt inklusive Handy-Mast durch israelisches Bombardement schwer beschädigt, wie Paltel derzeit auf seiner Website erklärt. Einer (für Paltel) ungewohnt deutlichen Schuldzuweisung in Richtung Israel folgt dabei eine durch und durch zivile Wendung: "Unsere Mitarbeiter tun alles, damit wir die betroffenen Services bald wieder anbieten können."

Das Nebeneinander von zivilen und kriegerischen Aussagen charakterisiert unterdessen recht treffend die verwirrenden Zustände im palästinensischen Netz: Israels Armee versandte nach einem Bericht des britischen "Guardian" massenhaft SMS, um Zivilisten vor Bombardements in ihrer Nachbarschaft zu warnen. Ein Sprecher des palästinensischen Volkswiderstandskomitees bezeichnete diese SMS gegenüber der Zeitung allerdings als feindselige Desinformations-Propaganda, die viele Menschen ohne Not aus ihren Häusern getrieben habe. Die Antwort der Hamas auf dem SMS-Kriegsschauplatz besteht in Kurznachrichten an israelische Handy-Nutzer, in denen mit Vergeltungsschlägen in Form von fortgesetztem Raketenbeschuss gedroht wird.

Jenseits von psychologischer Kriegsführung und Propaganda haben die Mobilfunknetze im Gazastreifen aber auch ganz handfeste militärische Funktionen, die vor allem Israels Armee zu schaffen machen. Per Mobiltelefon gezündete Sprengfallen stellen im asymmetrischen Krieg nämlich eine der größten Gefahren für reguläre Armeen dar. Die im Militärjargon IEDs (Improvised Explosive Devices) genannten Sprengsätze können sogar schwer gepanzerten Fahrzeugen zum Verhängnis werden. Gegen die tückischen Bomben setzen die Israelis zunächst Störsender auf Spezialfahrzeugen ein. Aber die sogenannten Jammer können inzwischen auch von unbemannten Drohnen aus operieren.

Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler



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