Patrick Beuth

Angst vor der Rache der Taliban Der digitale Notausgang fehlt

Patrick Beuth
Ein Kommentar von Patrick Beuth
Smartphones, soziale Netzwerke und Biometrie-Datenbanken: Digitale Spuren können Frauen und Männer in Afghanistan an die Taliban verraten. Aus diesem Albtraumszenario sollte der Westen etwas lernen.
Ein US-Soldat überprüft die Identität eines Afghanen (Archivbild): Auf das Schlimmste vorbereitet?

Ein US-Soldat überprüft die Identität eines Afghanen (Archivbild): Auf das Schlimmste vorbereitet?

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BAZ RATNER/ REUTERS

Noch ist so vieles nur Gerücht, Anekdote oder Befürchtung, oder allenfalls ein Bericht mit dünner Quellenlage: Die afghanischen Taliban hätten jetzt wahrscheinlich Zugang zu staatlichen biometrischen Datenbanken und Gesichtserkennungstechnologie, befürchtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights First . Selbst entsprechende Ausrüstung der US-Armee sei ihnen in die Hände gefallen – damit sei es möglich, deren Helfer zu identifizieren, schreibt »The Intercept«  unter Berufung auf anonyme, teils ehemalige Militärangehörige. Jungen und Männer »gehen hektisch ihre Smartphones durch und löschen Nachrichten, die sie gesendet, Musik, die sie gehört und Fotos, die sie gemacht haben«, berichtet die BBC-Journalistin Sana Safi  auf Twitter. Sie sollten zuallererst ihre LinkedIn-Lebensläufe löschen, das sei das Erste, was die Taliban kontrollieren würden, mutmaßt Emerson Brooking  von der Washingtoner Denkfabrik Atlantic Council.

Technik, Internetdienste und Datenbanken könnten jene Menschen in Afghanistan verraten, die Rachetaten der Taliban fürchten müssen – das ist das Horrorszenario. Die Islamisten beteuern zwar, nichts dergleichen im Sinn zu haben, doch kaum jemand glaubt ihnen. Deshalb wächst innerhalb des Landes die Angst, während außerhalb des Landes die dunkle Ahnung wächst, nicht nur den physischen Rückzug aus Afghanistan vermasselt zu haben – sondern auch den digitalen.

Tatsächlich braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Spuren die Taliban nachverfolgen könnten, wenn sie wollten. Kontrollieren sie die Behörden, haben sie Zugriff auf Datenbanken, mit deren Hilfe sie zum Beispiel Staatsbedienstete oder Angehörige bestimmter Ethnien identifizieren könnten. Kontrollieren sie Provider im Land, haben sie – abhängig von deren bisherigen Speicherstandards – Zugriff auf Verbindungs- und möglicherweise Standortdaten. Kontrollieren sie die verlassenen Büros von Hilfsorganisationen, haben sie womöglich Zugriff auf deren zurückgelassene Computer und digitalen Unterlagen. Schauen sie sich soziale Netzwerke an, entdecken sie eventuell Kontakte, die jemanden in Lebensgefahr bringen können. Überprüfen sie einzelne Smartphones, kann alles von Kontakten, Chats und Mails über Bilder, Videos, Musik bis hin zu Apps und dem Browserverlauf gefährlich sein.

Sicherheit lässt sich nicht nachholen – das gilt auch für den Westen

Für vieles ist es möglicherweise schlicht zu spät. Smartphones lassen sich zwar schnell auf Werkseinstellungen zurücksetzen, aber natürlich ist ein Gerät ganz ohne Nutzungshistorie verdächtig. Alle anderen digitalen Infrastrukturen sind auf einen Machtwechsel wie diesen schlimmstenfalls überhaupt nicht vorbereitet, und sie liegen außerhalb des Einflussbereichs der einzelnen Betroffenen.

Man sollte engagierte und mutige Journalistinnen und Politiker, Frauenrechtlerinnen und Militärhelfer sicherlich nicht unterschätzen: Manche werden sich auf das Schlimmste vorbereitet haben: Wegwerf-Telefone, Tarnidentitäten und andere Maßnahmen der sogenannten Operations Security (Opsec) könnten ihnen jetzt vorerst das Leben retten. Aber Opsec lässt sich nicht nachholen, und vielen potenziell Betroffenen dürften die digitalen Notausgänge fehlen. Weil die Entwickler von digitalen Technologien sie nicht mitdenken und die Regulierer erst recht nicht.

Vielleicht braucht es so ein drastisches Beispiel wie Afghanistan, damit westliche Politiker besser verstehen, warum Digitalexpertinnen und -experten seit vielen Jahren vehement gegen die Datensammelwut der großen Konzerne oder eine staatlich verordnete Vorratsdatenspeicherung protestieren, gegen Staatstrojaner und die zunehmenden Überwachungs- und Zugangsbefugnisse von Sicherheitsbehörden, gegen Kameras mit Gesichtserkennung in jeder Bahnhofsecke. Es geht ihnen nicht unbedingt um die Behörden und Regierungen von heute. Sondern um die, die niemand kommen sieht.

Es geht nicht nur darum, was heute in einer Datenbank steht, sondern darum, ob das irgendwann mal jemandem als verdächtig gelten könnte. Es geht nicht darum, wie selten eine neue Überwachungsinfrastruktur im Jahr nach ihrer Einführung genutzt wird. Es geht darum, wie häufig das passiert, wenn diejenigen, die sie beschlossen haben, nicht mehr im Amt sind. Gesetzgeber müssen aufhören, nur sich selbst in ihrer Rolle zu sehen. Sind Daten erst einmal in die falschen Hände geraten, ist es dafür zu spät.

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