P2P in der Wüste Mobiltelefonie ohne Handymasten

Ein schwedisches Start-up will in der afrikanischen Pampa beweisen, dass auch Handy-Netze nach dem Peer-to-Peer-Prinzip aufgebaut werden können: Entwicklungshilfe und Feldforschung mit Risikokapital aus der Handy-Industrie.

Die Vereinten Nationen haben unlängst angekündigt, eine halbe Million "der ärmsten der Armen" in Afrika mit Mobilfunkempfang versorgen zu wollen. Die Aktion im Rahmen des Projekts "Millennium Villages"  soll allerdings nur den kommerziellen Betrieb anschieben - womit die UN deutlich macht, dass die Kommunikationsteilhabe per Handy ein zentraler und effektiver Hebel für die Hilfe zur Selbsthilfe ist.

Die Starthilfe der UN beim Bau einer Handy-Infrastruktur ist allerdings nur in Gegenden mit brachliegenden ökonomischen Potentialen sinnvoll. In besonders dünn besiedelten Gebieten müssten Mobilfunknetze dagegen dauerhaft subventioniert werden - und das widerspricht der aktuell tonangebenden These von der Überlegenheit profitorientierter Entwicklungshilfe. Die Kräfte des Marktes sollen in dieser Logik auch bei den Ärmsten für eine nachhaltige Entwicklung sorgen, die reine Spendenprojekte nicht erzeugen konnten.

Filesharing in der Wüste

Aber sogar eine Telefoninfrastruktur für kaum besiedelte Landstriche soll sich im Einklang mit den Ideen der neuen Entwicklungshilfewirtschaft realisieren lassen. Jedenfalls verspricht das die schwedische Firma TerraNet . Das Unternehmen baut bei seinen kühnen Plänen auf das "Peer to Peer"-Prinzip (P2P), das im Internet als "Piraten-Technik" verschrien ist.

Unter P2P versteht man die Verteilung von Daten in einem Netzwerk ohne Hierarchie, die Aufgaben des zentralen Servers werden von den Teilnehmern arbeitsteilig selbst erledigt. Neben dem Musik- und Filmtausch wird das P2P-Prinzip im Internet aber auch für strikt legale Zwecke erfolgreich eingesetzt, beispielsweise von Skype bei der Abwicklung von Telefonaten.

Und nach den TerraNet-Plänen soll sich mittels P2P das Mobiltelefonnetz in die letzten Winkel der Erde ausdehnen. Dazu hat TerraNet konventionelle Handys so modifiziert, dass sie im Umkreis von einem Kilometer direkt miteinander kommunizieren können. Größere Distanzen werden nun schlicht durch Ketten überwunden, für die jedes Handy bei Bedarf zur Relaisstation wird. Garantierte Verbindungen gibt es dabei zwar nicht, aber die schwedischen Tüftler erwarten, dass ihr Netz schnell eine Eigendynamik entwickelt.

Revolution oder Flopp?

Das P2P-Handy-Netz fernab der Zivilisation soll zunächst Gespräche zwischen zwei TerraNet-Nutzern ermöglichen - und zwar gratis. Wo es keinen Netzbetreiber gibt, kann nämlich auch niemand Rechnungen schreiben, lautet das Kalkül. Ob die Technik wirklich funktioniert oder nicht, sollen jetzt zwei Feldversuche in Tansania und Ecuador zeigen. Probleme scheinen vor allem bei der Frequenz-Zuteilung und der Energieversorgung programmiert.

TerraNet-Gründer Anders Carlius sieht die größte Hürde allerdings an einer ganz anderen Stelle, nämlich bei den regulären Mobilnetzbetreibern. Denn wenn das P2P-Telefonieren in der Pampa klappen sollte, könnte es sich natürlich auch zur Konkurrenz der konventionellen Netze mausern.

"Die großen Mobilfunker und die Hardware-Hersteller arbeiten gegen uns", erklärte Carlius gerade gegenüber der BBC. Was nicht ganz stimmt, denn wenigstens ein Unternehmen unterstützt das Konzept ganz massiv: Die TerraNet-Gründung hat der Mobilfunkausrüster Ericsson mit drei Millionen Euro Risikokapital finanziert.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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