Telekommunikation Wer arm ist, verzichtet eher aufs Festnetz

Es klingt paradox, ist aber nachweisbar: Vor allem Haushalte mit geringem Einkommen verzichten auf günstige Festnetzanschlüsse und verlassen sich ausschließlich auf das Handy. Rund neun Prozent aller deutschen Haushalte besitzen keinen regulären Telefonanschluss mehr.

Berlin - Bereits in fast jedem zehnten Haushalt ersetzt das Handy das klassische Festnetz. Rund vier Millionen Privathaushalte in Deutschland waren Anfang 2008 nur mit Mobiltelefonen ausgestattet, ohne zusätzlich über Festnetzanschlüsse zu verfügen. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag unter Berufung auf aktuelle Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe mit. In mehr als neun Prozent aller deutschen Haushalte gibt es somit keinen klassischen Telefonanschluss, 2003 hatte der Anteil der Haushalte mit Handy und ohne Festnetztelefon noch bei vier Prozent gelegen.

Dass es dabei vor allem einkommensschwächere Haushalte sind, die dem Mobil- vor dem Festnetztelefon den Vorzug geben, wirkt im ersten Augenblick irritierend: Mobiltelefonie ist nach wie vor deutlich teurer als die klassische Variante.

Zu erklären sind die Zahlen trotzdem. Das Preisargument gilt nur, wenn man das Handy auch dazu nutzt, jemanden anzurufen. Prinzipiell lassen sich mit einem Prepaid-Handy die Telefonkosten auf den Anschaffungspreis der Karte reduzieren - wenn man sich nur anrufen lässt. Eine monatliche Grundgebühr fällt bei Prepaid-Handys auch nicht an. Bezahlt wird nur, was auch genutzt wird.

Dazu kommt der Vorteil, den Handys bieten, wenn man den Wohnort öfter wechselt als üblich: Der Ummeldungsärger des Festnetzanschlusses entfällt. Genauso sieht der typische Nur-Handy-Haushalt dann auch aus: es sind vor allem sehr junge Haushalte, deren Mitglieder deutlich öfter Umziehen als ältere, und um Einkommensschwache.

In mehr als jedem dritten Haushalt (35 Prozent) von unter 25-Jährigen gab es Anfang 2008 ausschließlich Mobiltelefone und keinen festen Telefonanschluss mehr. Der Anteil der ausschließlichen Handy-Nutzer-Haushalte nahm mit steigendem Alter der Haupteinkommensbezieher und -bezieherinnen ab. Bei den 25- bis 34-Jährigen waren es noch 19 Prozent der Haushalte, bei den 55- bis 64-Jährigen nur noch sechs Prozent und bei den über 70-Jährigen zwei von 100 Haushalten.

Das Handy klingelt auch, wenn man nicht mehr zahlen kann

Am höchsten war der Anteil der Haushalte mit Handy und ohne Festnetz bei Geringverdienern: Während der Anteil bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen bis 900 Euro bei 23 Prozent lag, betrug er in den Einkommensklassen ab 2600 Euro nur drei Prozent. Diese Struktur spiegelte sich laut Statistischem Bundesamt wider, wenn auf die mögliche Erwerbstätigkeit der Bewohner geblickt wird: 21 Prozent der Arbeitslosenhaushalte, elf Prozent der Arbeitnehmerhaushalte sowie sechs Prozent der Selbstständigenhaushalte besaßen ausschließlich Mobiltelefone und keinen festen Telefonanschluss mehr.

Und das ist kein Ausdruck verfehlter Präferenzen, sondern eine Form der Notwehr gegen die Kosten: Arme verlagern die Kosten für die Telefonie auf die Menschen, die bei ihnen anrufen. Und sie ziehen Preismodelle vor, bei denen sie absolute Kostenkontrolle bis hinunter zum Einzelgespräch haben. Das Handy stellt darüber hinaus sicher, dass sie auch dann noch erreichbar sind, wenn sie selbst die Kosten für die nächste Prepaid-Karte nicht mehr tragen können.

AP/pat
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