Programme fürs iPhone Apple träumt von riesiger Handysoftware-Welt

Neue Push-Dienste und Verkaufsmodelle, Bluetooth-Netze und mehr als tausend Schnittstellen: Apple will sein iPhone endgültig zum Mini-Computer machen. Der Konzern eröffnet Programmierern jetzt lukrative Möglichkeiten für bessere Handy-Software - um ohne großen Aufwand die Konkurrenz abzuhängen.

Die Zahlen, die Apple-Softwarechef Scott Forstall am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Cupertino bekannt gab, sprechen für sich. Das Software Developer Kit (SDK), mit dem Nutzer eigene Anwendungen für das iPhone schreiben können, wurde seit seinem Launch vor gut einem Jahr rund 800.000 Mal heruntergeladen. Aktiv programmieren laut Forstall gut 50.000 Nutzer Software für Apples Smartphone. Insgesamt existieren bereits mehr als 25.000 Programme.

Dass das Geschäft mit der iPhone-Software boomt, liegt vor allem daran, dass es sich erheblich lohnen kann, für Apples Smartphone Programme zu schreiben. Denn die Programme werden über einen zentralen Download-Shop verkauft, den App Store. 30 Prozent Provision kassiert Apple pro heruntergeladener Anwendung - den Rest bekommt der Programmierer, der außerdem den Kaufpreis seiner Software selbst festlegen kann.

Mit diesem Modell befeuert Apple einen gewaltigen Kreativ-Markt, der dem Unternehmen nicht nur zusätzlich Geld in die Kassen spült, sondern auch das iPhone durch neue, kreative Anwendungen immer schlauer macht - und damit gegenüber der Konkurrenz Alleinstellungsmerkmale sichert, ohne dass Apple irgendetwas zu tun braucht. Das App-Store-Modell ist so erfolgreich, dass es in letzter Zeit von einer Reihe Apple-Konkurrenten kopiert wurde.

Doch es scheint, als sei Apple den Rivalen auf diesem Feld einen Schritt voraus. Während die Präsentation der neuen Apple-Betriebssystems wenig Überraschendes zutage förderte, wurde das SDK beachtlich weiterentwickelt.

Um mehr als tausend neue Programmierschnittstellen (API) ist der Baukasten gewachsen - mehr Funktionen des Handys werden also für andere Programme nutzbar gemacht. Das bietet Programmierern ein Universum an neuen Möglichkeiten beim Entwickeln schlauer Programme. Forstall nannte am Dienstag vor allem folgende Verbesserungen von besonderer Tragweite:

  • Mehrere iPhones lassen sich nun per Bluetooth zu einem Netzwerk zusammenschließen. Das ist vor allem für Computerspiele interessant, aber auch zum schnellen Datenaustausch.
  • Die Steuerung von Hardware über das iPhone wurde erheblich verbessert. Es ist jetzt beispielsweise möglich, den Equalizer eines Lautsprechers über das iPhone zu steuern oder medizinische Geräte mit intelligenter Software zu koppeln.
  • Apple implementiert endlich den "Push Notification"-Dienst, mit dem Benachrichtigungssignale auf das iPhone gesendet werden können. Das ist beispielsweise für Messenger-Services interessant. Ursprünglich hatte Apple diese Funktion bereits im September 2008 veröffentlichen wollen.

Um das Programmieren attraktiver zu machen, erweitert Apple außerdem seinen App Store. Die Anzahl der Länder, in denen Software darüber heruntergeladen werden kann, soll von 62 auf 77 erhöht werden. Für die Entwickler bedeutet das mehr Reichweite - und mehr potentielle Käufer.

