Side-Loading USB-Kabel statt Downloads

Musik-Downloads aufs Handy sind das nächste große Geschäft - hofft die Mobilfunkbranche. Schneller und vor allem billiger bekommt man Musik allerdings per USB-Kabel vom PC aufs Mobiltelefon. Davon wollen die Netzbetreiber lieber nichts wissen.


Wenn bald alle Handys mit MP3-Playern ausgestattet sind und wenn alle Nutzer endlich UMTS-Verträge haben, sollte der Markt für mobile Musik-Downloads explodieren. So lautet jedenfalls die gängige Vorhersage in der Mobilfunkbranche. Nur schnell "auf 'Kaufen' geklickt, der Download der Songs dauerte keine zwei Minuten. Bezahlen werde ich mit meiner Telefonrechnung," schildert beispielsweise Tina Rodriguez, "Head of Music" bei Vodafone, ihre Vorstellung vom beiläufigen Musik-Konsum im Jahr 2010.

Walkman-Handy: Besser per USB-Kabel mit Musik beladen.

Walkman-Handy: Besser per USB-Kabel mit Musik beladen.

Dieses optimistische Zukunftsszenario basiert aber ganz offensichtlich auf einer Reihe von Missverständnissen. Zunächst haben die Handy-Hersteller damit begonnen, fast standardmäßig MP3-Player in ihre Modelle zu integrieren - während das Gros der Nutzer einfach nur Telefonieren will, und die gebotene Funktionsvielfalt aktueller Handys oft sogar als störend empfindet. Aber auf diesem wackeligen Fundament basiert das Szenario vom mobilen Download-Boom. Statt von den tatsächlich als MP3-Player genutzten Handys auszugehen, wird in den Hochrechnungen nämlich gerne die Zahl der abgesetzten Multifunktions-Telefone als Kundenbasis angenommen.

Side-Loading

Aber auch die Annahme, dass UMTS-Kunden automatisch zu Käufern mobiler Musik-Downloads werden, könnte ein Missverständnis sein. Jedenfalls gehen die renommierten Marktforscher von iSuppli in einer aktuellen Analyse davon aus, dass das Low-Tech-Phänomen "Side-Loading" der Mobilfunkbranche einen Strich durch die Rechnung machen wird.

Laut iSuppli-Analyst Frank Dickson wird Musik nämlich schlicht per USB-Kabel vom Rechner aufs Handy kommen. Im Mobilfunk-Jargon wird dieser Weg "Side-Loading" genannt, weil das Handy-Netz nach Ansicht der Branche den "Vordereingang" zum Telefon darstellt. Der "Nebeneingang" wird laut Dickson das Nutzerverhalten solange bestimmen, wie die Handy-Netzbetreiber auch am Datentransfer für mobile Downloads richtig verdienen wollen. Denn warum sollten die Nutzer überteuerte Datentarife bezahlen, wenn sie ihr Telefon schneller und kostenlos mittels des vertrauten USB-Kabels mit Musik bestücken können? Laut iSuppli werden schon 2010 so gut wie alle Handy-Modelle über einen USB-Anschluss verfügen.

Illusionslose Kundenbindung

Zur Illustration der These vom Side-Loading führt iSuppli den iPod als Beispiel an. Selbst auf dem MP3-Player des Marktpioniers Apple landen nur selten Stücke aus dem hauseigenen iTunes-Music-Store. Stattdessen wird der iPod zum Großteil mit Musik von der Computer-Festplatte betankt.

Den Mobilfunkanbietern rät iSuppli-Analyst Frank Dickson daher, sich möglichst schnell von der Illusion zu verabschieden, dass die reine Auslieferung von Musik über die UMTS-Netze zu einem relevanten Geschäft wird. Auf keinen Fall sollten die Mobilfunker ihre Kunden mittels technischer Hürden darin hindern, ihre Musiksammlung per USB-Kabel aufs Handy zu übertragen. Stattdessen sollen sie die Nutzer nach Ansicht des Analysten sogar beim Side-Loading unterstützen. Vorbildlich agiert demnach der US-Mobilfunker Alltel, der seinen Kunden seit einiger Zeit eine Gratis-Software namens "Jump Music" anbietet, die für den problemlosen Musiktransfer zwischen Computer und Handy sorgt.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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