Sascha Lobo

Social-Media-Reaktionen Hilflose Übersprungswut

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Bilder und Berichte aus Afghanistan erinnern in ihrer schmerzhaften Wucht an den 11. September. In sozialen Medien offenbaren sich verstörende Reaktionsmuster – angefangen bei der Hasswut auf die deutsche Politik.
Afghanen am Flughafen in Kabul: Monstrosität der Bilder

Afghanen am Flughafen in Kabul: Monstrosität der Bilder

Foto: Shekib Rahmani / AP

Es ist ein Horror, dass in Afghanistan die islamistisch-extremistischen Taliban die Macht übernommen haben. In Erinnerung aus ihrer letzten Herrschaft geblieben ist: Musik und Tanz waren verboten, unersetzliche Kulturgüter wurden gesprengt – in erster Linie aber mussten Frauen, Mädchen, Homosexuelle und nicht-islamistische Männer millionenfach bitter bezahlen. Die Aufnahmen von Menschen, die sich nun in nackter Panik an Flugzeuge hängen und schließlich aus ein paar Hundert Metern Höhe abstürzen, erinnern in ihrer schmerzhaften Wucht an den 11. September 2001. Die Monstrosität der Bilder, die wir vor allem in sozialen Medien sahen, war eine Vorahnung, was für eine Qual auf viele Menschen in Afghanistan zurast.

Viele Reaktionen in den deutschsprachigen sozialen Medien waren nachvollziehbarerweise überschäumend. Für mich persönlich habe ich vor langer Zeit eine Regel gefunden, nichts zu posten, wenn ich sehr wütend, sehr traurig oder sehr beides bin (das ist ausdrücklich keine Aufforderung, es ebenso tun zu müssen). Diese Regel ist weniger meinem genialischen Einsichtsvermögen entsprungen, sondern dem wiederholten Posten von spektakulärem Unfug in solchen Situationen, wofür ich danach eine Art Social-Media-Kater bekam.

Nach den verheerenden Bildern hätte ich meine Regel beinahe gebrochen, zu stark war der Wunsch, der eigenen Hilflosigkeit wenigstens etwas kommunikative, kollektive Bewältigung entgegenzusetzen. Es wäre wohl schwierig geworden – so, wie es bei vielen Leuten in den Erst- und Zweitreaktionen schwierig wurde. Wahrscheinlich hat die große Mehrheit der Menschen vollkommen nachvollziehbar, erschüttert, wütend, traurig, eben menschlich gepostet. Aber es gab auch einige verstörende bis katastrophale Reaktionsmuster. Drei davon möchte ich herausheben. Wir sind im Wahlkampf, in sozialen Medien werden Stimmungen gesetzt, die über Multiplikatoren und redaktionelle Medien das ganze Land erfassen und schließlich sogar die Politik Deutschlands in Sachen Afghanistan beeinflussen können.

Übersprungswut

Fokus auf Deutschland: Es gibt ohne Zweifel viele, viele Fehler und Unterlassungen der Bundesregierung , über die man wütend sein kann, sein muss. Und es werden durch Recherchen sicher noch viele dazukommen. Aber ich glaube, in der Hitze des sich entfaltenden Horrors eine andere Mechanik beobachtet zu haben: Übersprungswut. Eigentlich hätte der größte Furor der sozialen Medien zunächst auf die Urheber des Horrors gerichtet sein müssen – die mörderischen Taliban selbst.

Aber es ist nicht leicht, auf gesichtslose Gruppierungen ohne im Westen prominente Führungsfiguren wütend zu sein. Soziale Medien funktionieren extrem personalisiert, deshalb hat sich die massenhafte Wut entladen, wo sie greifbare Adressaten hatte. Meine These ist, dass auch deshalb der deutschen Spitzenpolitik eine geradezu gigantische Hasswut entgegenschlug, die größer war als ihre jeweiligen Fehler und Zumutungen. Fast als hätten Armin Laschet, Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer soeben persönlich die Scharia in Kabul eingeführt. Manchmal geschah das auf Basis von falschen oder unvollständigen Informationen: Wut factcheckt nicht.

Als etwa die Bundeswehrmaschine, die Fallschirmjäger zum Schutz deutscher Staatsangehöriger nach Kabul transportiert hatte, mit nur sieben Passagieren  wieder abhob, entfachte sich auf Twitter, Instagram und Facebook ein Social-Media-Inferno. Der Hashtag #SiebenMenschen war zeitweise auf Platz eins der deutschen Twitter-Charts. Zehntausende Male wurde verbreitet, wie sehr man sich schäme, wie groß der Unterschied zu den Amerikanern sei, die ein voll besetztes Flugzeug hatten starten lassen. Vermutungen eskalierten, fehlende Listen seien der alleinige Grund dafür. Vollends geschichtsvergessen und bizarr twitterten Leute, man hätte ja in Deutschland Erfahrung darin, Menschen wegen Listen sterben zu lassen. Das alles in höchster Erregung – aber ohne jede verlässliche Information aus Kabul.