Apple ergänzt das Geschäftsmodell des App Stores um drei wesentliche Aspekte - und kommt damit den Forderungen vieler Entwickler entgegen, die sich bei der Vermarktung ihrer Software mehr Flexibilität wünschen:

  • Apple unterstützt nach eigenen Angaben künftig kumulative Verkaufsmodelle: Ein Spieleentwickler kann beispielsweise nur die ersten zehn Levels seines Games verkaufen - und die nächsten zehn erst gegen Zahlung einer weiteren Gebühr freischalten.
  • Abonnements sollen künftig unterstützt werden. Verkäufer von E-Magazinen bekommen demnach die Möglichkeit, ihre Produkte mehrere Monate im Voraus zu verkaufen.
  • Micropayment: Der Verkauf kleiner Items innerhalb kostenpflichtiger Software soll ebenfalls ermöglicht werden. Nutzer können dadurch nun zum Beispiel auch auf dem iPhone in virtuellen Spielewelten Kleidungsstücke für einen Avatar kaufen. Wie das ablaufen kann präsentierte am Dienstag die Firma Electronic Arts - mit einer iPhone-Version ihres Erfolgsspiels "Die Sims".

Apple forciert mit all diesen neuen Funktionen die Strategie, Konkurrenten mit einer wahren Flut von intelligenten Anwendungen für das iPhone zu toppen. Welche neuen Möglichkeiten die Verbesserungen des SDK und des App Stores eröffnen, konnte man am Dienstag in Cupertino bereits erahnen: Sieben Software-Programmierer durften das neue SDK in den vergangenen zwei Wochen testen - und zeigten auf der Presseveranstaltung, was man innerhalb kurzer Zeit aus dem Developer Kit herausholen kann.

SPIEGEL ONLINE präsentiert die drei besten Programm-Ideen.

Medizin - Das iPhone als Helfer für Diabetiker

Die Firma Lifescan  hat mit dem neuen SDK eine Software entwickelt, die Diabetikern helfen soll, ihre Krankheit mit dem iPhone besser zu managen: Bei jeder Messung des Blutzuckerspiegels werden die Daten automatisch per Bluetooth auf das iPhone übertragen - und dort von einer intelligenten Software ausgewertet, die mehrere Optionen bietet.

Findet die Messung beispielsweise vor dem Essen statt, kann der Diabetiker angeben, was er zu sich nehmen wird. Die Software errechnet dann, wie viel Insulin gespritzt werden muss.

Die Software archiviert zudem alle Messergebnisse - und stellt diese tabellarisch und grafisch dar. Extreme Ausschläge im Blutzuckerspiegel, die langfristig Augen und Nieren schädigen können, werden in der Grafik rot markiert. Der Diabetiker kann nun genauere Angaben zu den Ausschlägen abrufen. Er kann analysieren, wie die Unregelmäßigkeiten zustande kamen - und sie so künftig besser vermeiden.

Laut Anita Mathew, die die Software am Dienstag in Cupertino präsentierte, kann man die eigenen Ergebnisse zudem über das iPhone in eine Community einspeisen und sich mit anderen Diabetikern austauschen.

Musik - Duette auf der Blatt-Tromboe

Dr. Ge Wang, CEO der Firma Smule , ist unter anderem Musikprofessor an der Stanford-Universität und am Center for Computer Research in Music and Acoustics. Mit Leaf Trombone hat er eine iPhone-Anwendung programmiert, mittels der man virtuell auf einem Grashalm herumblasen kann.

Man kann dazu verschiedene Karaoke-Hintergrundstücke abspielen - und via Bluetooth mit anderen iPhone-Musikanten Jam-Sessions abhalten.

Spiele - Mehr-Personen-Ego-Shooter mit Push-Funktion

Bluetooth, Push-Service und In-Game-Verkäufe: Die Spieleentwickler von ngmoco:)  präsentierten auf der Apple-Konferenz einen iPhone-Ego-Shooter, der all diese neuen Möglichkeiten verwendet.

Das Spiel trägt den Titel "Live Fire". Spieler können Freunde in ihrer Bluetooth-Umgebung per Push-Alarm zu einer gemeinsamen Baller-Session einladen. Im Spiel selbst können über die neue Micropayment-Erweiterung des App Stores neue Waffen und Ausrüstungsgegenstände gekauft werden - wie gehabt kassieren die Spieleentwickler 70 Prozent des Erlöses, Apple den Rest.

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