Neue Geschäftsmodelle Mobil-Vernetzer hoffen auf Ideen aus Afrika

Die Entwicklung mobiler Web-Geschäftsmodelle in Industrieländern lahmt. Deshalb will eine Industrieinitiative mit der Library of Congress neue Ideen in Schwellenländern entwickeln und erproben.


Seit gut einem Jahr gibt es Internetadressen mit der Endung ".mobi". Sie sollen Sites für mobile Geräte kennzeichnen und speziell fürs mobile Surfen gestaltet sein. Die Nachfrage nach solchen .mobi-Domains ist allerdings noch arg verhalten. Die eingängige und potentiell gewinnträchtige Adresse "bank.mobi" wurde unlängst für weniger als 40.000 Euro versteigert - ein Bruchteil dessen, was für die entsprechende Adresse mit der Endung ".com" fällig geworden wäre. Zum Vergleich: für "poker.de" wurden im Juli 695.000 Euro gezahlt.

Handy-Händler: In Sudans Hauptstadt Khartum sichern Mobiltelefone die Telekom-Grundversorgung
REUTERS

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Für die Organisation "Mobile Top Level Domain" (mTLD), die die .mobi-Domains verwaltet, besteht also Handlungsbedarf. Vor allem weil zu den mTLD-Eignern Industriegrößen wie Nokia, T-Mobile, Google, Microsoft und Vodafone gehören, die derzeit besondere Hoffnungen mit der mobilen Internet-Nutzung verbinden.

Weil mobile Datendienste immer noch Neuland darstellen, hat die mTLD kurz nach ihrer Gründung ein beratendes Gremium ins Leben gerufen, die ".mobi Advisory Group" (MAG). Diese soll zusammen mit interessierten Firmen und Organisationen über die konkrete Ausformung des mobilen Netzes diskutieren und ihre Erkenntnisse der mTLD zu Verfügung stellen.

Die MAG wiederum hat jetzt eine interessante Initiative gestartet, die dem Begriff "Entwicklungsland" eine ganz neue Bedeutung geben könnte: Eine "Task Force" der MAG soll neue Techniken und Geschäftsmodelle entwickeln, die auf die besondere Situation in den Schwellen- und Entwicklungsländern zugeschnitten sind.

Als Parade-Partner der mobilen Netzoffensive wurde zudem symbolträchtig die Library of Congress gewonnen. Kevin Novak, bei der Library of Congress für Web-Dienste verantwortlich, führt die Task Force sogar an, und formulierte bei der Vorstellung der Initiative auch die hochgesteckten Ziele: "Nachdem bereits 111 Millionen Nutzer online auf unsere Inhalte zugreifen, wollen wir sicherstellen, dass auch alle mobilen Internet-Nutzer rund um den Globus Zugang erhalten."

Hoffnung Schwellenländer

Nun ist es ohne Frage ein ehrenwertes Ziel, das gesammelte Wissen einer der größten Bibliotheken der Welt möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Aber hinter der Initiative dürfte noch eine weitere Hoffnung stehen: Dass sich dem mobilen Netz gerade in Schwellenländern die größten Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Denn hier herrscht eine weitaus größere Dynamik beim Aufbau von Mobilfunknetzen.

Vor allem ist für die rasch wachende Zahl neuer Handy-Nutzer in China, Indien oder Afrika das Mobiltelefon keine Ergänzung zum Internet. Vielmehr stellt hier die mobile Kommunikation wegen mangelhaft ausgebauter Festnetzinfrastruktur meistens die erste Vernetzung überhaupt dar.

Wie diese Nachfrage die Entwicklung beschleunigen kann, zeigt etwa das Beispiel des "One-Network", mit dem bereits Nutzer aus sechs afrikanischen Staaten zu Inlandskonditionen verbunden sind. In Europa, wo die Handy-Netze nur ein Kommunikationskanal unter vielen sind, wird unterdessen schon eine Senkung der Auslandsgebühren als Erfolg betrachtet. Ein anderes Beispiel ist die rasante Entwicklung des Mobile-Banking auf den Philippinen, wo mangels Alternativen die Nutzung des Handys als Zahlungsmittel bereits fest etabliert ist.

Vor diesem Hintergrund könnten die Technik- und Geschäftsmodelle der .mobi Advisory Group in Schwellenländern sehr viel schneller in die Praxis umgesetzt werden, als dies in den Industrieländern der Fall wäre. Und wenn diese neuen Anwendungen danach auch in Europa oder den USA übernommen werden, wären die arme Ländern plötzlich "Entwicklungsländer", in denen die technische Zukunft formuliert wird.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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