Psychologische Kriegsführung SMS gegen die Taliban

Handys sind überall im Einsatz - auch in Kriegsgebieten, und dort auch als Propagandainstrumente. Britische Einheiten in Afghanistan versuchen jetzt nach Medienberichten sogar, die Moral der Taliban mit SMS-Botschaften zu untergraben.


Einheiten für psychologische Kriegsführung in Armeen rund um den Globus setzen derzeit auf die Wirkung von Textnachrichten, die in 160 Zeichen die eigene Propaganda direkt auf die Handy-Displays ihrer Gegner bringen. Dahinter steckt offensichtlich die Hoffnung, dass "Personalisierung" nicht nur ein angesagtes Marketing-Stichwort ist, sondern Handys auch noch in der extremen Situation einer kriegerischen Auseinandersetzung den Nimbus der individuellen Kommunikation besitzen.

Taliban-Kämfer: SMS von der britischen Armee
REUTERS

Taliban-Kämfer: SMS von der britischen Armee

Die "persönlichen" SMS-Nachrichten sind in dieser Logik natürlich dem klassischen Medium der psychologischen Kriegsführung, den Flugblättern, deutlich überlegen, die Militärs folgen damit einem allgemeinen Werbe-Trend, der verspricht, Streuverluste zu minimieren.

Die "15 (UK) Psychological Operations Group" der britischen Armee setzt nach Presseberichten jetzt sogar in Afghanistan auf Propaganda-SMS, um die Moral der Glaubenskrieger zu untergraben und die Koordination der Taliban-Einheiten per Mobiltelefon zu stören.

Dazu werden zunächst die Handy-Nummern der Taliban ausfindig gemacht, anschließend der Situation angepasste SMS versendet: Vom einfachen "Wir wissen, wer du bist, gib auf!" bis hin zu gezielten Fehlinfomationen, die vermeintlich von Handys anderer Taliban stammen. Entgegen des gängigen Klischees sind die Taliban übrigens durchaus in weiten Teilen des Landes per Handy zu erreichen: Die zwei Mobilfunknetze decken derzeit etwa 70 Prozent des Landes ab.

Taliban werden "geblitzt"

Nach Aussagen der britischen Armee haben sich die "SMS-Attacken" bislang auch bewährt, in der Provinz Helmand sollen die Zahl der Angriffe seit dem Beginn der Propaganda-Offensive am Handy spürbar zurückgegangen sein. Das britische Boulevard-Blatt "The Sun" verklärt die angeblichen Erfolge der Handy-Propaganda bereits zu "einer verheerenden neuen Waffe" und titelt "Blitzed by text message" - wobei sich "blitzed" vom deutschen Wort "Blitzkrieg" ableitet.

SMS als Propaganda-Medium im Krieg machten diesen Sommer im Zuge des Libanon-Konfliktes zum ersten Mal Schlagzeilen. Israel setzte dabei auch automatisierte Anrufe mit Tonbandansagen ein. Kurze Zeit später berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass auch die russische Armee auf SMS setzt, um Separatisten in der Republik Inguschetien "einen fairen Prozess" anzubieten, wenn sie freiwillig ihre Waffen niederlegen sollten.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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