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27. Dezember 2015, 10:54 Uhr

Kongress des CCC

Hacker unter sich

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12.000 Internetaktivisten und Computerexperten treffen sich in Hamburg zur Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs. Die Szene will Wissen austauschen und diskutieren - sie hat politisch ein hartes Jahr hinter sich.

Es war ein mieses Jahr für die Hacker und Netzaktivisten, jetzt wird gefeiert. Zur Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs (CCC) wird im Congress Center Hamburg neben den Vortragssälen eine riesige Partyzone aufgebaut, mit Diskokugeln und vielen Bars, denn der ein oder andere IT-Spezialist dürfte nach diesem Jahr einen starken Drink gebrauchen können.

Politiker haben 2015 Dinge beschlossen, gegen die in der Szene seit Jahren ausdauernd gekämpft wird. Dinge, bei denen alle guten Argumente der Experten offenbar ungehört verhallten. Die Vorratsdatenspeicherung wurde in Deutschland wieder eingeführt, die Netzneutralität wurde auf europäischer Ebene beschränkt und anstatt im dritten Jahr nach Snowdens ersten Enthüllungen endlich den Geheimdienstssumpf trockenzulegen, scheint der immer tiefer zu werden.

Die IT-Experten mussten zusehen, wie Großbritannien auf die Snowden-Enthüllungen reagiert, nämlich mit Plänen für noch mehr Überwachung und weitreichenden Befugnissen für die Geheimdienste. Sie mussten zuhören, wie die Sicherheitsbehörden nach den Terroranschlägen in Paris trotz ihres eigenen Versagens noch mehr Befugnisse für sich forderten. Und wie hochrangige Politiker forderten, verschlüsselte Kommunikation abzuschaffen oder Regierungen mit einem Generalschlüssel auszustatten, damit sie im Zweifel alles lesen können, was ihre Bürger so schreiben.

"Die Politiker haben uns unseren Platz gezeigt"

Überhaupt wurde viel gesagt und beschlossen in diesem Jahr, überwiegend von Menschen, die wesentlich weniger Ahnung von IT-Sicherheit und der digitalen Welt haben als diejenigen, die sich in diesen Tagen in Hamburg treffen. Die Hacker hörten, wie der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger eine intensivere Überwachung des Internets durch Geheimdienste forderte und Sätze sagte wie: "Wichtiger als Datenschutz ist Datensicherheit."

Und gegen Ende des Jahres mussten sie noch erfahren, dass Innenminister Thomas de Maizière als neuen BSI-Chef Arne Schönbohm vorschlägt, der in Fachkreisen als "Cyberclown" verspottet wird, wie CCC-Sprecherin Constanze Kurz schreibt. Die Hacker müssen also befürchten, dass auch an dieser wichtigen Stelle womöglich jemand an die Macht kommt, der weniger Ahnung von der Sache hat als sie.

"Die Politiker haben uns in diesem Jahr unseren Platz gezeigt", sagt der Netzaktivist Stephan Urbach zum Congress-Auftakt, "ich hoffe, man hört den Sarkasmus in meiner Stimme." Gefeiert werden könne aber trotzdem oder gerade: Denn hier im Congress Center trifft sich in diesen Tagen eine Szene, die sich zumindest gegenseitig einigermaßen versteht.

Selber denken, selber diskutieren, selber basteln

Und diese Szene ist gar nicht mehr so klein: 12.000 Besucher erwarten die Veranstalter in diesem Jahr, damit ist der CCC-Congress so groß geworden wie etwa die amerikanische Hackerkonferenz Defcon in Las Vegas; zu den wichtigsten Fachtreffen der Welt zählt der Congress ohnehin längst.

"Gated Communities" lautet diesmal das Motto, in Anspielung auf die abgeschotteten Wohnkomplexe, die es übertragen auch in der digitalen Welt gibt: Nutzer verschreiben sich einem bestimmten Anbieter, sei es Apple, Google, Facebook oder sonstwer - und liefern sich dessen Bestimmungen aus. Dadurch bekommen sie nur noch einen bestimmten Teil der Welt zu sehen.

"Google News beschließt, was nachrichtenwürdig ist, YouTube beschließt, was angesehen werden darf, Apple beschließt, welche Apps im AppStore zugelassen sind", erklärt CCC-Sprecher Dirk Engling. "Und auch wir selbst erschaffen uns eine Filterbubble, zum Beispiel auf Twitter, wo in unserer Timeline vielleicht alle derselben Meinung sind und ein wütender Mob per Shitstorm alle vertreibt, die eine andere vertreten."

Obwohl auch der CCC-Congress eine eigene große Filterbubble bildet, sollen die Teilnehmer hier in den kommenden Tages doch über den Tellerrand schauen, wünschen sich die Veranstalter. "Der Congress gibt uns Raum, Dinge selber zu machen, selber zu diskutieren, selber zu denken, selber zu entscheiden und selber basteln zu können", heißt es in einem Blogeintrag zum Motto, "unsere eigene Gated Community hilft uns gegen allerhand Bullshit-Bingo der Außenwelt."

Vorträge lassen sich auch online ansehen

Bleibt zu hoffen, dass sich die Hackergemeinde nicht selbst zurückzieht in diese "eigene Gated Community" und sich abwendet von der Politik, die nicht in ihrem Sinne entscheidet und von einer Bevölkerung, die offenbar nur wenig von den netzpolitischen Entwicklungen überblickt, sondern in weiten Teilen die technischen Möglichkeiten blind nutzt, statt sie mitzugestalten.

Es liegt an den IT-Experten selbst, ihre - womöglich weniger informierten - Mitmenschen mitzunehmen in diesen Tagen, in denen es in den Vorträgen über Verschlüsselung und Datenlecks, über Geheimdienstkontrolle, Sicherheitslücken und sperrige politische Verordnungen geht. Wenn ihnen das gelingt, wird 2016 netzpolitisch gesehen vielleicht ein besseres Jahr. Und die Argumente der Hacker bekämen vielleicht mehr Gewicht als in den vergangenen zwölf Monaten.

Das gesamte Congress-Programm findet sich hier. Wer nicht in Hamburg vor Ort ist, kann sich die einzelnen Vorträge auch im Internet ansehen - live oder nachträglich als Aufzeichnung. SPIEGEL ONLINE ist vor Ort und wird an allen vier Konferenztagen berichten.

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