Sommer der Smartphones Das erste Gigahertz-Handy

Toshibas TG01 hat das Zeug zum Gewinner: Es hat den größten Bildschirm, den schnellsten Prozessor, einen Touchscreen und Navigationssoftware integriert. SPIEGEL ONLINE hat getestet, ob das schlanke Smartphone den hohen Erwartungen gerecht werden kann.

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Die Reaktion bei Erstkontakt mit dem TG01 ist fast immer gleich: "Boah, ist das groß!" Und ja, tatsächlich: groß ist es und groß muss es sein. Denn Toshibas TG01 hat nicht nur einen Bildschirm, der weit über das übliche Maß hinausgeht, es wird auch von einem Prozessor angetrieben, der schon in kleinen Notebooks gesichtet wurde. Beste Zutaten für ein potentielles Multimedia-Highlight also.

Das will das Gerät beim ersten Betrachten dann auch gleich bestätigen. Sein Bildschirm ist mit 4,1 Zoll (10,4 Zentimeter) Diagonale nicht nur fast so groß wie ein komplettes iPhone, er stellt auch noch zweieinhalbmal mehr Bildpunkte dar als das Apple-Handy. Das verspricht mehr Details, mehr Schärfe, feinere Farben.

Mehr Speed liefert dagegen der Prozessor, ein QSD8250 von Qualcomm, besser bekannt als Snapdragon. Mit einer Taktfrequenz von 1 Gigahertz setzt er eine neue Handy-Höchstmarke. Zum Vergleich: Dem neuen iPhone 3G S werden maximal 600 Megahertz nachgesagt. Tatsächlich ist der Qualcomm-Chip im Toshiba-Telefon so fix, dass er sogar kleine Notebooks antreiben soll, die dann Smartbooks heißen sollen.

Die Kombination aus Riesenbildschirm und Turbo-Chip haben Toshibas Entwickler genutzt, um möglichst plakativ zu verschleiern, dass ihr neues Handy eigentlich mit Windows Mobile 6.1 ausgestattet ist. Davon ist auf den ersten Blick allerdings nichts zu sehen. Der Home-Screen grüßt mit drei Farbbalken, deren Tönung nach oben hin in einem sanften Verlauf ins Schwarz abgleitet. Jede Farbe steht dabei für eine Programmgruppe, enthält drei Symbole, welche - die hohe Auflösung lässt grüßen - mit winzigen Buchstaben beschriftet sind.

Diese Farbbalken lassen sich per Fingerzeig verschieben, klappen wie eine Jalousie zur Seite. Eigentlich passen nur drei auf den Bildschirm, durch den Schiebetrick aber stehen insgesamt acht solcher Balken bereit, die je nach Farbe eine bestimmte Programmgruppe aufnehmen und je drei Symbole zum schnellen Start von Software aufnehmen können.

Startet man allerdings eines dieser Programme, folgt die Ernüchterung: Nach nur einem Klick landet man in der Oberfläche von Windows Mobile, die auf einem Gerät wie diesem reichlich altbacken wirkt. Vor allem aber ist die verwendete Version 6.1 nur schlecht per Finger zu steuern. Besser soll das mit dem Nachfolger mit der Versionsnummer 6.5 gehen, aber der lässt auf sich warten.

Navi mit Haltbarkeitsdatum

Ausgesprochen mager ist das Toshiba-Handy mit Arbeitsspeicher ausgestattet. Nur 256 Megabyte Ram sind in dem Gerät verbaut. Das reicht selbst der angehübschten Betriebssystem-Optik nicht immer aus. Im Test überraschte das Gerät mehrfach mit der Fehlermeldung "Menüfunktionen wegen Speichermangel eingeschränkt. Schließen Sie einige Anwendungen." Immerhin: dem Testgerät lag eine microSD-Speicherkarte mit einem Gigabyte Speicherplatz bei.

Davon sind allerings gut 650 MB schon mit Daten der mitgelieferten Navigationssoftware CoPilot belegt. Die macht einen durchaus gut brauchbaren Eindruck, lässt sich prima per Fingersteuerung bedienen, hat aber ein großes Manko: Es wird nur eine Testversion mitgeliefert, die nach 14 Tagen den Dienst einstellt - oder gekauft werden muss.

