T-Mobile oder Vodafone iPhone sucht Traumpartner

Die Telekombranche diskutiert über den idealen Mobilfunk-Partner für Apples Handy. Das Urteil der Experten für Deutschland: T-Mobile hätte die attraktivere Netztechnik und eine Apple-kompatible Internet-Strategie. Vodafone dagegen glaubt noch immer an das geschlossene Netz à la AOL.

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Dem Namen nach müsste der Mobilfunkanbieter Vodafone Apples Traumpartner für die europäische Version des iPhones sein. Denn Vodafone steht, was kaum noch jemand weiß, für "Voice Data Fax over Net" - Sprache und vor allem Daten übers Netz. Das will auch Apple mit dem iPhone schaffen: Das mobile Internet, so selbstverständlich wie das Telefonieren.

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Doch Experten bezweifeln, dass Vodafone tatsächlich die Idealbesetzung fürs iPhone-Netz wäre. Wolfgang Boos, beim Telekom-Fachmagazin "Connect" verantwortlich für die Tests der Netzqualität, sagt SPIEGEL ONLINE: "Was die Übertragungsqualität fürs mobile Breitband-Internet angeht, wäre in Deutschland T-Mobile die erste Wahl für Apple." Boos begründet das mit dem gut ausgebauten Edge-Netz.

Diesen Datenübertragungs-Standard nutzt Apple auch in den USA für das iPhone. Die Vorteile: Anders als bei UMTS bleibt die Übertragungsqualität bei Edge auch in geschlossenen Gebäuden gut. Bei UMTS ist das Signal dort oft schwach.

Außerdem baut Edge auf dem Uralt-Mobilfunk-Standard GSM auf. Sprich, die Mobilfunk-Stationen lassen sich deutschlandweit relativ einfach aufrüsten, die Technik ist günstiger als UMTS.

Und: Edge saugt den iPhone-Akku nicht so schnell leer wie UMTS. T-Mobile will bis Jahresende ganz Deutschland mit Edge versorgen, auch die ländlichen Gebiete, auch die Bahnstrecken. "Das ist einmalig", sagt Boos, "Vodafone bietet Edge kaum an." Einen ersten Eindruck beider Netze in Deutschland geben die Versorgungskarten von Vodafone und T-Mobile.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

Sprich: Wenn Apple sich für T-Mobile entscheidet, wäre eine deutschlandweite Abdeckung mit relativ schnellem Internetzugang gesichert. Einen Nachteil hat Edge allerdings. Daten werden nicht annährend so schnell übertragen wie per UMTS oder gar mit dem UMTS-Beschleuniger HSDPA. Diese Technik bieten T-Mobile und Vodafone in deutschen Ballungsräumen, aber auch in vielen mittelgroßen Städten an. "Abgesehen von kleineren Ausbau-Unterschieden schenken die beiden Anbieter sich da nicht viel", meint Boos.

In den USA setzt Apple beim iPhone mangels eines gut ausgebauten UMTS-Netzes allein auf den Zugang per Edge. Europäischen iPhone-Besitzern könnte Apple den schnellen mobilen Internetzugang per UMTS bieten – das Unternehmen müsste nur einige zusätzliche Komponenten in die europäischen iPhone-Variante einbauen.

Vodafones Portal-Strategie passt nicht zu Apple

Apples Internet-Konzept ist bestechend einfach: Auf dem iPhone sieht das Internet so aus wie am Rechner daheim. Keine speziellen Portale, keine Einschränkungen, keine exklusiv für iPhone-Nutzer angepassten Versionen bekannter Internetseiten. Stattdessen: das offene Internet. Diese Strategie unterscheidet sich deutlich von der Vodafones. Denn bis vor kurzem hieß das Internet bei Vodafone vor allem "Vodafone Live!". Dieser geschlossene Dienst erinnert an das AOL-Konzept: Nachrichten, E-Mail, E-Commerce, Unterhaltung aus einer Hand, auf einer Seite.

Ein wenig rückt Vodafone von dieser Strategie inzwischen ab: Der neue Dienst "Handy 2.0", seit Mitte Juni massiv beworben, erleichtert den Weg ins freie Netz ein wenig. Aber nach wie vor gilt: Es gibt Vodafone-Versionen der populären Dienste. Myspace, Youtube, eBay - alle haben Partnerschaften mit Vodafone abgeschlossen. "Wir glauben, dass wir den Kunden eine bessere Leistung bieten können, als wenn nur das offene Internet auf mobile Geräte gebracht wird", sagte Vodafone-Marketingvorstand Frank Rövekamp im Februar der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

T-Mobile hat eine ganz andere, offenere Strategie. Chris-Oliver Schickentanz, Mobilfunk-Analyst bei der Dresdner Bank, sagt SPIEGEL ONLINE: "Vodafone hält seine Nutzer in einem geschlossenen Bereich, verspricht sich davon mehr Profit. T-Mobile hingegen bietet seinen Nutzern einen offenen Zugang zum regulären, freien Netz." Der T-Mobile-Ansatz lässt mehr Raum für Apple.

Bleibt Apple in Europa monogam?

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Im direkten Infrastruktur-Vergleich deckt Vodafone Europa besser ab als T-Mobile (siehe Karte): In 13 europäischen Ländern ist Vodafone Besitzer oder Mehrheitsgesellschafter von Mobilfunknetz-Anbietern. Hinzu kommen zahlreiche Partnerschaften und Joint Ventures in anderen europäischen Ländern.

T-Mobile gehören in immerhin zehn europäischen Ländern Mobilfunknetze beziehungsweise Aktienmehrheiten an Mobilfunknetzen. Das Fazit von Analyst Schickentanz: "Mit Vodafone als Partner hätte Apple in allen europäischen Staaten denselben Partner. T-Mobile ist nicht annährend so stark mit eigenen Tochterfirmen in Europa vertreten."

Weil die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden großen Mobilfunkanbietern Vodafone und T-Mobile in Europa von Staat zu Staat zum Teil sehr unterschiedlich sind, könnte Apple in jedem Land unterschiedliche Partner wählen. Das halten Experten inzwischen für durchaus möglich. Schickentanz zu SPIEGEL ONLINE: "Exklusive Abkommen für einzelne Staaten wären sinnvoll, denn Apple will die größte Verkaufsmacht in jedem Markt."

Beim Verkauf des iPhones in den USA habe man gesehen, dass viele Bestandskunden des Mobilfunkanbieters AT&T das iPhone gekauft haben. Daraus schließt Schickentanz: "Es wäre sehr attraktiv für Apple, in jedem europäischen Land den stärksten Anbieter als Partner zu wählen." Auch Apple selbst hat angedeutet, gegebenenfalls von seiner Ein-Partner-Politik abzuweichen.

Um seine Mobilfunk-Aktivitäten im heterogenen Europa zu bündeln, könnte Apple theoretisch sogar als sogenannter Mobile Virtual Network Operator (MVNO) selbst aktiv werden. MVNOs sind Mobilfunk-Serviceprovider, die weder ein eigenes Radio Access Network noch eine entsprechende Mobilfunk-Lizenz besitzen - aber trotzdem eigene SIM-Karten vertreiben, indem sie brachliegende Ressourcen der bestehenden Infrastrukturen aufkaufen.

Ein bekanntes Beispiel in Deutschland ist die Firma Simyo. Allerdings ist diese Variante wenig wahrscheinlich - Apple dürfte kaum einfach so auf die Verkaufsmacht der Mobilfunk-Anbieter verzichten.



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