Sony-Ericsson-Handy Xperia X1 Mit Touchscreen und Tastatur

Das Xperia X1 ist ein potentieller iPhone-Killer, da waren sich die Experten einig, als im Januar erstmals ein Prototyp gezeigt wurde. Jetzt kommt das Gerät endlich in den Handel. Ob es die hohen Erwartungen tatsächlich erfüllen kann?

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Ob in Schwarz oder Silber: Das Xperia X1 ist schon schick - und dick. 17 Millimeter stark ist das schmucke Gerät und damit rund 50 Prozent fettleibiger als das iPhone, gegen das es sich in Stellung bringt. Klobig wirkt es trotzdem nicht, liegt gut in der Hand. Vor allem aber wirkt es hochwertig und robust.

Das Gehäuse ist weitgehend aus Aluminium hergestellt, so dass die wenigen Plastiktasten fast wie Fremdkörper wirken. Das robuste Äußere findet allerdings seinen Niederschlag im Gewicht des Geräts. Heftige 158 Gramm bringt das X1 auf die Waage, sollte deshalb lieber im Jackett statt in der Hemdtasche getragen werden.

Einigen Anteil am Gewicht hat der voluminöse Akku des X1. Dessen Kapazität ist mit 1500 Milliamperestunden (mAH) ausgesprochen großzügig gewählt. Zum Vergleich: Der Stromspeicher in Nokias Multimedia-Handy N95 bringt es auf gerademal 950 mAH. Das Resultat des großen Akkus sind ungewöhnlich hohe Werte für Standby- und Sprechzeiten.

Bis zu 26 Tage soll das Gerät laut Hersteller im Standby-Betrieb mit einer Akkufüllung durchhalten, alternativ bis zu zehn Stunden lange Dauergespräche ermöglichen. Wirklich nachvollziehbar sind diese Angaben nach knapp zwei Wochen Dauertest kaum. Bei zurückhaltender Nutzung reicht der Saft locker für mehrere Tage - wenn man daran denkt, das Gerät nach der Benutzung stets in den Schlummermodus zu schalten. Intensiv-Nutzer, die mit dem Xperia viel im Web surfen, regelmäßig Mails abfragen und auch das eine oder andere Gespräch führen, werden dagegen spätestens nach zwei Tagen eine Steckdose suchen müssen.

Klasse Bildschirm, fade Kamera

Hauptursache für den bei intensiver Nutzung rasant steigenden Energiebedarf dürfte der hochauflösende Bildschirm sein. Mit seiner Auflösung von 800 x 480 Bildpunkten zeigt er deutlich mehr Details an als Durchschnitts-Smartphones, lässt auch das iPhone schlapp aussehen und liefert gestochen scharfe Bilder. Das vor allem auch deshalb, weil der Bildschirm deutlich schmaler als der des iPhone ist, die einzelnen Pixel entsprechend kleiner sind. Gute Fotos sehen darauf besser aus als auf den meisten PC-Bildschirmen.

Diese Eigenschaft könnte man prima mit der integrierten 3,2 Megapixel-Digicam kombinieren, wenn die nur bessere Bilder machen würde. Tatsächlich aber ist sie nur wenig besser für Schnappschüsse geeignet als die 2-Megapixel-Kamera im iPhone. Die Farben wirken meist recht fade, vergrößert man damit geschossene Fotos am Rechner, tauchen bald Kompressionsartefakte auf. Eine gute Digitalkamera ersetzt man damit nicht.

Websurfen nach allen Regeln der Kunst

Wie beim iPhone kann der Bildschirm sowohl vertikal als auch horizontal genutzt werden. Das ist fein und erhöht vor allem beim Websurfen den Komfort. Die Umschaltung zwischen Hoch- und Queransicht erfolgt beim X1 allerdings nicht automatisch. Stattdessen wird das Display erst umgeschaltet wenn man die Tastatur herausschiebt. Das ist einerseits sinnvoll, weil die Tastatur natürlich nur im Querformat nutzbar ist. Andererseits ist sie zum Surfen nicht unbedingt notwendig.

Technisch betrachtet ist am Xperia X1 nichts auszusetzen. Daten werden per HSDPA oder W-Lan mit Hochgeschwindigkeit aus dem Internet gesogen. Wo es beides nicht gibt, wird EDGE-Technik genutzt, das funktioniert auch außerhalb der großen Städte. Der Speicher ist mit 280 Megabyte ausreichend groß für reichlich Adressen und Termine. Sogar ein paar Fotos kann man darin noch unterbringen.

