Vorbild iPhone Adobe brezelt das mobile Netz auf

Der ewige Zweite rüstet zum Generalangriff: Das Softwareunternehmen Adobe beherrscht mit seinen Programmen schon jetzt große Teile des Internets. Jetzt soll ein neuer Flash-Standard das mobile Web erobern - und hübsch machen.


Nach Microsoft ist Adobe der zweitgrößte PC-Softwarehersteller der Welt. Bekannt ist das Unternehmen vor allem für seinen Dokumentenstandard PDF und die Bildbearbeitungssoftware Photoshop. Aber der Konzern ist auch im Web dominierend: Adobes "Flash"-Format gehört zum Internet-Alltag, seitdem es von Seiten wie YouTube und auch SPIEGEL ONLINE zur Übertragung von Videos verwendet wird.

Vorbild iPhone: Künftige Handys sollen dank Adobe-Flash ähnlich attraktive Benutzeroberflächen bekommen
REUTERS

Vorbild iPhone: Künftige Handys sollen dank Adobe-Flash ähnlich attraktive Benutzeroberflächen bekommen

Damit ist Adobes Expansionsdrang jedoch noch lange nicht gestillt. Gerade hat sich das Unternehmen aus dem kalifornischen San Jose die Firma Virtual Ubiquity einverleibt, und damit auch die Online-Textverarbeitung "Buzzword".

Zeitgleich zum Einstieg in den Markt für Bürosoftware kündigte Adobe zudem eine neue Flash-Version für mobile Geräte an. Das klingt zunächst nach einem mäßig interessantem Versions-Update, ist aber auf den zweiten Blick der Startschuss für Adobes Feldzug zur Eroberung der Handy-Oberflächen.

Geschlossene Veranstaltung

Als Türöffner in die mobilen Welten dienen Adobe zunächst Videos: Hier kann das Unternehmen direkt an die Flash-Erfolge aus dem Internet anknüpfen. Aber langfristig soll Flash nicht nur für bunte und bewegte Unterhaltung auf dem Handy-Display sorgen. Vielmehr soll zukünftig die gesamte Nutzeroberfläche aus Flash bestehen - ähnlich wie heute viele Websites komplett auf dem Format basieren.

Um diese Strategie nachzuvollziehen, ist zunächst ein Blick auf die Vergangenheit der Software hilfreich: Flash wurde von der Firma Macromedia als integrierte Entwicklungsumgebung für multimediale Inhalte entwickelt. Die Software besteht einerseits aus den Werkzeugen für Entwickler, andererseits aus einem Player für Konsumenten. Letzterer ist die Voraussetzung, um Flash-Inhalte betrachten zu können.

Flash ist zudem kein offener Standard. Was und wie es dargestellt werden kann, unterliegt vielmehr der Definitionsmacht des Eigentümers. Heute ist das Adobe, das die Firma Macromedia 2005 übernommen hat, zu einem Zeitpunkt, als Flash sich gerade in einem Zwischentief befand: Die zunächst typischen Animationen waren damals nicht mehr besonders gefragt, der Video-Boom stand noch bevor.

Geliebt und verachtet

Ursache für die zeitweilige Flash-Flaute war auf der einen Seite die Ablehung des Formats in Programmiererkreisen. Diese stießen sich vor allem an der geschlossenen Architektur des Systems. Dazu kam, dass der offene Web-Standard HTML seine Kinderkrankheiten überwunden hatte. Diese hatten Grafiker bei der Website-Gestaltung stark eingeschränkt, weshalb Flash bei den Kreativen zeitweilig sehr beliebt war. Mit dem YouTube-Boom eröffnete sich allerdings ein völlig neues Einsatzfeld für Flash. Bei dieser Anwendung war die vielkritisierte Geschlossenheit des Formats ein entscheidender Vorteil, weil sie den Anbietern ein hohes Maß an Kontrolle bot: Die Videos lassen sich nicht ohne weiteres Speichern.

Mit der jetzt vorgestellten, mobilen Version " Flash Lite 3" will Adobe zunächst den Video-Erfolg aus dem Internet in den Mobilfunknetzen wiederholen. Das Format soll auf dem Handy zum de-facto-Standard für Videos werden. Um das zu erreichen hat Adobe bereits zahlreiche Kooperationen mit Geräteherstellern und Mobilnetzbetreibern angestoßen. Nach einer aktuellen Presseaussendung des Konzerns wurden bis heute "300 Millionen Flash-fähige, mobile Endgeräte" ausgeliefert. Für das Jahr 2010 erwartet man "die Verfügbarkeit von über einer Milliarde Flash-fähiger" Handys.

Und wenn Flash einmal als Video-Format etabliert ist, kann Adobe seinen nächsten Trumpf ausspielen: Der heißt " Flash Home" und soll die flexible Gestaltung der Benutzeroberflächen von Handys erlauben, und zwar sowohl im Hinblick aufs Design als auch die Funktionen. Flash Home soll nächstes Jahr offiziell eingeführt, an Netzbetreiber und Handy-Produzenten verkauft werden. Diese können dann die Oberflächen relativ einfach und frei nach ihren Vorstellungen gestalten. Welches Potential hier noch schlummert hat Apple mit der Benutzerführung des iPhone jüngst beeindruckend vorgeführt.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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