Videotipps zum Hackerkongress 36C3 Liebe Leserin, lieber Leser,

Foto: SPIEGEL ONLINE

man muss kein Hacker sein, um ein Hackertreffen spannend zu finden. Das gilt besonders für den Chaos Communication Congress, das Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs (CCC), bei dem zwischen den Jahren Tausende Menschen zusammenkommen.

Die Leipziger Messehallen wurden für die aktuelle Auflage, den 36C3, wieder einmal in ein Tech-Wunderland umgebaut, das vor allem nachts eine Faszination entfaltete, die selbst auf Fotos kaum festzuhalten ist. Man muss selbst da gewesen sein, um wirklich zu verstehen, warum Tausenden Menschen dieses Event ihre Zeit zwischen Weihnachten und Silvester wert ist.

Rakete "Fairydust" auf dem 36C3

Rakete "Fairydust" auf dem 36C3

Foto: Jens Schlueter/ Getty Images

Für alle Daheimgebliebenen lohnt sich aber auch ein Blick auf die Vorträge des 36C3, die hier größtenteils bereits als Aufzeichnungen im Netz stehen . Auf den ersten und auch den zweiten Blick mögen viele Talks zwar sehr fachspezifisch daherkommen. Es gibt jedoch auch diverse Vorträge, die sowohl unterhaltsam und lehrreich, als auch allgemeinverständlich sind. Sechs davon möchte ich Ihnen hier empfehlen, per Klick auf den Titel landen Sie beim jeweiligen Video.

1. "Was hat die PSD2 je für uns getan ?" (60 Minuten)

Sie müssen in Ihren Banking-Apps seit Kurzem ständig Tans eingeben? In diesem Vortrag erklärt Henryk Plötz, wie es dazu gekommen ist - und warum es so schwer vorhersehbar ist, wann genau Ihre Bank eine Tan benötigt und wann nicht. Mit trockenem Humor skizziert der Entwickler, der selbst Konten bei neun Banken hat, "Pleiten, Pech und Pannen" rund um die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2. Sein Fazit: Für die Kunden brachte die Umstellung keinen ersichtlichen Nutzen, sie sind aber zunehmend genervt.

Einscannen einer PhotoTan

Einscannen einer PhotoTan

Foto: Bernhard Classen/ imago images

2. "What the World Can Learn from Hongkong " (91 Minuten, im Original auf Englisch)

Die Proteste in Hongkong haben viele Beobachter überrascht - durch ihre Dauer und Heftigkeit, aber auch durch ihre dezentrale Organisation. Die MIT-Doktorandin Katharin Tai analysiert in ihrem Vortrag die Strategien der Demonstranten, von Leitsätzen wie "Be water" bis hin zur Bedeutung der Chat-App Telegram. Eingangs erklärt Tai auch noch einmal die politische Situation in Hongkong.

3. "Der Deep-Learning-Hype " (64 Minuten)

Das sogenannte Deep Learning gehört zu den großen Tech-Trends der Zehnerjahre. Technologien wie die Sprach- oder Bilderkennung etablieren sich in unserem Alltag, etwa beim autonomen Fahren oder über Amazons Alexa. Nadja Geisler und Benjamin Hättasch von der TU Darmstadt warnen trotzdem vor zu viel Euphorie rund um das Forschungsfeld und plädieren für mehr "wissenschaftliche Nachhaltigkeit". Klingt sperrig, liefert aber viele Denkanstöße.

4. "Let's Play Infokrieg " (46 Minuten)

Mit Inszenierungen kennt sich Arne Vogelgesang aus, er ist selbst Regisseur. In diesem Vortrag erzählt er, wie die sogenannte Gamifizierung, die Integration von Spielelementen in nicht spielerische Kontexte, auch die politische Sphäre prägt - samt dem rechten Rand. Etwa dann, wenn ein Amoklauf zum Unterhaltungsprogramm für die Online-Community wird, mit Livestream und Insiderwitzen. Oder wenn das interaktive Kunstprojekt "He Will Not Divide Us" von Schauspieler Shia LaBeouf außer Kontrolle gerät.

5. "The KGB-Hack: 30 Years Later " (47 Minuten, im Original auf Englisch)

Interessant wird es beim Chaos Communication Congress auch immer, wenn es um die Anfangsjahre des CCC geht. Diesmal widmete sich Anja Drephal dem sogenannten KGB-Hack, der in den Achtzigerjahren weltweit Aufsehen erregte. Der Vortrag erklärt, was damals überhaupt passiert ist und wie der Fall um Protagonisten wie Karl Koch und den Amerikaner Clifford Stoll das Image von Hackern nachhaltig prägte - vor allem durch einen ARD-"Brennpunkt".

6. "Über Rassismus in der Gesellschaft " (55 Minuten)

Nur wer sich mit Rassismus beschäftigt, kann diesen bekämpfen und überhaupt erkennen, auch in sich selbst. Das sagt Datenjournalist Michael Kreil und liefert in seinem Vortrag viele anschauliche Beispiele dafür, wie sehr Rassismus als "Massenphänomen" unseren Alltag prägt - und wie er von vielen Menschen überhaupt nicht als solcher wahrgenommen wird, etwa im Kontext populärer Filme.

Sie wollen lieber etwas lesen, als Videos schauen? Hier finden Sie noch fünf SPIEGEL-Artikel zum 36C3:

Seltsame Digitalwelt: Pixelbrei mit Bananen

Seit Ewigkeiten gab es in meiner Familie die Tradition, dass am ersten Weihnachtstag alle Kinder oder die, die sich noch wie Kinder fühlen, gemeinsam Monopoly spielen. Kein gutes Brettspiel, ja, aber eben Tradition. Zum Ende des Jahrzehnts haben wir nun aber doch eine Reform gewagt und Monopoly durch das Videospiel "Mario Kart" ersetzt. Statt Schlossallee-Deals gab es nun virtuelle Kartrennen mit Bananen auf der Strecke.

"Mario Kart" für die Wii

"Mario Kart" für die Wii

Foto: Nintendo/ MobyGames

Rundum glücklich gemacht hat uns das Upgrade aber nicht: Das lag vor allem daran, dass wir die Wii-Version des Spiels von 2008 spielten, die - nun ja - nach 2008 aussieht. Erst recht, wenn zu viert an einem Fernseher jeder nur einen winzigen Bildausschnitt für sich hat. Und auch die Bewegungssteuerung dieses Serienteils ist schlecht gealtert. So endete das große Weihnachtsduell 2019 ohne klaren Gewinner, richtig stolz auf seine Siege war niemand. Aber immerhin: Wir waren schneller fertig als sonst mit Monopoly und hatten so mehr Zeit, in Ruhe miteinander zu reden.

App der Woche: "My Winter Album"
getestet von Tobias Kirchner

Foto: Tepes Ovidiu

"My Winter Album" ist ein entspanntes Rätselspiel mit einer schönen Hintergrundgeschichte. Der Spieler soll die Erinnerungen aus dem Fotoalbum der Großmutter wiederherstellen. So gibt es insgesamt 24 Bilder, die beispielsweise eine Eisbahn, einen Skiausflug oder einen Abend am Lagerfeuer zeigen, die wiederhergestellt werden müssen. Dafür müssen Motive und Objekte gedreht werden. Highscores oder besondere Ziele gibt es nicht, und so kann man sich ganz ohne Druck dem Rumprobieren widmen. Damit passt "My Winter Album" perfekt zu einem gemütlichen Abend oder einer Reise im Winter.

Von Tepes Ovidiu, für 1,09 Euro (iOS ) oder für 1,29 Euro (Android )

Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "Uber Made it Cheaper to Take a Helicopter Than a Car to the Airport " (Englisch, drei Leseminuten)
    Da will man in New York City mal kurz per Uber zum Flughafen John F. Kennedy fahren - und dann soll das 102 Dollar kosten, einen Dollar mehr als ein anderes Uber-Angebot, nämlich ein Hubschrauberflug? Was klingt wie ein Scherz, ist Realität - zumindest kurz vor Weihnachten, wie "The Outline" hier erklärt.

  • "Guide to Using Reverse Image Search for Investigations " (Englisch, 15 Leseminuten)
    Eine Bildrückwärtssuche ergibt oft Sinn - etwa, um zu prüfen, ob jemand in einer Dating-App einfach ein Profilfoto aus dem Netz geklaut hat. In diesem Artikel stellt Aric Toler von Bellingcat verschiedene Suchdienste vor, die oft deutlich bessere Ergebnisse liefern als Googles Rückwärtssuche.

  • "Nico Semsrott, wie ernst nimmst du Europa? " (Podcast, 78 Minuten)
    Satiriker im EU-Parlament - muss das sein? Eva Schulz hat Nico Semsrott von der "Partei" in Brüssel besucht und mit ihm über seine Situation und Motivation als Abgeordneter gesprochen. Dabei kam raus: Semsrott nimmt die Sache offenbar ernster, als Schulz erwartet hatte.

Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr

Markus Böhm

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.