Für Musik und Filme sollte man sich freilich noch eine Speicherkarte zulegen. Das X1 schluckt microSD-Karten, was ungewöhnlich ist. Normalerweise setzen Sony-Ercisson-Handys auf Sony Memory Sticks als Speichererweiterung. Nicht auszuschließen ist, dass sich hier der Zulieferer durchgesetzt hat, denn das X1 wird nicht von Sony Ericsson selbst, sondern vom taiwanesischen Hersteller HTC hergestellt.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

Bei der Dimm-Funktion der Display-Beleuchtung beispielsweise haben die HTC-Ingenieure ganze Arbeit geleistet. Egal, ob man das Handy gerade aktiviert oder es sich schrittweise in den Ruhezustand versetzt: Die Helligkeit wird nicht ruckartig, sondern sanft fließend verändert. Ein nettes Detail: Die Tastatur wird beim Tippen von hinten beleuchtet. So trifft man auch bei Dunkelheit die richtigen Buchstaben.

Zusätzlich sind die Tasten Diagonal in unterschiedliche Richtungen angeschrägt. Möglicherweise soll damit blindes Tippen ermöglicht werden. Mir zumindest war es allerdings nicht vergönnt, mit den Fingerkuppen zu erfühlen, in welche Richtung die Tasten angeschrägt sind. Für Unsensible ist das also hübsches Gimmick, mehr nicht.

Mehr als ein Gimmick sind, zumindest zur Zeit, auch die wechselbaren Panels nicht. Allerdings sind sie eines, das viel Spaß macht. Panels sind individualisierte Desktop-Oberflächen, die bestimmte Handy-Funktionen zusammenfassen. So gibt es beispielsweise ein Panel, über das man Musik, Videos und Fotos abrufen kann. Ein anderes hält einige Google-Funktionen, wie Googlemail, Googlemaps und Picasa abrufbereit.

Danke für den Fisch

Was sich mit der Panel-Funktion tatsächlich anstellen lässt, zeigt aber das Panel "3D-Fisch". Wählt man dieses aus, wird der Bildschirm von drei bis vier animierten Digitalfischen übernommen. Die wiederum zeigen durch ihre jeweilige Färbung beispielsweise an, wenn der Akkustrom zuneige geht oder ungelesene Nachrichten vorliegen. Ansonsten schwimmen sie dösig über den Bildschirm, dessen einzig herkömmliches Element eine Digitaluhr ist, die im Hintergrund angezeigt wird.

Leider gibt es kein anderes Panel, das die Telefonfunktionen auf ähnlich originelle Weise verbildlicht. Ohnehin ist die Auswahl derzeit noch arg begrenzt. Neben den sieben vorinstallierten Panels stehen bislang nur vier zusätzliche zum Herunterladen bereit. Insgesamt neun davon kann man in einer Übersicht verankern, die via Panel-Taste schnell erreichbar ist und so eine hurtiges Umschalten per Fingerdruck ermöglicht.

Ansonsten aber macht der Touchscreen seinem Namen nur selten Ehre. Während sich in den von Sony Ericsson für das X1 angepassten Bereichen recht gut per Finger navigieren lässt, sind viele der übrigen Ecken des Betriebssystems nur per Stift bedienbar. Unter der schicken Oberfläche nämlich werkelt Microsofts Windows Mobile 6.1. Dessen Bedienelemente aber sind auf dem hochauflösenden X1-Bildschirm so klein, dass man sich über den Bedienstift freut, der seitlich ins Gehäuse eingelassen und deshalb ständig verfügbar ist.

Hightech-Schick für Besserverdiener

Mit dem Xperia X1 ist Sony Ericsson ohne Frage ein überdurchschnittliches Handy gelungen. Allein die ergonomisch gebogene Tastatur und das stabile Metallgehäuse qualifizieren es für die Oberklasse. Technisch und optisch ist daran nichts auszusetzen. Die Möglichkeiten des Touchscreens aber hat Sony Ericsson nur halbherzig genutzt. Windows Mobile, so flexibel und leistungsfähig es auch sein mag, ist für Fingerspiele einfach nicht die optimale Wahl.

Als Startschuss für Sony Ericssons neue Edelserie Xperia aber macht das X1 Appetit auf mehr. Material, Verarbeitungsqualität und technische Ausstattung lassen kaum Wünsche offen. Mit einem Ladenpreis von fast 600 Euro, ohne Vertrag, verlangt es allerdings auch nach Käufern mit prall gefülltem Geldbeutel - und einer Vorliebe für Windows-Handys.



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