Spracherkennung Microsoft will Telefonnummern abschaffen

Microsoft hat den Spracherkennungs-Pionier Tellme übernommen. Das Unternehmen ist führender Anbieter für automatische Anrufabwicklungen. Mit der Tellme-Technologie will MS zukünftig Telefonnummern durch Sprachbefehle ersetzen.

Als letzte Woche das "Wall Street Journal" berichtete, dass Microsoft die Firma "Tellme Networks" übernimmt, wurde die Meldung kaum beachtet. Und auch, als der Software-Riese einige Tage später die Nachricht bestätigte, hielt sich das Medienecho in bescheidenen Grenzen. Dabei hat Microsoft mit dem übernommenen Unternehmen wahrhaft revolutionäre Pläne: Mit der Tellme-Technologie soll nämlich die Telefonnummer abgeschafft werden.

"Wir glauben, dass Telefonnummern ein Artefakt technischer Beschränktheit sind," erklärte Jeff Raikes, Chef der Business Division bei Microsoft, gegenüber "BetaNews". Der Konzern will demnach die Telefonnummer durch "Klicks" oder "Sprache" ersetzen. "Telefonieren hat sich in den letzten Dekaden kaum verändert," sekundierte Tellme-Gründer Mike McCue: "Um jemand zu erreichen, muss man heute immer noch eine Reihe von Nummern wählen. Wir wollen das ändern. Wir wollen, dass das Telefon nach dem Abheben des Hörers fragt: 'Was willst du tun? Wen willst du erreichen?' Und man antwortet beispielsweise: 'Mutter zuhause anrufen.' Oder 'Mike auf dem Handy anrufen.' Man kann auch 'Mike und Jeff anrufen' sagen, und erhält umgehend einen Conference-Call."

Automatische Anrufabwicklung

Tellme Networks wurde 1999 gegründet und ist auf Spracherkennung und automatisierte Anrufbearbeitungen spezialisiert. In den USA werden bereits täglich Millionen von Anrufen mit Hilfe von Tellme-Software abgewickelt. Dazu zählen sowohl die berühmt-berüchtigten automatischen Systeme, die den Anrufer per Stimme durch ein Menu führen, als auch weiter entwickelte Konzepte, mit denen man per Sprachbefehl etwa einfache Internet-Recherchen durchführen kann.

Zuletzt hat Tellme vor allem neue Services für Handy-Nutzer entwickelt, beispielsweise die automatische Auskunft "1-800-555-TELL". Alle Dienste basieren auf Tellmes Spracherkennungs-Plattform, die laut Microsoft kontinuierlich verbessert wird, um immer "natürlichere" Anrufabwicklungen zu ermöglichen. Tellme gilt als Branchen-Pionier und -Marktführer, und wurde bis zur Übernahme durch Microsoft von privaten Anteilseignern kontrolliert. Über den Kaufpreis konnten alle Beteiligten daher Stillschweigen bewahren, das "Wall Street Journal" kolportierte allerdings eine Summe in der Größenordnung von 800 Millionen Dollar.

Ballmer ruft die Revolution aus

In der offiziellen Konzernmitteilung zur Übernahme erklärt Microsoft-Chef Steve Ballmer: "Tellme liefert die Technologie und die Erfahrung, um die Interaktion zwischen Mensch und Computer zu revolutionieren." Dies soll mit einer Reihe neuer Produkte geschehen, die dem Konzept der "Unified Commuication" folgen. Diese Strategie soll nach Plänen, die letzten Sommer vorgestellt wurden, Microsofts "Office"-Software auf intuitive Art und Weise mit der Mobil- und Festnetztelefonie, aber auch Instant-Messaging verbinden.

Nach Tellme-Chef McCue soll dies mittels der "Telefonnummer2.0" geschehen, womit er sprachgesteuerte Anrufe und Telefonservices meint. Und laut Jeff Raikes sollen in drei Jahren bereits 100 Millionen Microsoft-Anwender die neue Art, Verbindungen herzustellen, nutzen. Das ist vor allem angesichts der jüngsten Microsoft-Panne mit Spracherkennungs-Software eine ehrgeizige Zielvorgabe: Erst Anfang Februar musste der Konzern eingestehen, dass "Windows Vista" bei aktivierter Sprachsteuerung durch Sounddateien mit Sprachbefehlen angegriffen werden kann.

Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.