Retrodesign Telefonknochen sind wieder hip

Miniaturisierung kann ganz schön nerven - das wissen nicht nur ältere Handybesitzer. Schön dass es auch bei dem so auf technische Neuerungen versessenen Sektor der Mobilfunkindustrie Nischen gibt, in denen Retro als Fortschritt gilt.


Die Geschichte des Telefons ist auch eine Geschichte des Designs. Viel zu oft vergisst man aber gerade bei Mobiltelefonen, dass Design nicht nur den Zeitgeist reflektiert, sondern auch eine spezielle Art und Weise mit den Dingen umzugehen: Größe kann Behäbigkeit ausdrücken, Schwere mit Bedeutung aufgeladen sein und manchmal ist die Vergangenheit eben einfach auch zu schön um schon jetzt zu verschwinden.

Im Jahr 2000 entstand die Idee für die Retro-Handy-Marke "Hulger", die zunächst - zum Missfallen des finnischen Weltmarktführers - "Pokia" hieß.

Drei Jahre später waren erste, funktionierende Hulger-Prototypen endlich fertiggestellt, und die ersten Headsets für Handys, die aussahen wie vorsintflutliche Telefonhörer aus der Zeit, als die bevorzugte Telefonfarbe noch lackschwarz-glänzend war, wurden auf Ebay für viel Geld versteigert. Klar, denn zunächst produzierte Hulger Einzelstücke aus Original-Telefonhörern des stetig wachsenden Fortschrittsmüllbergs - Retro beginnt oft mit einer Recycling-Idee.

Kabelspiele für Bluetooth-Geräte

Mittlerweile hat Hulger nicht zur zahllose Nachahmer gefunden, sondern die Produktpalette um einige grandiose Beispiele quer durch die Jahrzehnte des Telefonhörerdesigns erweitert. Zu den schick verzwirbelten Kabeln, die man sich bei längeren Handygesprächen so nett um den Finger wickeln kann, gibt es längst auch drahtlose Bluetooth-Alternativen und ein ganzes Sortiment an Zusatzkabeln, mit denen man sein Hulger beispielsweise in ein VoIP-Headset verwandeln kann.

Da aber keine Retrobewegung vor ihrer eigenen Dynamik sicher ist, gibt es seit kurzem sogar die ersten Wiederbelebungsversuche heutzutage steinzeitlich anmutender Mobiltelefone, die trotz ihres Aussehens funktionieren wie handelsübliche Handys.

Retro kommt näher

11-Fingers, eine Firma mit offensichtlich guten Kontakten nach China, präsentierte kürzlich ein "Retro Brick Phone", das einen an die Zeiten erinnert, als jeder Handy-Besitzer unweigerlich ein Yuppie war und das Gerät mit der liebevollen Bezeichnung "Knochen" durchaus adäquate beschrieben wurde - auch wenn es ungefähr die Größe eines Chihuahuas hatte.

Das "Retro Brick Phone" kommt mit farbigem LED-Display, T9 und Li-Ion-Batterien, also kaum Features, die heute Beachtung finden würden, aber schließlich ist der Griff zu einem Retro-Mobile ja von einer gewissen spartanischen Haltung motiviert.

Retro für Handys ist also gerade mal 20 Jahre hinter der Echtzeit zurück. Ob es weitere Design-Etappen in der Entwicklung des Handys gab, die das Gütesiegel Retro verdienen, werden die nächsten Jahre zeigen. Vor einer Wiederbelebung der zur Zeit typischen Bluetooth-Stummel-Headsets in Lila graut uns aber jetzt schon. Aber wer weiß, die Zeit heilt manchmal selbst die ärgsten Designwunden.

Sascha Koesch / Robert Stadler, de-bug.de



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