Tarnwaffen Vorsicht vor dem Vier-Schuss-Handy

Sie sehen harmlos aus, doch sie haben es in sich: Mobiltelefone, die als Waffe dienen können. Erst vor kurzem stellte die italienische Polizei eine derart getarnte Pistole sicher. Tatsächlich gibt es viele solcher Tarnwaffen - mal mit Pefferspray, mal als Elektroschocker.


So etwas hatten zumindest die Polizisten vor Ort noch nie gesehen: Vor wenigen Tagen stellte die italienische Polizei bei einer Razzia im Camorra-Umfeld unter anderem eine als Handy getarnte Schusswaffe sicher. Um mit dem vermeintlichen Telefon zu schießen, wird die untere Hälfte des Geräts zur Seite geschoben und einer der vier Abzugsknöpfe auf der Tastatur gedrückt. Die vier Patronen Kaliber .22 werden durch einen als Antenne getarnten Lauf abgeschossen.

Italienischer Polizist mit Handy-Pistole: Vier Schuss aus dem "Nokitel"
AFP

Italienischer Polizist mit Handy-Pistole: Vier Schuss aus dem "Nokitel"

Die Schusswaffen-Handys tragen die Fantasie-Aufschrift "Nokitel". Telefonieren kann man mit ihnen allerdings nicht. Die britischen " Daily Mail" berichtet unter der Überschrift "Dial M for murder" über den Fund, bezeichnete das Mörder-Handy als einmalig. Dabei sind solche als Telefon getarnten Waffen gar nicht so neu.

Vermutlich ließen sich die Briten von der Aussage eines italienischen Polizeisprechers leiten, der sinngemäß davon sprach, dass zum ersten Mal eine Mobiltelefon-Schusswaffe beschlagnahmt worden sei. Ihm war offenbar nicht bekannt, dass das "Time"-Magazin bereits vor vier Jahren über Schuss-Handys berichtet hatte. Unter dem Titel " Press M for Murder".

Video-Vorführung

In dem Artikel der "Time" wird auch von Patronen vom Kaliber .22 berichtet, was darauf hindeutet, dass es sich damals um eine sehr ähnliche Telefonwaffe gehandelt haben könnte. Geht man im Archiv noch etwas weiter zurück, findet sich für diese Vermutung tatsächlich eine Bestätigung: Bereits 2001 warnte das Bundeskriminalamt vor Schusswaffen des gleichen Kalibers, die als "Nokitel"-Handys getarnt sind.

Noch mehr Informationen fördert eine Suche bei YouTube zutage. Dort findet man ohne weiteres sogar ein Demonstrations-Video des Baller-Handys Marke "Nokitel". Aber obwohl die Pseudo-Telefone schon seit sieben Jahren im Visier von BKA und FBI stehen, scheint die Herkunft der tödlichen Tarnwaffen nach wie vor unklar. Nur die BKA-Vermutung aus dem Jahr 2001, dass es sich um Waffen der Marke Eigenbau handelt, dürfte angesichts der wiederholten Funde baugleicher Machart wohl nicht mehr haltbar sein.

Fiese Handys

Die Nokitel-Ballermänner sind nicht die einzigen Handy-Waffen. So hat eine koreanische Firma ein Pfefferspray entwickelt, das sich als rotes Klapptelefon tarnt. Um es zu benutzen, muss man die Antenne abziehen und anschließend einen Knopf auf der Fake-Tastatur drücken. Im Gegensatz zu diesem eher obskuren Gerät sind als Handy getarnte Elektroschocker geradezu gängige Produkte, die in zahlreichen Varianten hergestellt werden. Unter martialischen Bezeichnungen wie "Stun Master 800.000 Volt" oder "Pretender 950.000" werden sie online für 50 bis 100 Dollar angeboten.

Glücklicherweise ist nicht jedes Fake-Handy eine Waffe. Nervöse Zeitgenossen können beispielsweise auf ein breites Angebot von Mobiltelefon-Flachmännern zurückgreifen. Der Genuss des Inhalts solcher Geräte dürfte zumindest weniger schmerzvoll sein als ungeschicktes Hantieren mit einem Elektroschocker. Und zum Schluck aus dem Handy kann man sich die Zigarette aus dem iPod-Etui anstecken: Der klassische Apple-MP3-Player hat nämlich ein perfektes Format, um darin sieben Zigaretten zu verstauen.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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