Firmeneigene Mobilfunknetze Netzbetreiber verärgert über 5G-Lizenzen für Industriebetriebe

Unternehmen haben die Chance, eigene, lokale 5G-Mobilfunknetze aufzubauen: Nach SPIEGEL-Informationen plant dies etwa Audi. Die etablierten Netzbetreiber fürchten den Verlust wichtiger Geschäftskunden.
Roboter in einer Audi-Fabrik

Roboter in einer Audi-Fabrik

Foto: Audi

Im "Production Lab" von Audi in Gaimersheim nahe Ingolstadt wird an den Produktionsmethoden für die voll vernetzte Fabrik von morgen geforscht. Dafür experimentieren die Autobauer in Zusammenarbeit mit dem Ausrüster Ericsson auch mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G.

Auch andere Automobilhersteller wie Daimler und BMW sowie Unternehmen zahlreicher weiterer Branchen haben bei der Bundesnetzagentur bereits Interesse an lokalen 5G-Frequenzen für derlei Industrienanwendungen angemeldet. Sie würden damit auf dem eigenen Gelände gewissermaßen selbst zum Netzbetreiber.

"Wir werden eine Industrie-Lizenz beantragen und ein werkinternes 5G-Netz aufbauen" kündigt Arjen Kreis, bei Audi Leiter der Automatisierungstechnik Karosseriebau, im SPIEGEL an. Schon wegen des "Schutzes von Geschäftsgeheimnissen und Patenten" müsse der Betrieb des Funknetzes in der eigenen Hand liegen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+ .)

Mit den superschnellen drahtlosen Verbindungen lassen sich beispielsweise Industrieroboter kabellos betreiben und Transportvehikel oder Gabelstapler fahrerlos durch Werkshallen manövrieren.

Daimler begründete die Notwendigkeit eigener Netze in einem Schreiben an die Netzagentur damit, dass künftig auf einem Produktionsgelände etwa 6000 Roboter "in Echtzeit und mit der geringsten Latenz kommunizieren" müssten. Zudem sei geplant, die Fahrzeug-Software künftig via 5G aufzuspielen.

Netzbetreiber fürchten Auftragseinbußen

Auf Widerstand stößt die geplante Frequenzvergabe an Unternehmen bei den etablierten Netzbetreibern, die sich aktuell auf die Auktion wichtiger weiterer 5G-Frequenzblöcke vorbereiten, die am 19. März beginnen könnte. Sie fürchten den Verlust wichtiger Geschäftskunden.

Der Chef von Vodafone Deutschland, Hannes Ametsreiter, kritisiert die geplante Frequenz-Zuteilung an bislang branchenfremde Unternehmen scharf - zumal diese auf Antrag und ohne Auktion gegen eine überschaubare, fixe Gebühr vergeben werden sollen. Das mache "Investitionen für uns weniger attraktiv, kalkulierbar und zukunftsfähig", sagt der Manager.

Womöglich entstünden den Netzbetreibern dadurch sogar neue Wettbewerber jenseits der Werksgelände, so Ametsreiter: "Das Gegenteil von dem passiert, was uns immer versprochen wurde: Denn die Campus-Netzbetreiber dürfen nach aktuellem Stand sogar Dienste außerhalb ihrer Gelände für Dritte anbieten."

Die bisherigen Netzbetreiber versuchen nun, wichtige Industriekunden mit eigenen Komplett-Paketen zu halten - indem sie selbst eigens zugeschnittene private 5G-Inseln für Industriekunden planen und bauen, und auf Wunsch auch betreiben und warten.

Ametsreiters Vodafone nahm im November seinen ersten deutschen 5G-Sendemast in Aldenhoven in Betrieb und kündigte an, "als Partner für die Wirtschaft" zusammen mit dem Aachener Elektrokleinfahrzeugbauer e.GO die erste 5G-Produktionstätte zu errichten. Für die Telekom drückte Innovationsvorstand Claudia Nemat vorige Woche bei einer Mobilfunkkonferenz in Barcelona symbolisch den Startknopf für eine ähnliche Kooperation mit dem Leuchtmittelhersteller Osram.

Es dauert, bis 5G bei den Verbrauchern ankommt

Nach Ansicht von Torsten Gerpott, Experte für Technologieplanung an der Universität Duisburg-Essen, werden vor allem derlei Industrie-Anwendungen die nächste Mobilfunkgeneration in Deutschland vorantreiben. Mit einem Massenmarkt für Verbraucher rechnet er hierzulande hingegen erst "Mitte der 2020er-Jahre".

Das "Jammern" und die Klagen der Netzbetreiber über die Frequenzkosten und die Auflagen hält Gerpott für überzogen: "Aktuell werden mit Mobilfunk in Deutschland rund 25 Milliarden Euro jährlich umgesetzt", sagt er. "Bei einer Laufzeit von 20 Jahren müssen die Betreiber also etwa ein Prozent davon in die Frequenzen investieren, da habe ich wenig Mitleid."

Die drei etablierten Netzbetreiber Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica hatten sich mit Eilanträgen am Verwaltungsgericht Köln gegen die Bedingungen der geplanten Auktion gewandt. Sollte das Verwaltungsgericht den Anträgen stattgeben, könnte das den geplanten Auktionstermin hinfällig machen. "Es droht dann eine Verzögerung, vielleicht sogar um Jahre", warnt der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, gegenüber dem SPIEGEL.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Meldung hieß es, Gaimersheim liege in der Nähe von Augsburg. Tatsächlich liegt es in der Nähe von Ingolstadt.

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