Dass es in einer Extremsituation wie einem Guerillakrieg samt Revolution und Machtübernahme von islamistischen Extremisten sowie fluchtartigem Verlassen und Panik von Tausenden Menschen auch andere Gründe geben könnte für einen solchen Start – egal. In der Tat hört sich die Erklärung des Verteidigungsministeriums  plausibel an, sowohl die Taliban wie auch die US-Streitkräfte hätten den Flughafen abgeriegelt, und nachdem die Fallschirmjäger von Bord gegangen waren, habe man aus Sicherheitsgründen nach sehr kurzer Zeit wieder starten müssen.

Es ist nicht gesagt, dass hier an dieser Stelle kein Versagen vorlag, und ich freue mich schon auf den kommenden Untersuchungsausschuss, der – je nach den Farben der nächsten Regierung – sicherlich viele Fehler, Versäumnisse und strukturelle Menschenfeindlichkeiten aufdecken wird. Aber die Übersprungswütenden konnten es zum Zeitpunkt ihrer Explosion einfach noch nicht wissen. Dabei kann ich gut verstehen, dass solche Ausbrüche passieren, ich habe mich wahrscheinlich selbst schon häufiger davontragen lassen. Das Fatale ist leider, dass mit jedem nicht faktengedeckten Ausbruch die Kraft der gerechtfertigten Wut schwächer und irrelevanter wird. Und gerade aufrechte Social-Media-Wut wird gebraucht. Sie ist ein wichtiges politisches Korrektiv.

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Spontanbigotterie

Konservative forderten, Frauen und Kinder vor den Taliban zu schützen, aber sie um Gottes Willen nicht nach Deutschland zu bringen (es sind ja trotz allem ausländische Muslime) – in Deutschland ist ihnen der Feminismus dann eher im Weg. Progressive forderten umgehend eine robuste, also Waffen-bewehrte Luftbrücke, aber hielten jahrzehntelang den Rüstungsetat für viel zu hoch und die Bundeswehr für bäh. Linke forderten alles gleichzeitig, die Plakate »Bundeswehr raus aus Afghanistan« noch vom letzten Wahlkampf im Keller. Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten der Bigotterie, aber was in sozialen Medien zu Afghanistan spontan geäußert wurde, offenbarte eine Reihe ideologischer Lebenslügen in der globalisierten, vernetzten Welt.

Dass man eine schlagkräftige, gut ausgerüstete Armee auch dann braucht, wenn man eigentlich Friedensmacht sein möchte (sie sollte halt so wenig rechtsradikal wie möglich sein). Dass Konservative nicht gleichzeitig von heiligen Werten schwadronieren und den Tod von Menschen billigend in Kauf nehmen können (können sie leider doch, man darf es ihnen bloß nicht durchgehen lassen). Dass Pragmatismus der Sorte Merkel in Krisensituationen klug erscheinen mag – aber in horrende moralische Abgründe führen kann. Bigotterie hin oder her: Allen sei zugestanden zu lernen, aber dafür muss auch eine Einsicht erkennbar sein. Und die gab es dankenswerterweise sogar, von konservativer Seite, in Form eines Tweets des CDU-Abgeordneten Roderich Kiesewetter. Er sagte zum grünen Vorstoß im Juni, die afghanischen Hilfskräfte der Bundeswehr zu evakuieren:

»Es war ein großer und gravierender Fehler, den Antrag der Grünen – aus Prinzip – abzulehnen . Punkt.«

Drama-Surfing

Eine (soweit ich weiß) bisher unbenannte Social-Media-Kategorie möchte ich Drama-Surfing nennen. Ähnlich wie beim Agenda-Surfing geht es darum, die eigenen Themen bei aktuellen Ereignissen hochleben zu lassen und damit den ursprünglichen Anlass herabzuwürdigen. Je katastrophaler das Ereignis, desto beschämender das Drama-Surfing – deshalb wirkten die zahlreichen plumpen Übernahmeversuche umso bitterer.

Im Europa-Wettbewerb um den ekligsten Afghanistan-Tweet einer politischen Persönlichkeit war die Konkurrenz groß. Rechte Menschenfeinde, konservative Zyniker, Egozentriker aller Art haben solide vorlegt. Umso eindrucksvoller gewann ein linker Politiker, nämlich der ehemalige griechische Finanzminister und Kurzzeitgegenspieler von Wolfgang Schäuble, Yanis Varoufakis, Kämpfer gegen alles Neoliberale. Er twitterte : »An dem Tag, an dem der liberal-neokonservative Imperialismus ein für alle Mal geschlagen wurde, sind die Gedanken von DiEM25 [seine Partei] mit den Frauen von Afghanistan. Unsere Solidarität bringt ihnen vermutlich wenig, aber mehr können wir vorerst nicht anbieten. Haltet durch, Schwestern!« Ja, das ist sicher, was die afghanischen Frauen trotz allem gerade mit gleißender Freude erfüllt, dass die Taliban die von Varoufakis gehassten neoliberalen Amis besiegt haben, bald werden sich selbst die ärmsten Frauen Burkas leisten können.

Die Übersprungswut erscheint mir trotz ihrer Verwerflichkeit irgendwie verzeihlich, weil sie etwas Menschliches hat, jedenfalls wenn man sie danach bei sich erkennt und korrigiert. Auch die Spontanbigotterie wird erst dann wirklich schlimm, wenn sie sich verfestigt und zur Dauerbigotterie wird. Drama-Surfer im Fall Afghanistan aber möchte ich dazu ermutigen, ihr Anliegen bei den Taliban persönlich vorzutragen.

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