Webpranger Der Hund des Handy-Diebs
Die Geschichte hat das Zeug zu einem modernen Märchen. Allerdings steht entweder das Ende noch aus, oder es wird sich herausstellen, dass moderne Märchen kein Ende im gewohnten Sinn haben - und dieses ab sofort durch Marketing-Weisheiten ersetzt wird.
Mitte August wurde dem Web-Designer Ben Clemens in einem kalifornischen Regionalzug sein Handy entwendet. Einige Tage später entdeckt er, dass der Dieb sein Mobiltelefon munter verwendet, um Fotos zu knipsen - und die Schnappschüsse immer noch automatisch auf Clemens Blog und seiner Flickr-Seite landen , darunter Bilder eines Chihuahuas, einer Frau und eines aufgemotzten Autos.
Web 2.0-Tücken
Der Bestohlene hatte sein Handy mittels des Service ShoZu so konfiguriert, dass neu aufgenommene Bilder automatisch auf die Foto-Site Flickr geladen werden, von der aus wiederum Clemens' Blog mit Bildern gefüttert wird.
So weit könnte die Geschichte noch ein klassisches Märchen werden, schließlich stolpert der Held ohne weitere Intentionen auf dem Arbeitsweg in die Handlung und wird zu einer kleinen Web-Berühmtheit: Die Fotos von Clemens' Handy und insbesondere das des Hundes entwickelten nämlich ob ihrer obskuren Entstehungsgeschichte eine gewisse Popularität. Clemens kommt dabei insbesondere zugute, dass er den Dieb nicht absichtlich an den Webpranger stellt, weil dieses Vorgehen zwar bereits eine Internet-Tradition darstellt, aber natürlich auch mit einem fahlen Beigeschmack einhergeht - wer will schon als Petze gelten?
Der falsche Job
Zum Problem gerät Clemens jetzt ausgerechnet sein Arbeitgeber. Nachdem seine Geschichte ihre Web-Kreise gezogen hatte, wurde schnell klar, dass der Bestohlene für Yahoo arbeitet - und das macht ihn verdächtig. Yahoo hat letztes Jahr für einen zweistelligen Millionenbetrag Flickr gekauft.
Nun liegt natürlich der Verdacht nahe, dass Clemens mitnichten zufällig Opfer eines technisch wenig versierten Diebes wurde, sondern in Wirklichkeit die Netzgemeinde im Auftrag seines Arbeitgebers auf das Marketingglatteis führen will. Die Moral von der Geschichte wäre dann keine, stattdessen würde die Werbebotschaft lauten: Schaut her, was man mit dem Handy und Flickr nicht alles anstellen kann. Sogenanntes virales Marketing, bei dem die potentiellen Kunden die Botschaft selbst per Mundpropaganda verbreiten, gehört seit Jahren zu Werbers Lieblings-Werkzeugen.
Clemens beteuert allerdings in seinem Blog und auch gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass er kein Marketing-Intrigant sei. Und so könnte doch noch ein Märchenende folgen: Der Dieb könnte von der Berichterstattung aufgeschreckt das Handy retournieren, Clemens wird von Yahoo für den Werbeeffekt befördert und der Chihuahua moderiert zusammen mit Paris Hiltons Schoßhund eine neue MTV-Show. Nichts ist unmöglich.
Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler