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Wiki Weapons: Waffenteile aus dem Drucker

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Hacker-Debatte Streit um Waffenteile aus dem Drucker

Das AR-15 ist ein Gewehr von trauriger Berühmtheit: Die Massenmörder von Aurora und Newtown töteten ihre Opfer mit dieser Waffe. Eine eingeschworene Gruppe von Waffenfans will Teile eines AR-15 im 3-D-Drucker selbst herstellen - in der Szene gibt es nun Streit.

Für Cody Wilson ist es eine Frage der Freiheit. Wilson studiert an der University of Texas Jura. In seiner Freizeit versucht er gemeinsam mit Gleichgesinnten, Waffen zu bauen, genauer gesagt: Waffenteile mit einem 3-D-Drucker selbst herzustellen. Wilson und andere haben ein Projekt namens Defense Distributed  gegründet, mit dem expliziten Ziel, ein quelloffenes Design für ein druckbares Gewehr verfügbar zu machen, eine Open-Source-Waffe. Ihr erstes Projekt ist ein sogenannter Lower Receiver für ein Sturmgewehr: der Teil eines AR-15, in den das Magazin von unten eingeschoben wird und aus dem der Abzugshebel herausragt. Mit einem AR-15 töteten sowohl der Massenmörder von Colorado als auch auch der 20-Jährige, der vor zwei Wochen in der Kleinstadt Newtown, Connecticut, 20 Kinder und sieben Erwachsene erschoss.

Viele andere Teile einer Schusswaffe ließen sich mit einem 3-D-Drucker nicht herstellen - der Kunststoff würde Druck und Hitze nicht standhalten. Doch der Lower Receiver ist ein besonderer Teil eines Gewehrs: Auf ihm steht die Seriennummer, gewissermaßen das Nummernschild der Waffe.

Nach den Massenmorden von Aurora und Newtown sind Wilson und andere Freunde selbstgebauter Waffen in die Kritik geraten. Wilson findet , was er tut, sei gelebte Verteidigung des in der US-Verfassung garantierten Rechtes, Waffen zu tragen: "Wir demonstrieren den Unterschied zwischen dem Versprechen und der Praxis des Zugangs zu Feuerwaffen."

Die Tatsache, dass er und andere Datenfiles zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe der Besitzer eines 3-D-Druckers Waffenteile - wenn auch sehr brüchige - herstellen könnte, hält er nicht für verwerflich: "Man konnte hierzulande schon immer eine Waffe herstellen. Das hier erlaubt es nur, das zu tun, ohne zu wissen, wie es funktioniert - Software und eine Maschine tun es für einen." Tatsächlich ließe sich wohl auch mit Industriewerkzeugen oder aus Baumarktkomponenten eine funktionsfähige Schusswaffe herstellen, allerdings mit enormem Aufwand - und dem Risiko, dass sie dem Schützen beim ersten Schuss die Hand abreißt.

Eine unregistrierte, aber funktionsfähige Waffe bauen?

Für MakerBot -Gründer Bre Pettis, einen freundlichen Hacker mit Nerd-Brille, ist die Frage nach den druckbaren Waffenteilen eine unangenehme Grundsatzentscheidung. Sein Unternehmen gehört zu den Pionieren der 3-D-Drucker-Bewegung, die eine Art Demokratisierung industrieller Produktion als Ideal anstrebt. Einen MakerBot  kann sich jeder für vergleichsweise wenig Geld aus einem Bausatz selbst basteln oder aber fertig kaufen und damit Dinge herstellen. Auf der MakerBot-eigenen Website "Thingiverse" können Nutzer miteinander 3-D-Designs austauschen, Datenfiles, mit denen sich die Objekt-Drucker füttern lassen.

In den Geschäftsbedingungen von Thingiverse ist explizit nachzulesen, dass es dort nicht gestattet ist, Inhalte zur Verfügung zu stellen, "die zur Herstellung von Waffen beitragen". Lange Zeit jedoch wurde dieser Passus nicht übermäßig rigoros durchgesetzt, was unter anderem mit der libertären Grundeinstellung, der unbedingten Liebe zu Wissen und Information in der Hackerszene zu tun haben dürfte.

Schon im Oktober 2011 hatte Pettis seine Nutzerschaft in einem Blog-Eintrag  um Wortmeldungen zu der Frage gebeten, ob man Waffenteile auf der Plattform tolerieren sollte oder nicht. Der dort vorgestellte Lower Receiver für ein AR-15 sei "ein schönes Modell", aber eben auch "der einzige Teil eines AR-15, den man nicht einfach per Post bestellen kann". Der Lower Receiver ist die am stärksten regulierte Komponente des Gewehrs. Wer ihn druckt, das ist die Befürchtung, könnte sich alle anderen Teile legal und ohne weitere Kontrollen zusammenkaufen - und so eine unregistrierte, aber zumindest kurzzeitig funktionsfähige Waffe bauen.

Pattis' Frage führte zu einer hitzigen Debatte, in der viele Kommentatoren klar Stellung für die Waffenteil-Modellierer bezogen: "Ich finde die Vorstellung furchtbar, dass Gegenstände nur aus Gründen der Angst ausgeschlossen werden", schrieb einer, "in der Welt, in der ich leben möchte, ist das Wissen darüber, wie Dinge gemacht und benutzt werden, frei verfügbar", ein anderer. Andere widersprachen: "Meiner Meinung nach lohnt es, alles zu tun, was man kann, um es schwieriger zu machen, an Waffen zu kommen."

"Ich wünsche eurer Firma nur das Schlechteste"

Nach dem Massenmord von Newtown handelte Thingiverse nun: Der Lower Receiver, dessen Modell ein weiterer Waffenfan namens Michael Guslick dort hochgeladen hatte, verschwand aus dem Angebot, ebenso wie diverse andere Modelle für Waffenteile. Ein Unternehmenssprecher erklärte, ohne konkreten Bezug auf den Amoklauf zu nehmen, "jüngste Ereignisse" hätten den Anstoß gegeben, "sofort zu handeln", auch wenn man "schon immer die Möglichkeit" gehabt hätte, "auf Verletzungen der Nutzungsbedingungen zu reagieren".

Die Thingiverse-Nutzer reagierten zum Teil mit Verständnis oder Zustimmung, zum Teil wütend. "Ich kann kein Unternehmen unterstützen, das auf dem Rücken der Toten eine politische Agenda unterstützt", schrieb einer als Kommentar unter Guslicks entferntes Modell . "Ihr habt einen Kunden dauerhaft verloren, ich wünsche eurer Firma nur das Schlechteste."

Die Alternativplattform ist längst aufgesetzt

Cody Wilson und seine Mitstreiter von Defense Distributed reagierten ihrerseits umgehend: Sie setzten eine Plattform namens Defcad auf, laut Selbstbeschreibung eine "improvisierte Reaktion auf die Entscheidung von MakerBot Industries, Dateien, die in gutem Glauben bei Thingiverse hochgeladen wurden, zu zensieren". Man werde "hier so viele von den gelöschten Dateien hosten, wie wir finden können". An "Forbes" schrieb Wilson : "Das Internet umgeht Zensur. Das Projekt ist wichtiger denn je."

Nach wie vor geht es für Guslick, Wilson und die anderen wohl eher um Machbarkeit und um den Grundsatz als um die tatsächliche massenhafte Herstellung nutzbarer Waffenteile. In einem bis Ende Dezember mehr als 500.000-mal abgerufenen YouTube-Video führten die Waffenbastler von Defense Distributed vor, was passiert, wenn man ein AR-15 mit dem selbstgedruckten Lower Receiver tatsächlich mit scharfer Munition bestückt und damit schießt: Nach sechs Schüssen brach das Plastikteil auseinander. Der knappe Kommentar unter dem Video endet mit den Worten: "Wir empfehlen nicht, einen Lower Receiver zu drucken."

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