Glänzendes Display

Die Multimedia-Ausstattung zeichnet sich dagegen vor allem durch die mitgelieferte Abspielsoftware CorePlayer aus, die so ziemlich alle derzeit aktuellen Audio- und Videoformate wiedergeben kann. Damit lässt sich prima ausprobieren, wie gut der Bildschirm des TG01 tatsächlich ist. Das Ergebnis: Eigentlich ist er klasse, würde er nicht so arg spiegeln.

Filme anzuschauen macht damit nur in dunkler Umgebung richtig Spaß. Nicht weil er nicht hell genug wäre, sondern weil man sonst mehr von sich selbst sieht als vom Film, vor allem bei dunklen Passagen. Hat man aber eine Umgebung und einen Blickwinkel gefunden, bei dem man einen blendfreien Blick auf den Bildschirm bekommt, wird man mit feinen Details und einer Auflösung belohnt, die jegliche Pixel verschwinden lässt.

Einheitsschnittstelle USB

Doch ausgerechnet die Grafik bereitete im Test auch wiederkehrende Probleme. Beim Surfen im Web, egal ob mit dem vorinstallierten Internet Explorer Mobile oder einem Opera-Mobile-Browser, zeigten sich regelmäßig an den Bildschirmrändern wirre Pixelmuster (siehe Bilderstrecke). Zu einem Absturz haben diese Pixelfehler zwar nicht geführt, ließen sich aber nur durch Beenden und Neustarten des Browsers beseitigen.

Was sich durch einen Neustart nicht beseitigen lässt, ist die Armut an Schnittstellen. Kontakt zur Außenwelt stellt das TG01 am liebsten drahtlos her, per Mobilfunk, W-Lan oder Bluetooth. Physikalischer Kontakt ist nur per USB möglich. Über diese eine Schnittstelle müssen Daten mit dem PC abgeglichen, der Akku geladen und Kopfhörer angeschlossen werden. Standard-Headsets passen da natürlich nicht.

Toshiba TG01

Betriebssystem Windows Mobile 6.1 Professional
Integrierter Speicher 256 MB
Erweiterungssteckplatz microSD (1 GB mitgeliefert)
Bildschirmauflösung 800 x 480 Pixel
Bildschirmdiagonale 4,1 Zoll
Digitalkamera 3,2 Megapixel
PC-Anschluss USB
Gewicht 129 Gramm
Maße 129 x 70 x 9,9 Millimeter
Drahtlose Verbindungen GPRS, EDGE, UMTS, HSDPA, HSUPA, W-Lan, Bluetooth
Standby-Zeit 11,5 Tage
Sprechzeit bis zu 5 Stunden
Besonderheiten Touchscreen, GPS
Preis 500 Euro (O2 My Handy-Finanzierung)

Alle Werte sind Herstellerangaben

Aber das gehört vielleicht zu den Abstrichen, die Toshibas Entwickler machen mussten, um die Elektronik des TG01 trotz des großen Displays in ein derart flaches Gehäuse pressen zu können. Nur 9,9 Millimeter ist es dick, entschädigt auf diese Weise ein wenig dafür, dass es von seinen sonstigen Abmessungen weit größer ist als jedes andere Touchscreen-Handy auf dem Markt. Aus einer Hemdtasche lugt es stets ein paar Zentimeter hervor. Immerhin kann man auf diese Weise unbemerkt Aufnahmen mit der integrierten 3,2-Megapixel-Kamera machen.

Und genau das ist die Stärke des flachen Muskelprotzes. Als mobiler Multimedia-Player, mit dem man zudem noch telefonieren kann, macht das TG01 eine ausgesprochen gute Figur. Der Bildschirm stellt alle bisher in Handys verbauten Displays lässig in den Schatten (solange man ihn im Schatten betrachtet), der schnelle Prozessor wirft selbst AVCHD- und DivX-Filme flimmerfrei auf die glänzende Mattscheibe. Wer sich gerne mit einem Gadget schmückt, das anders ist als die anderen, kann da kaum etwas falsch machen. Die Sensation, die man vom ersten Gigahertz-Handy erwartet hat, ist Toshiba aber nicht gelungen.

Aber das kann ja noch kommen. Die Modelle TG02 und TG03 sind Web-Gerüchten zufolge bereits in Planung.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

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